Unternehmensführung

VISION ZERO als Führungsaufgabe bei Cemex Deutschland

"Jeder Unfall geht letztlich auf meine Kappe"

Der internationale Baustoff-Konzern Cemex hat schon vor vielen Jahren Gesundheitsschutz und Unfallprävention fest in seiner Philosophie verankert. Dass den Worten auch Taten folgen, zeigen mit gelungenen Best-Practice-Beispielen immer wieder die Werke von Cemex Deutschland. STEINE+ERDEN hat sich an zwei Standorten angeschaut, welche Rolle dabei die Führungskräfte spielen.

Mann mit Helm. Auf dem Helm ein Aufkleber, auf dem steht: Sag's mir! Wie geht es sicherer?

Glück auf: So grüßt man sich bei Cemex Kies & Splitt in Osnabrück. Denkmalgeschützte Zechenhäuser aus der Kaiserzeit künden hier von der großen Ära des Steinkohle-Tagebaus. Die Flöze des Piesbergs, wegen einer geologischen Besonderheit dicht unter der Erdoberfläche, sind heute zwar weitgehend ausgeschöpft. Aber einen Schatz birgt der Cemex-Steinbruch dennoch: das Rohmaterial für hochwertigen Schotter und Splitt, der u.a. gern im Straßenbau eingesetzt wird.

Gleich zu Beginn unseres Gesprächs mit dem Führungsteam des Standorts wird aber klar, dass der wahre Schatz kein mineralischer, sondern ein menschlicher ist: die Gesundheit der Mitarbeiter. „Für uns Verantwortliche kann es gar keine andere Vision geben als die VISION ZERO und kein anderes Ziel als null Unfälle“, sagt Peter Graf von Spee, Regionalleiter Mineralische Rohstoffe der Region Nord-West bei Cemex Deutschland. Daher unterstütze man gern die Präventionsstrategie VISION ZERO der BG RCI, zumal diese die Mitarbeiter aktiv einbinde.

Handbuch
Die Führungskräfte erhalten regelmäßige Schulungen zu ihrer Rolle als Vorbild und Motivator. Online- und Print-Medien wie dieses Handbuch stehen zum Nachschlagen stets zur Verfügung.

Auf Augenhöhe mit den Beschäftigten

Denn dass Vorschriften allein nichts nützen, weiß man längst bei Cemex. Beispiel Helm: Er ist seit vielen Jahren Pflicht auf dem Osnabrücker Gelände, aber es dauerte lange, bis ihn wirklich alle Mitarbeiter auch trugen. Neben Sicherheitsunterweisungen können nur stetige Aufklärungsarbeit und flankierende Präventionskampagnen die Akzeptanz von PSA steigern – und natürlich das Vorbild, das die Führungskräfte geben müssen. Selbst wenn es heißt, dafür baden zu gehen. Wie jener Vorarbeiter und Sicherheitsfachmann, der in einem Cemex-Erklärfilm die Funktionen einer Schwimmweste demonstriert – im kalten Wasser „seiner“ Kiesgrube bei Oldenburg. „An solche Darstellungen von Gefahrensituationen mit authentischen Führungspersonen erinnert man sich zehnmal besser als an jeden Unterweisungstext“, weiß der Produktionsleiter der Cemex-Region Nord-West, Lars Fischer.

Derlei sympathische Signale sind auch wichtig, um die Mitarbeiter ins Boot zu holen. Schließlich braucht man von ihnen Hinweise auf Sicherheitslücken. „Wir motivieren sie, mit offenen Augen an ihren Arbeitsplatz zu gehen und umgehend Meldung zu machen“, berichtet Graf von Spee. „Sei es über technische Mängel wie über menschlichen Schlendrian.“ Dabei gehe es nicht ums Anschwärzen; das sei vielmehr eine Konsequenz aus dem Vier-Augen-Prinzip, nach dem die Cemex-Beschäftigten arbeiten. Heißt konkret: Jeder achtet auf den andern und erinnert ihn ggf. daran, sicher zu handeln. Falls sich einer weiterhin sicherheitswidrig verhält, ist es die Pflicht seiner Kollegen, auch das zu melden. Jedoch betont Lars Fischer: „Wir wollen nicht beschuldigen und bestrafen. Für uns Führungskräfte bedeutet so ein Fall vor allem: Noch mehr Überzeugungsarbeit leisten!“ Etwa in Gesprächen und mit dem Hinweis aufs Cemex-Intranet. Darin stehen wichtige Nachschlagemedien wie Gefahrstoffkataster und Handbücher, Merkblätter und andere Unterweisungsdokumente zwecks Auffrischung bereit. Für Kollegen, die in ihrer Nähe keinen PC haben, gibt es das meiste auch auf Papier.

