Arbeitssicherheit

Die Präventionsinitiative in der Betonindustrie – aus der Sicht einer Aufsichtsperson

"Verantwortung übernehmen" heißt aktiv mitdenken

Kein Schutzgitter am Reinigungsteller, eine schlecht durchdachte Arbeitsvorbereitung und außer Funktion gesetzte Lichtschranken: Aufsichtsperson Wolfgang Bartsch hat sie alle schon sehen müssen, die kleinen Nachlässigkeiten, die zu folgenschweren Arbeitsunfällen in der Betonindustrie führten. Er ist einer in der Branche Baustoffe – Steine – Erden der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) Beschäftigten, die sich nun vor dem Hintergrund der im Vergleich mit anderen Industriezweigen zu hohen Zahl an Arbeitsunfällen verstärkt um diese Betriebe kümmern wird.

Der Startschuss zur Initiative „Verantwortung Übernehmen – sicher Arbeiten in der Betonindustrie“ kam für ihn im Anschluss an die Präventionstagung der BG RCI in 2011 in Bochum: Die Aufsichtspersonen wurden von Wolfgang Pichl, Leiter der Branchenprävention Baustoffe - Steine - Erden, über den kommenden Präventionsschwerpunkt informiert. Für die nächsten drei Jahre liege das Hauptaugenmerk auf der Betonindustrie, so Pichl. Warum?  „Weil wir hier seit Jahren die höchste Unfallquote mit mehr als 60 meldepflichtigen Arbeitsunfällen pro 1000 Mitarbeiter haben.“

Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, wurde bereits in Heft 1/2012 der Steine+Erden das Informations- und Motivationspaket „Verantwortung übernehmen – Sicher Arbeiten in der Betonindustrie“ vorgestellt. In dem Präventionspaket werden die Situation in der Betonindustrie dargestellt und Hilfen für Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter angeboten – vom Film über Poster für Sozialräume bis zu Einsteckkarten. Die persönliche Übergabe des Paketes durch die zuständige Aufsichtsperson an das Unternehmen ist dabei der Beginn einer Reihe gezielter Maßnahmen zur Verbesserung der Situation in diesem Industriezweig.

Gemeinsam mit den Firmen der Beton- und Fertigteilindustrie stehen unter anderem diese zentralen Ziele zur signifikanten Senkung der Unfallzahlen innerhalb dreier Jahre im Fokus:

Im Mai hat Wolfgang Bartsch in Bezug zur Kampagne schon den ersten Beratungstermin auf der Liste. Es geht zur B+F Beton- und Fertigteilgesellschaft mbH nach Lauchhammer.

In die Pflicht genommen werden die Aufsichtspersonen genauso wie die Unternehmer. Wobei die folgenden Schritte für die BG RCI-Mitarbeiter verpflichtend sind:

  1. Informieren des Unternehmers oder der regionalen Führungskraft (Betriebsleiter, Werkleiter) durch die zuständige Aufsichtperson. Das Präventionspaket wird erklärt und übergeben. Die entsprechende Führungskraft wird verpflichtet, die Versicherten zu informieren. Der Empfang des Ordners wird per Unterschrift bestätigt.
  2. Motivieren: Die Führungskräfte sollen motiviert werden, sich mit den Angeboten aus dem Präventionspaket vertraut zu machen und Konsequenzen für ihr Handeln zu ziehen.  Die Aufsichtspersonen stehen für Fragen und Hilfe zur Verfügung.
  3. Kontrollieren: Die Aufsichtspersonen gehen mit dieser Maxime in die Firmen: „Wir prüfen im Betrieb die Organisationsstruktur und machen eine Begehung. Wir erkennen, in welchen Bereichen Handlungsbedarf besteht. Diesen Bedarf halten wir in Form eines Besichtigungsberichts mit einem Termin zur Umsetzung der notwendigen Verbesserungen fest.“
  4. Sanktionieren: Stellt die BG RCI fest, dass Vereinbarungen, die zur Sicherheit und Gesundheit im Unternehmen beitragen sollen, nicht umgesetzt oder eingehalten werden, folgen Anordnungen mit Androhung von Buß- bzw. Zwangsgeld.
  5. Ahndung von Zuwiderhandlungen: Um den notwendigen Ernst der Situation zu unterstreichen, werden bei Nichtumsetzung der Forderungen Sanktionen angewendet.

Die Punkte 4 und 5 gehören nicht zu dem, was die Unternehmen aus den vergangenen Jahren von der BG RCI gewohnt sind. Doch alleine schon vier tödliche Unfälle in der Betonindustrie 2011 einhergehend mit steigenden Unfallzahlen zeigen, dass es neben dem Fördern nun auch Zeit für ein nachdrückliches Fordern wird.

