Arbeitssicherheit

Praxisnahe Schutzkonzepte im Rigips-Werk Brieselang

Retten aus Behältern, Silos und engen Räumen

Größtmögliche Arbeitssicherheit – das ist eine der zentralen Zielsetzungen der Saint-Gobain Rigips GmbH, wie sie in den Unternehmensleitlinien festgeschrieben sind. Großen Wert legt das Unternehmen daher auf Maßnahmen, die Gesundheit und Sicherheit fördern. So wird in regelmäßigen Trainings mit Mitarbeitern und Partnerfirmen das richtige Verhalten in Notfällen erlernt und geübt. Hierzu sind in den Werken häufig auch Fachreferenten und Sicherheitsexperten der BG RCI zu Gast.

Ende November letzten Jahres: Werkleiter Dr. Suikai Lu hatte zu einem Workshop eingeladen, der sich der Rettung verunglückter Personen speziell aus engen Räumen widmete. „Die Rettung aus Behältern, Silos und engen Räumen ist ein wichtiger Baustein unserer Arbeitssicherheitskonzepte“, erläuterte Lu. „Jedes Jahr gibt es hier in Brieselang eine sogenannte Reparaturwoche sowie einmal in der Woche einen Reparaturtag. Dann werden vor allem die Silos einer umfangreichen Überprüfung und Wartung unterzogen. Dies erfolgt durch eigene Mitarbeiter sowie durch Partnerfirmen. Sollte es dabei trotz aller Sicherheitsvorkehrungen zu einem Notfall kommen, müssen wir gewappnet sein. Es muss jedem klar sein, welche Rettungsmaßnahmen in welcher Reihenfolge zu ergreifen sind und die müssen auch trainiert werden.“

Workshop-Teilnehmer an einem Tisch
Werkleiter Dr. Suikai Lu hatte zu einem Workshop eingeladen.

Das Ziel: ein konkretes Schutzkonzept

Der Workshop gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Für Karén Förster, Fachkraft für Arbeitssicherheit und Umweltschutz am Rigips-Standort Brieselang, hatte er eine besondere Bedeutung. Sie hatte sich vorgenommen, gemeinsam mit den teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen ein konkretes Schutzkonzept für die Rettung bewusstloser oder verunglückter Personen aus dem Nassbracksilo B106 der Wiederverwertungsanlage zu erarbeiten und zu trainieren: „Die daraus abgeleiteten Arbeitsanweisungen können wir dann im nächsten Schritt auf weitere Behälter, Silos und enge Räume an anderen Unternehmensstandorten anpassen und dort trainieren.“

Definition des Gefahrenorts

Henning Jugel und Armin Lorenz von der BG RCI gaben zuerst eine Definition des Gefahrenortes. Unter einem engen Raum wird demnach jeder umschlossene Bereich verstanden, bei dem – durch gefährliche Stoffe oder Bedingungen, z. B. Sauerstoffmangel – ein Verletzungs- oder gar ein tödliches Risiko besteht. Neben Silos fallen beispielsweise auch Lagertanks, Reaktionskessel und Abflussrohre darunter. Die Sicherheitsstandards von Saint-Gobain sehen bei Unfällen in solchen Bereichen einen auf den spezifischen Raum abgestimmten Alarm- und Notfallplan vor. Er beinhaltet vor allem Vorkehrungen für den Einsatz der erforderlichen Ausrüstung.

