Unternehmensführung

Was eine gute Alltagskommunikation in der Führung (nicht) ausmacht

Zugehörigkeitscodes und Phrasendrescherei

Es gibt sie überall im Business – die sprachlichen „Zugehörigkeitscodes“. Die sogenannte Fachsprache wird dazu genutzt, um sich unter seinesgleichen zu verständigen. Wir alle wissen aber auch, dass es Sinn macht, sie zu hinterfragen, wenn wir mit Außenstehenden reden. Ein Beitrag von Stefan Häseli, Experte für Alltagskommunikation.

Allen Informatikern ist zu raten, Sätze wie „Der Speichercontroller sitzt nicht mehr auf dem Mainboard in der CPU, rebooten Sie das System doch nochmals.“ im Dialog mit Normalsterblichen zu vermeiden. Aber reden wir nicht von Informatikern und anderen Fachexperten, die wir ja alle auf die eine oder andere Art und Weise sind. Ich möchte mich heute auf die Sprache von Führungspersonen fokussieren. Diese hat ganz besonders, aber im Grunde wie immer in der Kommunikation, das Ziel, Brücken zu bauen. Ob anordnen, ernst nehmen, Ziele setzen, Verständnis zeigen, coachen, fördern oder fordern – immer, wenn Führungskräfte mit Mitarbeitern in den Dialog treten, hat das Gespräch hoffentlich ein Ziel. Das Minimalziel sollte aber zumindest sein, dass man sich versteht.

Händedruck auf der Baustelle
Hand drauf: Greifbare, verlässliche Aussagen in einem Gespräch auf Augenhöhe sind ungleich mehr wert als hohles Business-Geschwafel. // Foto: (© ArturVerkhoetskly/Shotshop.com)

Nicht abheben

Das Minimalziel steht ganz vorne, beim Einfachen. Und das Einfache ist oft das, was unbewusst geschieht. Unbewusstes geschieht gerade in der Kommunikation so, dass es aufgrund einer Rolle entsteht. Sobald ich als „Vater“ vor meinen Kindern stehe, lade ich einen anderen Wortschatz auf, als wenn ich mit meiner Frau in einem gepflegten Restaurant den 20. Hochzeitstag feiere. Da muss ich nicht viel denken ... allerdings wäre es trotzdem gut, wir würden es ruhig wieder einmal tun. Gerade Führungskräfte laufen oft Gefahr, auch sprachlich abzuheben. Da beginnen Menschen ein Early-Morning-Board, und tun im Grunde nichts anderes, als den Tag zu besprechen. Weiter geht’s mit Meetings, Quick-and-Quality-Time-outs, an denen getalkt, gebrieft und getrackt wird. Klar, man kann auch sagen: Wir besprechen uns kurz, um eine Entscheidung zu treffen. Aber das wäre ja nicht mehr up-to-date!

Vom „Human-Factor“ zum normalen Menschen

Beim Face-to-face mit dem Direct-and-End-Consumer könnte man auch von Kundengespräch reden, aber ein Key-Account-Manager ist ja kein Verkäufer und verkauft, sondern er committet sich im Sales-Business. „Mal was suchen oder abklären“ war gestern, heute wird gegoogelt. Wir genießen den Casual-Friday ohne Krawatte, klären das aber vorher noch in einem Conference-Call ab. Projekte werden oft nicht mehr durch-, sondern nur noch angedacht. Ist ja auch viel effizienter und bevor man etwas ‚aufgleist‘, sollten wir uns noch ‚rückkoppeln‘. Eine Task-Force ‚forciert‘, ist sich zwar nicht immer bewusst, was die ‚Exit-Strategie‘ ist, aber Hauptsache, wir gehen das ‚proaktiv‘ (weil wohl ‚aktiv‘ zu wenig aktiv ist …) an. ‚Anyway‘… ‘finale Details sind zu klären‘, bevor der ‚Rollout‘ maximal ‚am Fliegen‘ ist. Wenn Sie schlussendlich noch übers Image an einem ‚Prio-1-Setting‘ teilnehmen, kann in Sachen ‚Corporate-Identity‘ kaum mehr etwas schiefgehen. Außer ein ‚Outsider‘ meldet sich im ‚Blind-Blog‘ noch über den USP des Added Value im Halo Effekt. Spätestens aber beim ‚Business-Lunch‘ wird jeder ‚Human-Factor‘ wieder zum normalen Menschen, der nichts anderes als ein ziemlich natürliches Hungerbedürfnis hat.

