Unternehmensführung

Eine Branche startet durch: Nachhaltig und sicher bauen mit Betonbauteilen

Der Begriff Nachhaltigkeit ist einer der in der jüngeren Vergangenheit vielleicht am meisten strapazierten Begriffe des alltäglichen Vokabulars. Gerade in der Baubranche kann man sich die Frage stellen, ob das Bauen mit Betonbauteilen aufgrund seiner auf Langlebigkeit ausgerichteten Substanzschaffung volkswirtschaftlichen Vermögens nicht schon per se als nachhaltig gelten kann. Gleichwohl greift diese Auffassung selbstverständlich zu kurz, wenn man sich den breiten Bedeutungsinhalt von Nachhaltigkeit im Kontext des Bauens genauer betrachtet.

Weiße Betonfertigteile für das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck: Der Neubau des Traditionskaufhauses „Bauer und Schwarz“. Foto: BetonBild
Weiße Betonfertigteile für das Kaufhaus Tyrol in Innsbruck: Der Neubau des Traditionskaufhauses „Bauer und Schwarz“. Foto: BetonBild

Ökonomie – Ökologie – Soziale Aspekte

Zu den ökonomischen Einflussfaktoren der Nachhaltigkeit zählen unter anderem Einrichtungskosten, Nutzungskosten, Funktionalität und Rückbaukosten. Die ökologische Dimension umfasst Themen wie die Flächeninanspruchnahme, den Primärenergieaufwand zur Herstellung von Bauprodukten und Bauwerken sowie das Treibhaus-, Ozonzerstörungs-, Versäuerungs-, Überdüngungs- und Ozonbildungspotenzial.

Soziale Aspekte beinhalten dann Fragen der Gestaltung und Ästhetik, Funktionalität, Barrierefreiheit sowie den Bereich der Gesundheit und Behaglichkeit, ausgedrückt durch Leistungspotenziale von Baustoffen im Schall- und Wärmeschutz. Von besonderer Bedeutung ist aber hierbei auch der Bereich der Sicherheit, nicht nur bei den erstellten Bauteilen und Bauwerken, sondern auch bei den internen technischen Herstellungsprozessen, wo sich die Produzenten von Betonbauteilen einer nicht unerheblichen Herausforderung gegenüber sehen.

Nachhaltigkeit verändert Baustoffentscheidung

Die Nachhaltigkeitsanforderungen verändern auch die Profile der Bau- und Baustoffentscheider. Hatte sich der Architekt in der Vergangenheit insbesondere um Ästhetik, Funktionalität und Herstellungskosten zu kümmern, so kommen heute die Betriebskosten über den Lebenszyklus sowie die energetische Optimierung als Parameter hinzu. Die Aufgaben des Statikers umfassten neben der Tragwerksplanung und Bemessung auch den Wärme-, Schall- und Brandschutz. Heute kommen für ihn lebenszyklusorientierte Entwurfsparameter hinzu, während der Wärme-, Schall- und Brandschutz meist von spezialisierten Fachplanern für Bauphysik konzipiert wird, bei zunehmend unsteten Klimaentwicklungen ergänzt um den Bereich des Witterungsschutzes.

Im Zuge der integralen Planung und Baustoffentscheidung gewinnt der Investor als eigenständiger Entscheider ebenfalls an Bedeutung, der alle relevanten Nachhaltigkeitsaspekte, eben Ökonomie, Ökologie und Soziale Aspekte berücksichtigt sehen will. Dies gilt sowohl für Business-Entscheider aus Immobilienfonds als auch im privaten Umfeld des „Häuslebauers“.

Veränderte politische Bedingungen

Das aktuelle Energiekonzept der Bundesregierung fordert eine Reduzierung der Treibhausemissionen von 1990 bis 2050 um 80 Prozent. Dazu ist ein dramatischer Ausbau beispielsweise von Windenergieanlagen erforderlich, eine Veränderung, die auch Chancen für vorgefertigte Betonbauteile bietet. Gleichzeitig braucht man eine deutliche Steigerung der Energieeffizienz in Haushalten und Privatwirtschaft sowie eine energetische Sanierung des Gebäudebestands und einen hochenergieeffizienten Neubau.

Eine weitere Forderung, die die Bauwirtschaft unmittelbar betrifft, ist die Reduzierung des Flächenverbrauchs für Siedlungs- und Verkehrsflächen bis 2020 auf maximal 30 Hektar am Tag, 2006 betrug der Flächenverbrauch noch rund 113 Hektar. Da Gebäude- und (befestigte) Freiflächen in Deutschland schon heute mehr als 50 Prozent des Landes ausmachen, wird eine reduzierte Ausweisung neuer Baugebiete und eine angepasste Nutzung und Umnut-zung bestehender Siedlungsflächen die Folge sein. Die Forderung nach neuen und anderen Bausystemen entsteht.

Vom Massenlieferantzum Verantwortungsträger

Spätestens mit den ausgehenden 1980er Jahren, als die Automatisierung in den Fertigungsprozess auch von Betonbauteilen wie Elementdecken, -wänden und Rohren umfassend Einzug hielt und die bereits vorhandene Serienfertigung von Pflastersteinen, Platten, Mauer- oder Dachsteinen arrondierte, begründete die Betonfertigteilindustrie eine moderne, systemische und durch die Massenfertigung auch kostengünstige Alternative zum konventionellen „händischen“ Bauen auf der Baustelle.