Praxisbeispiele

Wolfgang Bartsch möchte mit drei Unfallbeispielen aus seiner beruflichen Praxis Führungskräften zeigen, warum er zu 100 Prozent hinter dieser Kampagne steht. Wichtiger ist ihm aber, dass dadurch die Chefs und Mitarbeiter verstehen warum es so wichtig ist, ihre Verantwortung zu übernehmen.

Sicherheitseinrichtungen werden umgangen, manipuliert und demontiert – warum?

Ja, natürlich um Zeit und Geld zu sparen, Termine einzuhalten, das weiß er. Kommt es aber zum Unfall, kostet das ganz schnell ein Vielfaches der Zeit und des Geldes, das eingespart werden sollte. „Wir alle wollen, dass Ihre Mitarbeiter gesund zur Arbeit kommen und auch wieder gesund nach Hause gehen können. Und dabei geht es auch um Geld, um Ihr Geld. Es liegt in Ihrer Hand: Nehmen Sie die Verantwortung als Unternehmer und Führungskraft wahr!“

Drei schwere, willkürlich ausgewählte Unfallereignisse aus Wolfgang Bartschs Aufsichtsbezirk sollen die Dringlichkeit der Präventionskampagne verdeutlichen.

1. Unfallbeispiel

Der Versicherte bediente die Muffenreinigungsanlage alleine (Bild 1). Zur Unterstützung der Anlage hatte der Mann mit einem Spachtel größere Anhaftungen von Beton an den Gussmuffen entfernt. Dies tat er bei laufender Anlage, um den Reinigungsprozess zu beschleunigen.

Bild 1: Arbeitsplatz Obermuffenreinigung.
Bild 1: Arbeitsplatz Obermuffenreinigung.

Dabei geriet er mit seinem linken Arm, mit dem er den Spachtel führte (Bild 2), zwischen den drahtbestückten Reinigungsteller (Bild 3) und die zu reinigende Muffe.

Bild 2: Nachgestellte Unfallsituation.
Bild 2: Nachgestellte Unfallsituation.

Ein glücklicher Umstand war, dass sich das Muffenreinigungsgerät im Uhrzeigersinn drehte und aus diesem Grund der Unterarm überfahren und wieder freigegeben wurde und so der Körper des Versicherten nicht komplett vom Gerät erfasst worden ist.

Die Unfalluntersuchung ergab, dass Schutzeinrichtungen gegen Eingreifen am Muffenreinigungsgerät fehlen. Darüber hinaus lag keine tätigkeitsbezogene Gefährdungsbeurteilung vor und die Anweisungen zur Maschinenbedienung wurden vom Mitarbeiter nicht eingehalten.

„Die zehn Sicherheitsregeln für den Normalbetrieb beziehungsweise Störungsbeseitigung wurden nicht beachtet“, sagt Wolfgang Bartsch trocken. Dieses Beispiel zeige wie wichtig es ist, dass Produktionsprozesse mit Hilfe einer tätigkeitsbezogenen Gefährdungsbeurteilung betrachtet werden müssten. Im beschriebenen Fall sei genau dies erst im Nachgang geschehen. Ziel müsse es sein, vorher Unfall- und Gesundheitsgefahren zu erkennen und geeignete Maßnahmen zur Verhütung dieser Gefahren zu ergreifen. Ein Schutzgitter sorgt nun zumindest technisch dafür, dass Ähnliches nicht mehr passieren kann.

Unfallbeispiel 2:

Arbeiten beim Bau von Fertigteiltreppen: Der Versicherte stürzte bei Bewehrungsarbeiten an einer Fertigteiltreppe aus rund drei Metern in die Tiefe (Bild 4). Ursache war eine fehlende beziehungsweise unzureichende Absturzsicherung. Wie durch ein Wunder kam der Versicherte mit schweren Prellungen davon. Zum Zeitpunkt der Unfalluntersuchung hatten die Verantwortlichen bereits Maßnahmen zur Verhinderung von Absturzunfällen ergriffen.

Bild 3: Umlaufender drahtbestückter Reinigungsteller.
Bild 3: Umlaufender drahtbestückter Reinigungsteller.
Bild 4: Treppenbau.
Bild 4: Treppenbau.

Dieser Unfall zeigt deutlich, dass es von entscheidender Bedeutung ist, den Arbeitsablauf mit den erforderlichen Schutzmaßnahmen vor Beginn der Arbeiten festzulegen und vor Ort die Realisierung zu kontrollieren. Eine Gefährdungsbeurteilung und Betriebsanweisung, die als betriebliche Festlegung enthält, dass bei Absturzgefahr eine geeignete Absturzsicherung zu installieren ist und der Aufsichtsführende diese vor Beginn der Arbeiten freizugeben hat, kann Unfälle dieser Art verhindern.  Die Integration des Arbeitsschutzes in den Produktionsablauf ist ein wichtiger Baustein zur Unfallverhütung und beim Aufbau eines Arbeitsschutzmanagementsystems.