Peter Graf von Spee zeigt auf ein Plakat mit Verhaltensregeln
In den Cemex-Werken allgegenwärtig sind Hinweise und Merkhilfen für die Mitarbeiter. Peter Graf von Spee zeigt ein neues Plakat mit Verhaltensregeln.

Anreize schaffen und um Ideen werben

Hilft also letztlich doch nur Druck, um die Beschäftigten auf Linie zu bringen? Graf von Spee winkt ab. „Erstens gibt es bei uns kaum jemanden mehr, der die Risiken bei unserer Arbeit ignoriert oder verharmlost“, sagt er nicht ohne Stolz. Dafür spräche auch die Statistik: In den letzten zehn Jahren sei die Zahl der Unfälle um mehr als die Hälfte gesunken. Und zweitens sei Druck sowieso nicht zielführend: „Überzeugen und motivieren – das ist der Schlüssel.“

Schutzgitter der Fördergurt-Abstreifer unterhalb des Gurtes
Sicherheit im Eigenbau: Die aufklappbaren Schutzgitter der Fördergurt-Abstreifer (unterhalb des Gurtes) haben Cemex-Mitarbeiter selbst konstruiert.

Welche Hebel haben die Führungskräfte ihren Mitarbeitern an die Hand gegeben, um Gefahren zu identifizieren und abzustellen? „Da sind zum Beispiel die Ideenkarten“, erläutert Fischer. „Wenn sich in den Arbeitsabläufen zeigt, dass und wie etwas verbessert werden kann, schreiben die Kollegen das auf spezielle Karten und heften diese an das sogenante Ideenbrett. Oder sie nutzen dafür ein Formular in unserem Intranet.“ Auch für Beinahe-Unfälle hat sich ein solches Meldesystem bewährt.

Die Ideen landen auf dem Tisch des Regionalleiters und er diskutiert sie mit den Werkleitern und Sicherheitsfachkräften. Die Runde kommt wöchentlich zusammen, bei dringendem Handlungsbedarf auch kurzfristig. Eine sogenannte Task Force nimmt sich dann die Gefahrenstelle im Betrieb vor und leitet Gegenmaßnahmen ein. Und das zahlt sich doppelt aus, denn für gute Ideen erhalten die Mitarbeiter als Anreiz einen Geldbonus – erst recht, wenn die Innovationen auch auf andere Cemex-Betriebe adaptierbar sind. Ob und wie das gehen kann, diskutieren die Führungskräfte in ihren Wochen-Meetings, bei denen „Health&Safety“ immer ganz oben auf der Tagesordnung steht. Diese Meetings spielen die Bälle weiter in internationale Konzerngremien für übergreifende Arbeits- und Gesundheitsschutz-Konzepte. Die lokalen Sicherheitsverantwortlichen wiederum prüfen alle zwei Wochen auf Betriebsrundgängen, ob die angeschobenen Maßnahmen umgesetzt sind und greifen. Schöne Beispiele dafür sind am Piesberg etwa die selbstgebauten Schutzgitter für die Fördergurt-Abstreifer – oder auch solche banal scheinenden Dinge wie die kleine Treppe vor einem Schaltschrank (s. Fotos).

Schaltschrank außen mit Treppe
Unscheinbar, aber effektiv: Auf der Treppe, die Produktionsleiter Lars Fischer zeigt, können nun auch kleinere Mitarbeiter den Schaltschrank sicher bedienen.

