Arbeitssicherheit | International

Internationale Zusammenarbeit: ein Plus für sichere Rohstoffgewinnung

Rohstoffgewinnung in der Türkei: unverzichtbar und riskant

Die Rohstoffgewinnung nimmt eine bedeutende Rolle in der türkischen Wirtschaft ein. Neben Erdöl und Erdgas werden in der Türkei etwa 60 verschiedene Mineralien mit dem Schwerpunkt Chrom, Steinkohle, Braunkohle, Eisen und in geringerem Maß Blei, Zink, Gold, Kupfer und Silber gewonnen. Damit ist die Türkei weltweit der zehntgrößte Produzent von mineralischen Rohstoffen.

Bergmänner untertage
Manche Lagerstätte in der Türkei lässt nur den Abbau der Kohle von Hand bei widrigsten Verhältnissen zu.

Der Rohstoffabbau geht hier mit hohen Risiken für das Leben und die Gesundheit der Beschäftigten einher. Statistiken der türkischen Allgemeinen Bergarbeiter Gewerkschaft (Genel Maden İşçileri Sendikası) zufolge, ereigneten sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als 25.000 Unfälle im türkischen Kohlebergbau der staatlichen Gesellschaft Türkiye Taşkömürü Kurumu (TTK) – einschließlich 63 tödlicher Unfälle. Die türkische Bergbauingenieurskammer (Maden Mühendisleri Odası) gibt an, dass im gesamten türkischen Bergbau in 2008 und 2009 insgesamt 135 Bergarbeiter ihr Leben verloren.

Schwere Unfälle prägten auch das vergangenen Jahr: Am 17. Mai ereignete sich eine Methangas-Explosion im Steinkohlenbergwerk Karadon, das durch die TTK betrieben wird. Am 20. Mai wurden 28 tote Bergarbeiter durch die Grubenretter geborgen, zwei weitere Bergmänner wurden erst im Winter 2011 gefunden. Dieses Unglück war das letzte in einer Reihe von dreien innerhalb von sechs Monaten. Im Dezember 2009 tötete eine Methangas-Explosion 19 Männer in der Provinz Bursa, im Februar forderte eine weitere Explosion 13 Opfer in der Balıkesir-Provinz.

Sicherheit optimieren – Leben schützen

Die verantwortlichen Akteure in der Türkei verfolgen das Ziel, die Sicherheitsstandards in der türkischen Rohstoffgewinnung nachhaltig zu verbessern und das Leben und die Gesundheit der Beschäftigten zu schützen. Dabei ist es der erklärte Wunsch, internationale Expertise und insbesondere deutsches Know-how zu nutzen.

Erste Gespräche zu Kooperationsmöglichkeiten fanden im Juli 2010 statt. Theodor Bülhoff, Präsident der ISSA Mining, und Generalsekretär Helmut Ehnes diskutierten Möglichkeiten, Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz in der mineralgewinnenden Industrie zu verbessern, mit Kasım Özer, Generaldirektor für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz des türkischen Arbeitsministeriums. Eine weitere Orientierung über die gegenwärtige Situation der Beschäftigten in der Türkei zeigten Diskussionen mit der türkischen Bergbauingenieursvereinigung (Maden Mühendisleri Odası), TTK-Generaldirektor Burhan Inan, verantwortlich für 11.700 Mitarbeiter, Arbeitssicherheitsdirektor Ramazan Karaaslan, der Bergarbeitergewerkschaft Zonguldak und Vertretern der Handelskammer TSO, der Bergbauingenieursvereinigung Zonguldak sowie der Aufsichtsbehörde für Arbeitssicherheit in Zonguldak.

Angesichts der Bedeutung des Projekts sicherte auch Erdal Ata, Gouverneur der Stadt  Zonguldak, seine Unterstützung zu. Zonguldak  ist eine bedeutende Region für den türkischen Steinkohlenbergbau

Individuelle Checklisten geben Hinweise, wie die Rohstoffgewinnung sicherer gestaltet werden kann.
Individuelle Checklisten geben Hinweise, wie die Rohstoffgewinnung sicherer gestaltet werden kann.

Analyse der Arbeitssicherheit

Bereits bei der ersten Befahrung des TTK-Bergwerkes Karadon, in dem zwei Monate zuvor 30 Bergmänner bei einer Explosion ums Leben gekommen waren, zeigte sich ein deutlicher Optimierungsbedarf.

Die Vertreter der deutschen Industrie und Präventionsexperten mit jahrzehntelanger Untertageerfahrung waren tief beeindruckt von den Verhältnissen insbesondere im Abbau. Die stark gestörte Lagerstätte lässt kaum eine Mechanisierung zu, sodass die Kohle von Hand per Abbauhammer bei zum Teil widrigsten Verhältnissen gewonnen wird. Stark schwankende Mächtigkeiten auf kürzester Entfernung erschweren Abbau,  Materialtransport und Förderung deutlich. Der Strebausbau besteht aus Holz. Auch im Bergwerk Kozlu werden die gleichen Abbauverfahren angewendet.

Auf Basis dieser Erfahrungen konnten erste konkrete Handlungsempfehlungen gegeben werden. So wurden Check- sowie Auditlisten erstellt und ins Türkische übersetzt. Befahrungen im Dezember 2010 in den Werken Kozlu und Karadon sowie im Februar 2011 in den Bergwerken Kozlu, Üzülmez, Karadon, Amasra, Armutcuk, Üzülmet mit ausführlicher Befragung der Bergwerksleitungen an Hand der erstellten Auditlisten sowie eine Besichtigung der für die gesamte Türkei zuständigen Hauptstelle für das Grubenrettungswesen durch namhafte deutsche Experten für Bergbausicherheit vermittelten direkte Einblicke in das Unternehmen.

