Technik

Einfach die größte Zugmaschine der Welt

Alleine 36 Tonnen schwer, mehr als viereinhalb Meter hoch und dreieinhalb Meter breit, bis zu 1000 PS und 1000 Tonnen Zugkraft, die von acht angetriebenen Rädern auf den Boden gebracht werden: Der Tractomas ist einfach die größte Zugmaschine der Welt. So steht’s seit 2005 auch im Guinness-Buch der Weltrekorde – erreicht mit vier für Südafrika produzierten Tractomas 10x10, die einen 333 Tonnen schweren Transformator bewegten.

Wie lässt sich so ein Riese in der Praxis bewegen? Ist die schiere Kraft beherrschbar? Wo kann so ein Trumm ökonomisch sinnvoll eingesetzt werden? Um diese Fragen praktisch beantworten zu können, hatte die Transporter Industry International GmbH (Scheuerle, Nicolas, Kamag) im Sommer zu Testfahrten ins beschauliche Champs sur Yonne im französischen Burgund eingeladen. Auf dem Firmengelände von Nicolas war ein Rundkurs für die geladenen Fachjournalisten aus ganz Europa eingerichtet worden.

Projektingenieur Sébastien François.
Projektingenieur Sébastien François.

Die TII-Gruppe mit ihren Unternehmen hat eine lange Tradition, was den Schwertransport angeht. Scheuerle aus dem schwäbischen Pfedelbach war die erste Firma, die hydraulisch unterstützte Achsen in fast beliebiger Anzahl bündelte und steuerte. Im Mining-Sektor lassen sich beispielsweise die größten Liebherr-Bagger mit mehreren InterCombi SP-Einheiten unabhängig von Zugmaschinen problemlos und schnell von einer Einsatzstelle zur nächsten manövrieren. Große CAT-Dumper finden für einen Schwertransport auf straßentauglichen MDEL-Trailern Platz.

Doch nun gilt’s. Der 2013 überarbeitete Riese wartet vor den Werkshallen. Gefällig fügt sich die Fahrerkabine eines Renault-Kerax-Lkw in die durch das Kühlgehäuse für den CAT C27 Acert-Diesel bestimmte Plattform ein. 12 Zylinder werkeln im Leerlauf vor sich hin. Ihre Kraft wird durch ein Allison M8610-Getriebe mit einer Sechsgangautomatik auf die Fahrbahn gebracht. Feststellbremse lösen, und schon setzt sich das hausgroße Fahrzeug in Bewegung – etwas ruckelig. Was zunächst irritiert, lässt sich schnell erklären: Die Zugmaschine hat keine Last am Haken und schaltet erst, wenn ein Gang wirklich ausgefahren ist. Auch lasten nicht die optional erhältlichen 18 oder 27 Tonnen Ballast oder eine hinter dem Motor zu installierende Aufenthaltskabine auf den Hinterachsen.

Versierte Fahrer kommen schon auf der kurzen Strecke bis zur ersten Linkskurve ordentlich auf Tempo. Wer nicht jeden Tag ein rechtsgelenktes Haus auf Rädern pilotiert, sollte zumindest die erste Biegung vorsichtig nehmen: die Servolenkung nicht zu zaghaft anfassen, ein kurzer Lenkeinschlag, wie von der Straße gewohnt, reicht nicht. Beide Eigenheiten sind dem eigentlichen Einsatzfeld des Tractomas geschuldet: viel Last in unwegsamen Gelände zu bewegen.

Die erste Testfahrt gebührt einer Kollegin. Die leicht modifizierte Fahrerkabine ist die eines Renault Kerax.
Die erste Testfahrt gebührt einer Kollegin. Die leicht modifizierte Fahrerkabine ist die eines Renault Kerax.

Zusätzliche Sicherheits-Features

Rollt der Gigant erst einmal, entwickelt auch ein Neuling am Lenkrad schnell ein Gefühl für die Abmessungen. Dabei hilft eine Besonderheit des in Frankreich getesteten Typs: Nach den australischen Richtlinien für mobiles und transportables Material im Mineneinsatz (MDG 15) besitzt dieses Exemplar Sicherheits-Features wie stabilere ROPS/FOPS-Strukturen für Kabine und Aufbauten, ein an seitlichen Auslegern des „Überrollbügels“ montiertes Kamerasystem, sichere Treppenaufgänge sowie ein spezielles Beleuchtungssystem. Diese Sicherheitsoptionen sind nach den Worten von Projektingenieur Sébastien François auch für andere Einsatzbereiche wie den Schwertransport als Zubehör orderbar – allerdings aufpreispflichtig.

