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Biodiversität in Gesteinsbetrieben

Paradiesische Zustände

Die Unternehmen der Gesteinsindustrie nutzen für die aktive Gewinnung von Naturstein, Kies und Sand insgesamt nur 0,03 bis 0,04 % der Landesfläche in Deutschland, um die Nachfrage nach Gesteinskörnungen zu decken. Dass für die Gewinnung dieser wichtigen oberflächennahen Bodenschätze Eingriffe in die bestehende Kulturlandschaft erforderlich sind, ist unumgänglich und bekannt. Weniger bekannt ist dagegen, welche Artenvielfalt sich parallel und im Gefolge der Gewinnung auf den neu geschaffenen Arealen im zügigen Tempo entwickelt.

Mufflon im Steinbruch.
Mufflon im Steinbruch.

Nicht erst nach Abschluss einer Lagerstättennutzung, sondern bereits während der Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe passiert Erstaunliches: Seltene Arten aus Flora und Fauna ergreifen von den ansonsten rar gewordenen freigelegten Trockenflächen, Rohböden, kleinen Steinhaufen und Flachwasserzonen Besitz. Rasch regt sich amphibisches Leben in wassergefüllten Fahrspuren von Arbeitsmaschinen, Insekten nutzen das Angebot der sich rasch ausbreitenden spezialisierten Pflanzen, Reptilien sonnen sich auf Trockenböden und Steinen, Uhus finden Nistplätze in Bruchwänden, seltene Vogelarten, Fledermäuse und Kleinsäuger besiedeln Flächen und Wände. Stolze Greifvögel fühlen sich von diesem besonderen Lebensraum angelockt. Es gehört zum gängigen Bild, dass sie ausdauernd über Steinbrüchen und Kiesgruben kreisen.

Dynamischer als gedacht!

Immer wieder lässt sich gerade in den Geländen aktiver Gewinnungsbetriebe beobachten, wie lokale Naturparadiese quasi im Zeitraffer entstehen. Eine tolle Sache, die jedoch für die tätigen Unternehmen nicht ganz unproblematisch ist. In der Vergangenheit kam es verschiedentlich nämlich gerade dadurch auch zu Konflikten mit dem Natur- und Artenschutzrecht. Gewinnungsstopps oder Verpflichtungen zu weiteren Ausgleichsmaßnahmen waren die wenig wünschenswerte Folge. Dabei stellte sich heraus: Negativ betroffen sind in solchen Fällen nicht nur die Unternehmen, sondern auch der geschilderte Naturreichtum. Angesichts dieser Beobachtungen war eine steile Lernkurve gefragt. Denn da ein auf Bewahrung ausgelegter Naturschutz für solche Szenarien nichts bringt, ist Dynamik hier das weit tauglichere Mittel, um einen effektiven Schutzzweck zu erfüllen. Nun werden – über bereits bestehende regionale Vereinbarungen hinaus – rechtliche Lösungsansätze gebraucht, die zu einem praktikableren Umgang mit dem Thema „Natur auf Zeit“ führen.

Uhu mit Nachwuchs.
Uhu mit Nachwuchs.

Gesteinsbranche als Vorzeigekandidat

Dass sich immer mehr Unternehmen der Gesteinsindustrie stark engagieren, um die Biodiversität in ihren Betriebsgeländen zu fördern, ist nicht unbemerkt geblieben und wird von verschiedensten Umwelt- und Naturschutzorganisationen auf Regional- und Landesebene anerkannt. Zahlreiche Kooperationsprojekte zwischen Regional- und Landesverbänden der deutschen Gesteinsindustrie mit Natur- und Umweltschutzorganisationen sind im Ergebnis dieser anteiligen Interessenüberschneidung entstanden. Das gleiche gilt für Einzelvereinbarungen, die verschiedene Unternehmen mit örtlichen Vereinen getroffen haben. Diverse Leitfäden zum Biodiversitätsmanagement wurden erstellt und bündeln die best-practice-Erfahrungen. Insgesamt kann die Branche auf mehr als 30 Vereinbarungen, Kooperationsverträge und Projekte im Sinne einer umweltverträglichen Gewinnung und einer Unterstützung der Biodiversität bundesweit verweisen.

In Kürze soll ein weiterer „Schatz“ gehoben werden, denn in den Unterlagen und Dokumentationen der Gewinnungsunternehmen finden sich zahlreiche Angaben zur Arten-Ansiedlungsdynamik, die auf Beobachtungen und praktischen Erfahrungen beruhen. Dieser große Fundus an Wissen – gesammelt über mehrere Jahrzehnte hinweg – soll absehbar in ein System münden, mit dem sich beweiskräftige Daten zur Biodiversitätsentwicklung nicht trotz, sondern gerade wegen der Gewinnungstätigkeit generieren lassen. Basis dieser so genannten bundesweiten Biodiversitäts-Datenbank ist das von der organisierten Gesteinsindustrie in Baden-Württemberg etablierte Modell. Mittlerweile wurde das Pilotprojekt auf die Ebene des Bundesverbandes Baustoffe – Steine und Erden (bbs) gehoben, um über den Dachverband der Produzenten mineralischer Roh- und Baustoffe eine weitreichende Datenbasis generieren zu können. Mit ersten Ergebnissen aus dem Datenpool wird in zwei bis drei Jahren zu rechnen sein. Bis dahin werden überzeugende Einzelergebnisse weiterhin die Plausibilität der Beobachtung stützen, dass die Rohstoffgewinnung positive Zeichen gegen den vielfach beklagten Artenschwund setzt und mit lokalen Gegentrends aufwarten kann.

Eidechse beim Sonnenbad
Eidechse beim Sonnenbad (Fotos: Miro Fotowettbewerb).
 
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