Technik

Granitzentrum zeigt alles Wissenswerte über Granit

Kaltes Blut der Erde

„Der Stoa is rau, und rau is unser Leb’n“ – der Stein-Reichtum war für die Menschen im südlichen bayerischen Wald Fluch und Segen zugleich. Einen authentischen Einblick in die harten Arbeitsbedingungen der Natursteingewinnung und -verarbeitung zeigt das Granitzentrum Bayerischer Wald in Hauzenberg.

Was ist Stein? Wie entsteht er? Mit einem „Raum-Zeit-Fahrstuhl“ geht es rumpelnd und ruckelnd 350 Millionen Jahre in die Vergangenheit und 15 Kilometer tief ins Erdinnere. Dorthin, wo der Granit seine heiße Wiege hatte. „Als Tiefengestein kristallisierte Granit in der Erdkruste als Gemisch aus Feldspat, Quarz und Glimmer“, erläutert Martin Bauer die Entstehungsgeschichte. Durch Erosion der darüber liegenden Schichten kam das „kalte Blut der Erde“ schließlich an die Erdoberfläche – und mit ihm taucht auch der Besucher wieder auf in die Gegenwart. Von der „Zeit des Steins“ geht es in die „Zeit des Menschen“, wo die Bearbeitung und Nutzung der schweren und witterungsbeständigen Wollsackbildungen im Bayerischen Wald vor gut 1000 Jahren seinen Anfang nahm. Als im hohen Mittelalter das Holz als Baumaterial nach und nach durch Steine abgelöst wurde, Burgen, Kirchen und Städte aus dem unbrennbaren und stabilen Werkstoff errichtet wurden, kam es zur ersten Blüte des Granitgewerbes. Die filigrane Arbeit der Steinmetze, ihr kulturschaffendes Wirken vom Reißboden bis zum fertigen Werkstück eines gotischen Maßwerkes und Rosettenfensters kann im Museum bewundert werden. Diese Exponate wurden übrigens auch in den Hauerhütten des Schausteinbruches von den Museumssteinmetzen angefertigt.

Granitzentrum, Luftaufnahme
Das Granitzentrum Hauzenberg widmet sich der 160-jährigen Abbau-Geschichte.

Geschichte wird erlebbar gemacht

Die Hochphase dauerte bis ins 16. Jahrhundert, dann wurde es für rund dreihundert Jahre wieder ruhiger. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Beginn der Industrialisierung, wo der zunehmende Warenverkehr befestigte Straßen, die wachsende Industrie neue Fabriken und vor allem die Eisenbahn stabile Gleistrassen erforderte. In dieser Zeit entstanden im Bayerischen Wald zahlreiche kleine und mittelständische Steinbrüche, die Arbeitsplätze und Broterwerb für viele Menschen schufen. Gleichwohl waren die Arbeitsbedingungen hart und gefährlich. Der hohe Quarzanteil im Granit führte bei der Zerkleinerung der Felsen mit Handwerkzeug, beim Spalten oder bei der Bearbeitung mit Spitzeisen und Stockhammer zu Staublungen, und Silikosen waren unter den Arbeitern weit verbreitet. Insbesondere die Einführung der Presslufthämmer in den 1930er Jahren verstärkten das Problem, das auch mit staubabsaugenden Anlagen ab den 1960er Jahren nicht vollständig in den Griff zu bekommen war.

„Unser Schausteinbruch ist so eingerichtet, wie um 1930, also vor der großen Technisierungswelle, hier gearbeitet wurde“, beschreibt Martin Bauer die Ausstellung im Freigelände. Eine Schmiede, die aufgrund des harten Materials zu jedem Bruchbetrieb dazu gehörte, eine Pflastererhütte mit Fallhämmern für die Spaltung zu Kleinpflaster, Werkstätten zur Formgebung und Oberflächenbehandlung, wo aus dem rohen Stein Platten, Ziersteine und Säulen entstanden, gehören hier ebenso dazu wie eine „Bruchkantine“, in der die Beschäftigten, zu denen auch Frauen und Kinder zählten, ihre Mahlzeiten witterungsgeschützt einnehmen konnten. Und die heute auch Besuchern für eine Brotzeit offen steht.

Besucher vor dem Granitzentrum
Seit der Eröffnung im Jahr 2005 kamen rund 500.000 Besucher ins Granitzentrum.

Warum das Granit-Museum in Hauzenberg steht

1865 öffnete der Steinmetzmeister Josef Kinateder den Steinbruch „Schachet“ am Ortsrand von Hauzenberg. Einhundert Jahre lang wurde dort Granodiorit unter dem Namen „tiefblauer Hauzenberger Schachetgranit“ abgebaut. Nach der Stilllegung des Steinbruchs erwarben die Stadt Hauzenberg und der Landkreis Passau das Gelände und errichteten das Granitzentrum Bayerischer Wald, das 2005 eröffnet wurde und bis dato rund 500.000 Besucher für „Granit aus Bayern“ begeistern konnte. Hier findet aber auch die Beratung für Bauämter, Architekten und Ingenieure statt. Ob zu technischen, ökologischen  oder gestalterischen Fragen, zu europäischen Regelwerken, Ausschreibungsmodalitäten oder Normwesen, im Granitzentrum Bayerischer Wald findet der private oder öffentliche Bauherr Rat und Hilfestellung.

Dr. Joachim Sommer
BG RCI Heidelberg

Granitkugel im Außenbereich
Gezeigt wird, was alles aus Granit gefertigt werden kann.
 
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