So wäre der Tractomas eventuell eine Option für große Baustofftagebaue in Deutschland.

Hängen am Zugfahrzeug beispielsweise die vier Fünfachsanhänger, die für den Betrieb in Australien vorgesehen sind, lassen sich deren Bordwände vom Fahrerplatz aus öffnen, der Abkippvorgang steuern. Die Bedienelemente in der Konsole wirken etwas rustikal – verständlich bei den Einsatzbedingungen. Aber die Konzentration gilt dem Weg über das Werksgelände. Enge Kurven wechseln sich ab mit kurzen Geraden und kurzen Fotostopps für Kollegen, die wie Ameisen am Fahrbahnrand kauern. Später, nach dem Abstellen, wagt sich ein Fotograf unter den Koloss und bringt ein Bild von einer direkt auf der Kardanwelle angeflanschten Scheibenbremse mit ans Tageslicht.

Zurück zum Ausgangspunkt traut sich auch der Ungeübte etwas mehr Gas zu geben. Tractomas rollt stoisch gerade aus zur letzten Herausforderung des Parcours: vorsichtig bremsen und den Wahlhebel der Automatik auf „R“ stellen, Blick auf den Monitor der Rückfahrkamera – hinten alles frei? Ein ungewohnter, nach Getriebeschaden klingender Warnton informiert die Arbeiter in der Nähe von dem Wendemanöver. Auch dieses gelingt ohne Probleme. Der Respekt vor dem Riesen ist gewichen – und nun das Ganze noch mal mit Anhängelast. Aber dieses Vorhaben lässt sich auf dem Werksgelände leider nicht realisieren.

Am Überrollbügel sind Kamera und Sicherheitsbeleuchtung montiert.
Am Überrollbügel sind Kamera und Sicherheitsbeleuchtung montiert.
Treffen der Giganten auf dem Werksgelände von Nicolas im Burgund. Der Tractomas wartet hinten vor der Halle auf die nächste Probefahrt.
Treffen der Giganten auf dem Werksgelände von Nicolas im Burgund. Der Tractomas wartet hinten vor der Halle auf die nächste Probefahrt.

Fazit der Probefahrt: Der während der Bauma 2013 in München erstmals vorgestellte Tractomas ist ein sanfter Riese, der sicher auch in deutschen Tagebauen seine Berechtigung hätte, beispielsweise als flexibler Ersatz für einen Transport von Schüttgütern per Förderband. Oder natürlich als Zugmaschine für Schwertransporte, etwa von größten Mining-Baggern. Die Frage dabei ist, ob sich die Investition lohnt: Es werden je nach Ausstattungsvariante Einstandspreise von rund einer Million Euro gehandelt. Dennoch scheinen sich die anderthalb Jahre Entwicklungszeit für das aktuelle Modell der Franzosen zu lohnen. Nach Angaben von Sébastien Porteu, Geschäftsführer von Nicolas Industrie, können pro Jahr 20 Stück produziert werden. Und der anhaltende Rohstoffboom sorgt augenscheinlich für eine anhaltende Nachfrage: 90 (!) Vorbestellungen sollen beim Weltmarktführer für Schwertransporte vorliegen.

Und wer sparen muss, kann sich zunächst eine Mini-Variante des Tractomas anschaffen: Zum Abschied gibt es für die Testfahrer noch einen Lego-Bausatz. Der passt locker in jeden deutschen Steinbruch.

Jörg Nierzwicki, BG RCI

Von der Probefahrt mit dem Tractomas gibt es unter www.steine-und-erden.net ein Video aus der Perspektive einer am rechten Außenspiegel montierten Kamera!

Der Tractomas (hinten) im Vergleich mit einem (normalen) Schwertransporter.
Der Tractomas (hinten) im Vergleich mit einem (normalen) Schwertransporter.
Der Tractomas auf Testfahrt. Das Steuer im hallenhohen Cockpit liegt rechts – dieser Typ ist für Australien vorgesehen.
Der Tractomas auf Testfahrt. Das Steuer im hallenhohen Cockpit liegt rechts – dieser Typ ist für Australien vorgesehen.
 
Weitere Informationen

TII Transporter Industry International

T +49 7131 7623 – 0

info@tii-group.com

www.tii-group.de


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