Für Gefahren sensibilisieren – stets und ständig

Das alles kann Leichtsinn und Fahrlässigkeit aber nicht immer vorbeugen. So kam es bei Steinbruch-Mitarbeitern „alter Schule“ vor, dass sie Anlagen bei Wartungsarbeiten nicht ausgeschaltet hatten. Sie fürchteten, die Produktion zu stören und angestrebte Produktionsmengen zu verfehlen. Die Führungskräfte hielten den Mitarbeitern dann entgegen, die Wartung einer Maschine sei erstens vorgeschrieben und zweitens bezahlte Arbeitszeit – es gebe also keinen Grund für gefährlichen Leichtsinn.

Bei dieser feingliedrigen Präventionskultur müsste doch mittlerweile alles in Butter sein bei Cemex. Jedoch weiß man hier: Prävention hört nie auf. Es gibt Gefahren-Hotspots, wo immer wieder etwas passiert – oder zumindest beinah. Dazu zählen Förderbandanlagen. Fischer: „Die sind und bleiben einfach gefährlich.“ Darum kommen solche Gefahrenquellen regelmäßig aufs Tableau, etwa bei Unterweisungen und Übungen. Und nicht zuletzt prangen überall in den Cemex-Betrieben die ampelartigen Warnschilder „Stopp – Denken – Handeln“, ergänzt um Piktogramme mit der vorgeschriebenen PSA. Die verstehen selbst Leute, die nicht Deutsch sprechen.

Sicherheitskennzeichnung auf dem Außengelände
Ohne viele Worte: Allgemein verständliche Symbole zeigen, was bei Cemex Pflicht ist.

Jeder trägt Verantwortung – auch Fremdfirmen

Diese Eye-Catcher hängen ebenfalls an der Einfahrt zum Cemex-Umschlagplatz am Westrand Berlins, unserer zweiten Anlaufstation. Hier an einem Spree-Kanal wird Kies aus Werken an der Elbe gesammelt, aufbereitet und weitervertrieben. „Stopp – Denken – Handeln“ ist auch in Berlin das Motto, ergänzt um Verhaltens- und Verkehrsregeln, die am Anmeldungs-Häuschen hängen. Die Regeln gelten für eigene Mitarbeiter wie für die Lkw-Fahrer von Fremdfirmen. Nur erkennt man sie nicht gut aus der Ferne. „Stimmt, da müssen wir ran“, sagt Marcel Busch, Regionalleiter Mineralische Rohstoffe Nord-Ost. „Das ist schon ein Beispiel für einen Ansatzpunkt der Präventionspraxis.“

Die folgt ganz ähnlichen Prinzipien wie jene in Osnabrück und auch hier werden die Mitarbeiter von Fremdfirmen darin eingebunden. „Wer sich auf unserem Werksgelände mit seinem Fahrzeug bewegen will, muss turnusmäßig eine kurze Sicherheitsunterweisung absolvieren und die Bescheinigung bei jeder Einfahrt vorlegen“, berichtet Buschs Kollege und Produktionsleiter Andreas Klaus. Zusätzlich erhält jeder Lieferant ein Merkblatt „Sicher Kippen“, das in Wort und Bild Gefahrenquellen sowie Vorsichtsmaßnahmen beim Abladen von Schüttgut beschreibt.

„Per Unterschrift verpflichtet sich jeder Externe, unsere Regeln einzuhalten“, erklärt Busch. Das ist ja erst einmal nicht ungewöhnlich. Cemex geht aber einen Schritt weiter: „Wir auditieren regelmäßig den Arbeitsschutz-Level unserer Partnerbetriebe“, schildert Mechthild Schramm, Manager Project Coordination bei Cemex Deutschland. „Nur wer unsere Kriterien erfüllt, wird unser Partner.“ Fühlen sich die Unternehmen da nicht gegängelt? „Einige gibt es schon, die sich dagegen sträuben“, sagt Schramm. „Bei diesen Partnerbetrieben müssen wir dann die weitere Zusammenarbeit überdenken. Aber die Mehrzahl trägt unser Ziel ‚null Unfälle’ gern mit und ist kooperativ.“

Marcel Busch (links), Regionalleiter Mineralische Rohstoffe Nord-Ost, und Produktionsleiter Andreas Klaus inspizieren das Gelände des Berliner Umschlagplatzes.
Marcel Busch (links), Regionalleiter Mineralische Rohstoffe Nord-Ost, und Produktionsleiter Andreas Klaus inspizieren das Gelände des Berliner Umschlagplatzes.