Die in den 1990er Jahren meist enge Fokussierung der Branche auf den Aspekt der niedrigen Kosten hat allerdings dazu geführt, dass die Branche in einen immensen Kostendruck geraten ist, bedingt durch geschaffene Überkapazitäten der Nachwendezeit und dem damit einhergehenden Preisverfall. Nicht nur das Image der Branche wurde dadurch geprägt, auch die eigene Mentalität der Hersteller, die sich oft unfreiwillig in die Ecke der „Billigheimer“ des Bauens gestellt sahen. Ein Mentalitätswechsel war und ist also angesagt und dies ist oft ein langwieriger Prozess.



Die Branche forscht

Die Forschung der Branche ist in Richtung Nachhaltigkeit intensiviert worden, sei es an den Universitäten und Hochschulen, aber auch in der betontechnologischen Forschung der Zementindustrie, um etwa klimaschonendere Zemente mit deutlich verringertem CO2-Ausstoß bei der Herstellung zu entwickeln. Da mehr als 80 Prozent der dem Betonbauteil zuzurechnenden CO2-Emissionen auf die Zementherstellung als hochenergetischem Prozess entfallen, sind Einsparungen hier von besonderer Bedeutung.

Innovationen finden nicht nur bei den Herstellern von Betonbauteilen, sondern ganz wesentlich in der Zulieferindustrie statt, so als Prozessinnovationen im Maschinenbau. Seit über einem Jahrzehnt lobt die Betonfertigteilindustrie hierzu den „Innovationspreis Betonbauteile“ der Zulieferindustrie aus, der alljährlich auf dem größten Fachkongress der Branche, den BetonTagen in Ulm als der zentralen Diskussionsplattform im Kreis von rund 2.000 Teilnehmern verliehen wird. Auch die Branchenverbände unterstützen die Innovationsfindung: so diskutieren bei den Betonverbänden in Süddeutschland jährlich Mitgliedsunternehmen in Innovationsworkshops als „Think Tanks“ der Branche, um interdisziplinär Zukunftsideen für das Bauen mit Betonbauteilen zu entwickeln.

Neue Standards bei der Sicherheit sind ebenfalls Meilensteine einer nachhaltigen Herstellung. Anhand der Unfall- und Berufskrankheitenstatistik der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) wird deutlich, dass die Zahl der anzeigepflichtigen Arbeitsunfälle (Ausfallzeit länger als drei Tage) im Jahr 2009 in der Betonindustrie mit 59,12 pro 1.000 Vollarbeitern einen traurigen Spitzenwert innerhalb der Branche Baustoffe – Steine – Erden darstellten. Etwa jeder 22. Arbeiter hatte einen Arbeitsunfall. Selbst in Bergwerken liegt die Zahl mit 13,95 pro 1.000 Vollarbeitern gerade einmal rund ein Viertel so hoch.

Um dieser Situation zu begegnen und sich der Verantwortung in intensiver Form zu stellen, wurde 2010 ein neuer Arbeitskreis mit bundesweit organisierten Vertretern der Betonfertigteilindustrie und der BG RCI ins Leben gerufen, der ein Präventionspaket „Arbeitssicherheit in der Betonindustrie“ entwickelte, das noch in diesem Jahr zur Verfügung stehen wird.

Was aber nutzen alle Maßnahmen, wenn kaum jemand davon Kenntnis erhält? Die Kommunikation der Nachhaltigkeitsvorteile von Beton und Betonbauteilen spielt deshalb eine herausragende Rolle: sie nahm in den letzten Jahren einen besonders breiten Raum ein und zahlreiche Fachmedien sind entstanden. In der Leitbroschüre „Nachhaltiges Bauen mit Beton“ werden die Themenkomplexe „Ist Bauen mit Beton nachhaltiges Bauen?“, „Optimierung der Umwelt-“Skills“ von Beton“ und „Lebenszyklusanalyse und Folgenutzung von Betonbauwerken“ erörtert oder die Multifunktionalität und Anpassungsfähigkeit von Betonbauwerken anhand von Beispielen dargestellt.

Weitere Medien mit Akzentuierung auf Nachhaltigkeit sind „Das grüne Buch vom Beton“, die Flyer „Nachhaltig Bauen mit Beton“ und „Think concrete go precast“ sowie die Fachbroschüren „Umfassender Brandschutz mit Beton“ sowie „Energieeffizienz im Hochbau“.

Zielgruppe Endverbraucher

Während die vorgenannten Medien sich insbesondere an Fachzielgruppen wenden, bedarf es auch einer Übermittlung an Endverbraucher über klassische Print- und online-Kommunikation, wie dies etwa über die Kommunikationskampagne

www.betonservice-sued.de erfolgt, die bei Endverbrauchermedien wie Tageszeitungen und Anzeigenblättern, aber auch im Internet Informationen zu sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten der Nachhaltigkeit in einer auch für Nicht-Techniker verständlichen Sprache bereithält, wie „Prima Klima“, „Sichere Wertanlage“ oder „Gesund wohnen“.



Ausblick

Mit den ergriffenen Maßnahmen zeigt die Branche, dass sie verantwortungsvoll handelt und nach ständiger Verbesserung strebt. Neben einem Überzeugungsprozess gegenüber Fachöffentlichkeit und Endverbrauchern bedarf es jedoch auch eines Mentalitätswechsels innerhalb der Branche selbst, die genügend Grund hat, mit nachdrücklichem Selbstvertrauen ihre vorgefertigten Betonbauteile als nachhaltige Produkte des Bauens der Zukunft zu vermarkten, immer vorausgesetzt, jeder Betrieb trägt im Rahmen der entsprechenden „Hausaufgaben“ seinen eigenen ganz persönlichen Teil dazu bei.

Beton-Broschüre