Danke Kumpel!

Helmut Ehnes

Das war ein emotionaler Abschied: Am 21. Dezember erwiesen über 500 Gäste dem Steinkohlenbergbau in Deutschland die letzte Ehre. Und als dann sieben RAG-Kumpel das letzte Stück Steinkohle aus der Schachtanlage Franz Haniel förderten und im Beisein von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sowie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichten, da konnte man bei vielen Anwesenden feuchte Augen sehen.

Wie kaum ein anderer Industriezweig hat deutsche Steinkohle in den 200 Jahren ihrer Geschichte unser Land geprägt. Die Industrialisierung, heute auch als Erste Industrielle Revolution bezeichnet, wäre ohne Steinkohle so nicht denkbar gewesen. Und als Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg am Boden lag, waren es die Kumpel, die mit ihren Händen und ihrem Schweiß das Fundament für den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder legten.

Lassen Sie mich zu diesem denkwürdigen Anlass einige persönliche Gedanken hinzufügen: Wie bei vielen von uns hatte sich auch bei mir in den 1970er- und 1980er-Jahren der Eindruck festgesetzt, dass der Steinkohlenbergbau letztlich nur ein Relikt der Vergangenheit sei und künstlich durch hohe Subventionen am Leben gehalten werde – bis zu dem Tag, als ich, bedingt durch die Fusion von Steinbruchs-Berufsgenossenschaft und Bergbau-Berufsgenossenschaft, erstmals Gelegenheit erhielt, bei einer Grubenfahrt an der Saar die Welt untertage kennenzulernen. Nur, wer das selbst erleben konnte, vermochte zu begreifen, was Bergleute 1.000 Meter unter der Erdoberfläche Tag für Tag leisteten. Von da an verabschiedete ich mich von der verbreiteten Sicht, der Steinkohlenbergbau führe auf Kosten der Gesellschaft ein angenehmes Dasein.

Die Arbeit untertage war und ist hart, verbunden mit hohen Risiken für Sicherheit und Gesundheit. Will man wissen, wie die Integration verschiedener Nationalitäten und Religionen gelingen kann, muss man sich in den Bergwerken die besondere Kultur des Miteinanders ansehen: Nur, wenn man sich auf den Kollegen verlassen konnte, war das eigene Überleben gesichert.

Der Bergbau stand auch immer für technologischen Fortschritt. Wohl ist es wahr, dass es Zeiten gab, in denen jedes Jahr mehr als 400 Menschen untertage ihr Leben ließen und viele Bergleute an Silikose erkrankten – die wirtschaftlichen Folgen trägt die Gemeinschaft in der Unfallversicherung noch heute. Wahr ist aber auch, dass es gelungen ist, durch die Etablierung einer Führungs- und Präventionskultur im Arbeitsschutz in Deutschland und weltweit neue Maßstäbe zu setzen. Zuletzt war es sicherer, im deutschen Steinkohlenbergbau zu arbeiten, als etwa im Büro eines Versicherungskonzerns. Und für dieses strategisch geplante „Wunder“ erhielt die RAG 2017 den Deutschen Arbeitsschutzpreis.

Ich hoffe, dass uns diese und andere Errungenschaften des Steinkohlenzeitalters erhalten bleiben, denn sie können beispielgebend sein für viele andere Branchen und insbesondere auch für Länder, aus denen wir jetzt den benötigten Rohstoff zur Energieerzeugung importieren – denn dort herrschen leider noch ganz andere Arbeitsbedingungen.

Ich werde mich jedenfalls dafür einsetzen, dieses Vermächtnis und dieses Know-how, made by RAG, zu bewahren,und verneige mich heute vor den Bergleuten.

Mit einem herzlichen Glückauf
Ihr
Helmut Ehnes