„Und gerade deshalb bieten wir den Firmen unser eingangs erwähntes Gütesiegel an“, verweist Bartsch auf das System der BG RCI. Innerhalb der auf drei Jahre angelegten Kampagne strebt er an, mindestens einen weiteren Betrieb in seinem Aufsichtsbezirk an das Arbeitsschutzmanagementsystem heranzuführen.

Unfallbeispiel 3:

Am Schalungsroboter waren Farbdüsen verklebt, diese wurden vom Versicherten bei stillgesetzter Anlage gereinigt. Anschließend nahm er die Anlage wieder in Betrieb. Zur Prüfung, ob die Düsen wieder ordnungsgemäß arbeiten, stellte er sich auf die dafür nachträglich angebrachten Treppenstufen mit Podest (Bild 5).

Bild 5: Unfallort Schalungsroboter.
Bild 5: Unfallort Schalungsroboter.

Bei im Automatikbetrieb laufendem Schalungsroboter beobachtete er von dem Podest aus, ob die Düsen wieder voll funktionsfähig sind. Beim Verlassen des Tritts rutschte er ab (Das Geländer  wie in Bild 5 war noch nicht vorhanden) und hielt sich mit der rechten Hand oben rechts (Bild 5) am Stahlpfeiler fest (das Schutzgitter war zum Unfallzeitpunkt ebenfalls nicht vorhanden). In diesem Moment verfuhr der zahnradbetriebene Schalungsroboter gemäß des automatischen Programmierschritts von rechts nach links auf seiner Schienenbahn und quetschte die Hand des Arbeiters zwischen Stahlpfeiler und verfahrbarer Roboterlafette (Bild 6). Dabei zog er sich eine schwere Handverletzung zu.

Bild 6: Unfallort Quetschsituation.
Bild 6: Unfallort Quetschsituation.

Die weitere Untersuchung ergab, dass die vom Maschinenhersteller installierte Sicherheitslichtschranke durch die Treppe überbaut worden war, so dass sie keine Funktion mehr hatte (Bild 7).

Bild 7: Sicherheitslichtschranke ohne Funktion.
Bild 7: Sicherheitslichtschranke ohne Funktion.

Dieser Punkt war entscheidend. Darüber hinaus lag keine tätigkeitsbezogene Gefährdungsbeurteilung vor.

Dieses Beispiel zeigt nach den Worten von Wolfgang Bartsch, wie wichtig es ist, die Bedienungsanleitung für automatische Anlagen unbedingt zu beachten. Bei einem Umbau ist die CE-Konformität sicherzustellen. Dazu ist eine tätigkeitsbezogene Gefährdungsbeurteilung nötig, die insbesondere die Schnittstellen des Umbaus zur bestehenden Anlage beinhaltet. Sicherheitstechnisch ist größtes Augenmerk darauf zu richten, dass das Schutzkonzept der umgebauten Anlage die gesetzlichen Sicherheitsanforderungen gemäß Maschinenrichtlinie und Betriebssicherheitsverordnung erfüllt.

Ziel muss es sein, bei Umbauten das Schutzkonzept schon in der Planungsphase an die neuen Verhältnisse anzupassen, so dass von Beginn an die Produktion mit einer sicheren gesetzeskonformen Anlage möglich ist.

Im beschriebenen Fall hätte der schwere Unfall verhindert werden können, wenn der Arbeitsschutz organisatorisch von Anfang an bei der Planung von Neuanlagen und Umbaumaßnahmen integriert worden wäre. Um dies zu erreichen, hilft ein Arbeitsschutzmanagementsystem. „Jetzt ist die Anlage, genauso wie eine baugleiche zweite, mit einer Tür und einer weiteren Sicherheitsschranke ausgerüstet“, berichtet Aufsichtsperson Bartsch über die kooperative Bearbeitung des Unfalls. Auf Regress sei in diesem Fall verzichtet worden, da sich das Unternehmen offen für die präventive Umsetzung der Sicherheitsmaßnahmen gezeigt hätte.

Mit der Kampagne „Verantwortung übernehmen – Sicher arbeiten in der Betonindustrie“ lassen sich Fälle wie die drei geschilderten vermeiden. Erklärtes Ziel ist die Senkung der Unfallzahlen. „Nehmen Sie Ihre Verantwortung als Unternehmer und Führungskraft wahr, wir unterstützen Sie dabei!“, appelliert Wolfgang Bartsch. Informationen gibt es persönlich, schnell und unbürokratisch bei der jeweils zuständigen Aufsichtsperson.

Wolfgang Bartsch (alle Fotos) und Jörg Nierzwicki, BG RCI