Laufen Sie mit Köpfchen!

Ja, auch Läufer funktionieren bisweilen „kopfgesteuert“ (selbst wenn mancher meint, man brauche nur die Beine dazu).

Und das ist gut so. Denn Laufen ist einerseits Emotion pur, Instinkt, (Er)Leben – für den modernen, rational denkenden Menschen aber auch eine Herausforderung, der er gegebenenfalls unvorbereitet gegenübersteht, wenn er nicht hier und da seinen Kopf nutzt (und das, was darin ist). Unsere urtümlichen Instinkte haben wir großenteils über Bord geworfen, seit die Technologie einen immer größeren Teil unseres Lebens bestimmt.

Diese Hinweise beziehen sich zunächst einmal auf all jenes, was Sportmedizin und Trainingswissenschaften im Laufe der vergangenen drei bis vier Jahrzehnte entdeckt haben.

Körpergefühl muss erarbeitet werden

Viele Untersuchungen haben bewiesen, dass das Körpergefühl eine Form der Intelligenz ist, die uns nicht uneingeschränkt zur Verfügung steht. Vielmehr muss es erarbeitet und durch ständigen Gebrauch erhalten werden. Die vornehmlich sitzende Körperhaltung des Menschen von heute reicht dazu nicht mehr  aus und führt zu einem so starken Verlust an Bewegungsfähigkeiten, dass wir im Extremfall Erschreckendes beobachten. Sportlehrer beispielsweise berichten über Kinder, die nicht in der Lage sind, rückwärts zu gehen oder auf einem dicken, umgefallenen Baumstamm zu balancieren.

Wenn der Körper aufgrund der Lebensumstände den Lernprozess nicht mehr auf natürliche Weise vollziehen kann, muss der Kopf folglich die Initiative übernehmen.

Das richtige Tempo finden

Das gilt auch für ganz konkrete Inhalte des Ausdauersports. Das Gefühl für das richtige Trainingstempo beispielsweise können wir unserer inneren Stimme offenbar nicht mehr allein überlassen. Dann geschieht es leicht, dass der Elan mit uns durchgeht und wir rennen, als gehe es um Leben und Tod. So war es früher wirklich manchmal. Für Gesundheit und Wohlbefinden allerdings gelten heute andere Gesetze, die viele Menschen erst wieder aktiv erlernen müssen. „Weniger ist mehr“ ließe sich das Prinzip des gesundheitsorientierten Ausdauersports überschreiben. Der Kopf denkt, der Körper lernt.

Was wirklich im Kopf passiert, wenn Sport getrieben wird, ist heute schon recht gut erforscht. Interessanterweise nimmt die Hirndurchblutung leicht zu, wenn man sich ausdauernd bewegt – selbst wenn das Blut ja vorwiegend in den Beinen benötigt  wird. Läufer leiden also keineswegs an einem Mangel an Durchblick, wenn sie gleichmäßig und scheinbar eintönig durch die Landschaft joggen. Hingegen bleibt der Blutdruck – zumindest bei niedrigen und mittleren Belastungsstufen – gleich, erst bei sehr intensiver Beanspruchung steigt er an. Bei Kraftsportarten (Body Building, Gerätetraining) ist das anders, hier kann der obere Blutdruckwert dann schon einmal 400 mm Hg und mehr erreichen.

Der aufrechte Gang (Lauf)

Kopfsteuerung gilt auch für den Bewegungsapparat. Die Körperhaltung beginnt im Kopf. Den Kopf aufrecht, den Blick geradeaus – wichtige Hinweise für die richtige Körperhaltung beim Laufen. Der Kopf ist nämlich schwer, nicht nur nach einer Runde durch Ihre Lieblingskneipen. Wird er nach vorn geneigt, nimmt die Beanspruchung der Wirbelsäule zu. Sie verändert ihre Form in Richtung Rund-rücken, und der stellt bekanntermaßen nicht die optimale Wirbelsäulenhaltung dar. Hebt man hingegen den Kopf, ruht er geradlinig auf der Halswirbelsäule und den darunter liegenden Etagen. Dadurch bleibt die Belastung der Bandscheiben gering. Und dem Rücken geht’s gut. Ganz nebenbei wird die Atmung erleichtert, da die Rippen-Wirbelgelenke in optimaler Position stehen und die Bewegungen des Brustkorbes erleichtert werden.

Trainingsplanung mit Verstand

Aber vor allem ist der Kopf natürlich für das richtige Trainingsverhalten, für Planung und Steuerung des Trainings erforderlich. Der Erfolg des Ausdauertrainings steht und fällt mit der richtigen Dosierung, ganz gleich ob Gesundheit und allgemeine Fitness oder direkt leistungsbezogene Ziele im Vordergrund stehen. Bei aller Emotionalität, die das Laufen zu Recht umgibt. Nutzen Sie Ihre Fähigkeiten, das Training nahtlos und zielorientiert in Ihren Tagesablauf einzubeziehen. Unser Instinkt ist schnell überfordert, wenn wir die (beruflichen, familiären, terminlichen) Belastungen einer Woche kalkulieren müssen. Wenn wir planen müssen, wann wie viel Training noch Sinn macht und wann die Regenerationszeit nicht mehr ausreichend ist, um ein vollwertiges Trainingspensum zu absolvieren. Dann benötigen wir unseren Verstand.

Also: laufen Sie ruhig und laufen Sie mit Köpfchen. 

Dr. Thomas Wessinghage

Dr. Thomas Wessinghage, Ärztlicher Direktor der Medical Park Kliniken im Tegernseer Tal
Dr. Thomas Wessinghage, Ärztlicher Direktor der Medical Park Kliniken im Tegernseer Tal