Direkt im Anschluss erstellten die deutschen Arbeitsschutzexperten einen Bericht, der der Generaldirektion der TTK konkrete Optimierungs- und Handlungsmöglichkeiten aufzeigt.

Empfehlungen zu den Aspekten

in türkischer Sprache trafen auf großes Interesse der Verantwortlichen.

Abschlussbericht (Auszug)
In einem 34-seitigen Abschlussbericht wurden der TTK-Generaldirektion erste Ergebnisse der Grubenfahrten und Analysen präsentiert und konkrete Handlungsempfehlungen vermittelt.

Ausblick

Die identifizierten Handlungsfelder werden sukzessiv an den Standorten der TTK bearbeitet. Arbeitsschutzaudits durch internationale Teams sollen Auskunft darüber geben, inwieweit eine wirksame Verbesserung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes erzielt wurden. Die Audits sollen schrittweise auf nationale Auditoren übertragen werden. Ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch soll sicherstellen, dass durch einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess das Niveau weiter steigt. Die in diesem Projekt gewonnenen Erfahrungen sollen anderen Regionen zugute kommen.

Erste Ergebnisse sollen unter anderem auf dem XIX. Weltkongress für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit im September in Istanbul vorgestellt werden.

Matthias Stenzel, Peter Schrandt, BG RCI

Bergmänner untertage
Die Abbaumethoden in der Türkei unterscheiden sich deutlich von den Verfahren in Deutschland. Damit gehen erhöhte Risiken einher.

Im Gespräch mit Matthias Stenzel

Herr Stenzel, Sie begleiten das Projekt zur Verbesserung des Arbeitsschutzes in der türkischen Rohstoffgewinnung von Beginn an. Wie bewerten Sie als langjähriger Arbeitsschutzexperte die Verhältnisse, die Sie in der Türkei vorgefunden haben?

Matthias Stenzel: Sehr wichtig für uns war, dass alle beteiligten Institutionen in der Türkei den unbedingten Willen zur Verbesserung der Arbeitssicherheit zeigten. Auffällig für uns war das Nebeneinander teilweise hochmoderner Lösungen wie Sauerstoffselbstretter für die Mitarbeiter und andererseits sehr einfacher bergmännischer Verfahren. Hier besteht ein erheblicher Optimierungsbedarf.

Bergbau in der Türkei unterscheidet sich von den Verfahren in Deutschland. Wo wird dies besonders deutlich, und welche Risiken für die Beschäftigten gehen damit einher?

Matthias Stenzel: Ich habe ja nur einen kleinen Teil des türkischen Bergbaus kennengelernt, und zwar den Steinkohlenbergbau in der Region um Zonguldak am schwarzen Meer, wo die Kohle in einer stark gestörten Lagerstätte praktisch ohne jede Mechanisierung abgebaut wird. Wir haben erhebliche Optimierungspotentiale identifiziert, sowohl was den Arbeits- und Gesundheitsschutz als auch die Wirtschaftlichkeit anbetrifft.

Die Zusammenarbeit mit Menschen in anderen Ländern ist sicherlich nicht alltäglich. Wie erleben Sie diesen interkulturellen Einsatz?

Matthias Stenzel: Der Kontakt mit anderen Menschen ist immer wieder interessant. Auch zwingen mich derartige Erfahrungen immer wieder, den Blick auf das Wesentliche zu bewahren. Ganz speziell in der Türkei hat mich die Offenheit und Ehrlichkeit beeindruckt, die uns entgegengebracht und dies auch bei sehr kritischen Fragen!

Zum Schluss noch eine wichtige Frage: Wie, denken Sie, wird dieses Projekt den Arbeitsschutz in diesem türkischen Industriezweig verändern?

Matthias Stenzel: Ich denke, wie bei vielen Projekten kommt es darauf an, mit welcher Ernsthaftigkeit die Lösung der anstehenden Probleme angegangen wird. Darüber hinaus können die Probleme natürlich nicht durch auswärtige Berater , sondern nur durch das Unternehmen  mit seinen Mitarbeitern selbst gelöst werden. Darüber hinaus steht auch in der Türkei nach den schweren Grubenunglücken der letzten Jahre der Bergbau im Focus der Öffentlichkeit und muss deshalb auch im Arbeits- und Gesundheitsschutz Erfolge vorweisen. Insgesamt kann aber mit der von ISSA Mining vorgeschlagenen Vorgehensweise das Sicherheitsniveau auch ohne hohe Investitionen wesentlich gesteigert werden.


Dipl.-Ing. Matthias Stenzel

Dipl.-Ing. Matthias Stenzel

Dipl.-Ing. Matthias Stenzel studierte Bergbau  an der TU Clausthal und ist nach einer Tätigkeit als Aufsicht im Aachener Steinkohlenrevier seit 1983 bei der Bergbau-Berufsgenossenschaft als Aufsichtsperson tätig (seit 2010 BG RCI). Seit 2009 leitet er den Präventionsbereich Bonn für die Branchenpräventionen Bergbau und Baustoffe - Steine - Erden. Seit 1995 engagiert sich Stenzel im von ihm geleiteten Sachgebiet „Augenschutz“ im Fachausschuss „Persönliche Schutzausrüstungen“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.