Was Arbeitsschutzgesetz und Unfallverhütungsvorschrift regeln

Der Unternehmer hat für das Retten aus Behältern, Silos und engen Räumen die erforderlichen Einrichtungen und Sachmittel sowie das erforderliche Personal zur Verfügung zu stellen. Voraussetzung für das Arbeiten in Behältern ist eine Gefährdungsbeurteilung. Dafür sind die Gefährdungen und Belastungen der Beschäftigten zu ermitteln sowie geeignete Schutzmaßnahmen festzulegen und zu dokumentieren. Als Hilfsmittel dazu dient neben der DGUV Regel 117-1 „Behälter, Silos und enge Räume“ vor allem der Befahr-Erlaubnisschein, der wie eine Checkliste vom Aufsichtsführenden auszufüllen ist. Für manche überraschend: Selbst der Aufenthalt am oder ein Hineinbeugen in den Behälter erfordert gemäß der Sicherheitsrichtlinien bereits einen solchen Erlaubnisschein. Karén Förster: „Den Befahr-Erlaubnisschein für den Einstieg in den Behälter B106 haben wir gemeinsam erarbeitet und damit offene Fragen beantwortet. Entscheidend war insbesondere die Festlegung einer Person, die als Sicherheitsposten agiert. Diese Person muss die Begebenheiten und die Gefahren in der Umgebung und im Behälter kennen. Für den Sicherheitsposten gilt Präsenzpflicht. Sie darf ihre Position während der Arbeit in den beengten Räumen nicht verlassen. Bei Gefahr oder im Notfall muss der Sicherheitsposten als allererstes einen Notruf absetzen und möglichst einige Kollegen zu Hilfe rufen.“

Im Praxisteil des Workshops wurden in erster Linie Rettungsgurte, Rettungsschlaufen, Abseilgeräte, Verbindungselemente nach DIN EN 362 sowie Anschlageinrichtungen vorgestellt und verschiedene Rettungstechniken erklärt. Dazu zählen zum Beispiel der Einsatz einer Rettungswinde oder eines Höhensicherungsgeräts. Armin Lorenz stellte auch eine aufblasbare Leiter vor, die sich besonders gut als Einstieghilfe eignet, da sie biegsam und besser zu begehen ist als etwa eine normale Strickleiter.

Transport eines Mannes auf einer Trage
Das Einüben der richtigen Handgriffe kann Leben retten.

Kraftakt: Rettung unter realistischen Bedingungen

Als praktische Übung sollte schließlich der korrekte Einsatz des sogenannten „Spineboards“ trainiert werden, zunächst im Seminarraum, dann unter realen Bedingungen im Silo.

Ein Spineboard ist ein spezielles Hilfsmittel zur Rettung verunglückter Personen, bei denen eine Verletzung der Wirbelsäule nicht ausgeschlossen werden kann. Im Seminarraum, wo es sauber, hell und geräumig ist, wurde ein Kollege fachgerecht und zügig auf dem Spineboard gesichert. Dann ging es zu dem Behälter in der Wiederverwertungsanlage. Hier, unter realen Bedingungen, herrschen Enge, Staub und Dunkelheit. Das macht es schwer, das gerade Erlernte praktisch umzusetzen. „In der Mitte des Behälters befindet sich ein Kegel, durch den der Raum zusätzlich eingeengt wird. Der Verunglückte wird zunächst auf die Trage gelegt und angegurtet. Doch schon hier zeigt sich die Diskrepanz zwischen Trockenübung und realer Begebenheit“, berichtete Förster von ihren Erfahrungen. „Die Gurte konnten nicht so einfach zugeordnet werden, das Angurten dauerte dadurch länger als erwartet. Den beiden Kollegen im Behälter war es zudem ohne weitere Hilfe unmöglich, den Verunglückten aus dem Behälter zu schaffen. Drei Kollegen mussten mit anfassen, um die Trage nach außen zu ziehen. Das seitliche Mannloch ist konstruktionsbedingt nicht einfach zu erreichen und stellt daher nur bedingt eine Hilfe dar.“ Bestens informiert und unter dem Eindruck der praktischen Übungen entwickelte die Sicherheitsbeauftragte mit den Kolleginnen und Kollegen schließlich das erforderliche Rettungskonzept für den Behälter B106. Definiert sind darin vor allem die für den Not- und Hilferuf verantwortlichen Personen, der optimale Einsatz des Spineboards durch die Mannluke sowie die Bereitstellung ausreichender Hilfe von außen.

Förster: „Mit den fachkundigen Übungen haben uns die Kollegen von der BG RCI klar vor Augen geführt, wie wichtig das Einüben der richtigen Handgriffe ist. In einem dunklen, engen Raum kann diese Erfahrung Leben retten.“

Karén Förster
Saint-Gobain Rigips GmbH, Standort Brieselang

Ein Mann wird aus der engen Öffnung eines Silos gezogen
Als praktische Übung wurde der korrekte Einsatz des sogenannten „Spineboards“ trainiert.