Statt nichtssagender Sprüche …

Es gibt nicht nur englische, sondern auch manche neuen, deutschen Wörter, die über Zugehörigkeitscodes den Einzug ins Leben und schlussendlich eines Tages in den Duden finden. Nun, unter Umständen kann der Andere das alles in der modernen Zeit sogar „übersetzen“. Ansonsten ist fast alles „im Fluss“, der „Wandel ist die einzige stetige Größe“ und dass wir für alles „Geld in die Hand nehmen“, ist ebenfalls ein „must-have“ oder zumindest ein „nice-to-have“. Wäre da nicht auch noch die Phrasendrescherei, die gerade in der Führung von außen mindestens ebenso schmerzhaft wahrgenommen wird. Es ist wieder „in“, Plakate zu drucken mit „Zielbild Kunde – wir stehen alle von morgens bis abends im Dienst des Kunden“. Auf dem Weg zur Kantine, auf dem Startbildschirm – in unaufdringlicher Penetranz strahlen sie, die schlussendlich nichtssagenden Sprüche.

… und austauschbarer Begriffe …

Wenn sich nun rechnerisch gesehen jedes dritte Unternehmen Innovation und Kundenfokus als Leitwert auf die Fahne schreibt, dann müsste es uns als Kunden ja eigentlich gut gehen. Eigentlich! Ich will hier wahrlich nicht alles schlecht reden oder schreiben. Selbstverständlich gibt es Beispiele von Unternehmen, die das tatsächlich spürbar umsetzen. Es geht hier nicht einfach um den führungsmethodischen Ansatz, dass Leitbilder leben sollen, dass deren Inhalte auch umgesetzt werden. Es beginnt bereits bei der Kommunikation der Aussagen und Werte. Diese füllen schließlich auch die Powerpoints-Slides von Führungskräften und bespicken Meetings.

… lieber greifbare Aussagen!

Darum sind diese Begriffe zu hinterfragen und zu konkretisieren. WAS ist innovativ? WAS ist kundenfokussiert? WAS verstehen wir unter Qualität? Nennen wir das Kind beim Namen. In der mündlichen Kommunikation von Führungskräften ist das ein MUSS. Wenn es Unternehmen in der schriftlichen und Plakatkommunikation machen, verhelfen sie diesen zu greifbaren Aussagen. Anstatt „Innovation ist wesentlicher Treiber unseres Erfolgs“ vielleicht einmal das, was ich in einer Privatschule gelesen habe: „Wir führen unsere Schüler und Schülerinnen dahin, den Herausforderungen ihres künftigen Lebens gewachsen zu sein“. Ob das nun ein Wert oder ein Ziel ist, kann eine akademisch-philosophische Diskussion unter Leitbild-Puristen auslösen. Klar ist, dass Mitarbeiter DAS aber zumindest verstehen und ein Wert vorstellbarer wird. Und genau darum geht’s im Grunde bei der Alltagskommunikation in der Führung.

Eine Studie in einer Wirtschaftszeitung (Daniel Seiler in „Alpha“) bei den 100 größten Schweizer Unternehmen zeigt, wie austauschbar die häufigsten Begriffe in Leitbildern sind:

Rang

Werte

Anteil

1

Innovation, Kundenfokus

35%

2

Verantwortung

25%

3

Qualität

23%

4

Engagement

19%

5

Zuverlässigkeit

14%

6

Integrität, Partnerschaft

13%

7

Nachhaltigkeit

12%

8

Kommunikation, Transparenz

10%

9

Fairness, Sicherheit, Vertrauen

9%

10

Service, Offenheit

7%

Nur acht von 30 Dax-Unternehmen haben klare Betriebsvereinbarung zu sexueller Belästigung

Nur sehr wenige Frauen beschweren sich in ihren Unternehmen offiziell über sexuelle Belästigungen. Das ergab eine Umfrage des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ unter den 30 DAX-Unternehmen: Gerade einmal elf Belästigungsfälle aus den vergangenen zwei Jahren gaben die befragten Unternehmen insgesamt an. Eine wichtige Voraussetzung für Frauen, Vertrauen in ihren Arbeitgeber zu fassen, seien klare Betriebsvereinbarungen zu sexueller Belästigung. Solche Vereinbarungen zwischen Geschäftsleitung und Betriebsrat regeln verbindlich, was passiert, wenn sich jemand belästigt fühlt, regeln, wie Täter sanktioniert werden können und welche Hilfspakete es etwa für Opfer gibt. Eine Betriebsvereinbarung schafft überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass Betroffene sich trauen können, mit ihrem Anliegen auch zum Arbeitgeber zu gehen. Tatsächlich haben aber nur acht der 30 der von „Report Mainz“ befragten DAX-Unternehmen eine Betriebsvereinbarung zu sexueller Belästigung, die die Abläufe klar regelt. „Die Mehrzahl der Unternehmen tabuisiert das Thema sexuelle Belästigung“, erklärte die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Christine Lüders, gegenüber „Report Mainz“. Dabei hätten Beschäftigte ein Recht auf einen diskriminierungsfreien Arbeitsplatz: „Die Unternehmen müssen die Opfer schützen und nicht die Täter, wie es in der Praxis häufig vorkommt.“

ARD/Report Mainz

 
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