Flexibel und reaktiv sein

Hand in Hand geht die Präventionsarbeit auch im Betrieb selbst, der bereits 2005 als erstes Kies-Unternehmen der Region das Gütesiegel „Sicher mit System“ von der BG RCI erhalten hatte. Eine Betriebsvereinbarung „Arbeits- und Gesundheitsschutz“, das Intranet, Unterweisungsmedien, die Ideen- und Beinaheunfallkarten für die Mitarbeiter gibt es hier ebenso wie die wöchentlichen Health&Safety-Meetings und Betriebsrundgänge der Führungskräfte; regelmäßige Gesundheitstage nehmen jeweils ein bestimmtes Präventionsthema in den Fokus. Und wie sein Kollege in Osnabrück sagt auch Busch: „Sicheres Verhalten vorleben, viel reden und zeigen – das ist das Wichtigste.“ Also alles wie gehabt? Nicht ganz. „Alle Betriebe über einen Kamm zu scheren, funktioniert nicht“, sagt Marcel Busch. „Jedes Konzept, das vom Konzern kommt, lässt uns Regional- und Produktionsleitern den Freiraum, es an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen.“ Produktionsleiter Andreas Klaus macht das anschaulich: „Ein Steinbruch mit 50 Beschäftigten erfordert andere Detaillösungen als ein Kieswerk, in dem nur fünf Menschen arbeiten.“

Das leuchtet ein. So gibt es auch in Berlin auf dem Kies-Umschlagplatz einige Besonderheiten zu sehen. Das Rettungsboot direkt an der Kaimauer etwa, für den Fall, dass jemand in den Kanal stürzt und von der Strömung fortgerissen wird. Oder die fernbedienbaren Türöffner an den Kabinen der Radlader: Sie ermöglichen, dass sich die Fahrer beim Einsteigen bis zur letzten Treppenstufe mit beiden Händen festhalten können. Oder die blauen Rückfahr-Blinkleuchten und (längst noch nicht überall verbreitete) Rundumsicht-Systeme. „Oder dieser ausgewiesene Fußweg entlang der Waage“, berichtet Klaus. „Für den haben sich unsere Mitarbeiter eingesetzt.“

Die individuell beste Präventionslösung finden – von dieser Freiheit, die die Strategien VISION ZERO und Health&Safety bei Cemex bieten, profitiert auch der Berliner Standort. Nicht nur in technischer Hinsicht. „Wir sind ja gesetzlich dazu verpflichtet, einmal im Jahr eine umfassende Sicherheitsunterweisung mit den Mitarbeitern zu machen. Aber da kam immer so viel Stoff zusammen, dass man schnell überfordert war“, berichtet Busch. „Also haben wir ihn auf zwölf kompakte Monatsunterweisungen aufgeteilt. So merkt man sich den Stoff besser, zumal wir jede Unterweisung unter einen bestimmten Schwerpunkt stellen können.“ Mittels Fragebögen, die von den Beschäftigten mitentwickelt werden, können die Führungskräfte checken, was von den Unterweisungen hängengeblieben ist.

Radlader-Fahrer öffnet per Fernbedienung die Tür
Zustieg ohne Verrenken: Bevor der Radlader-Fahrer zur Kabine hochklettert, öffnet er per Fernbedienung die Tür.

Auf den Zahn fühlen – auch bei Führungskräften

Auch die Chefs bleiben bei Cemex nicht davon verschont, Fragebögen auszufüllen. Busch berichtet von internen jährlichen Audits. In deren Vorfeld erhalten alle Betriebsleiter einen Bogen. Der fragt ab, welche Maßnahmen vor Ort wie realisiert worden sind. Je nach Ergebnis entwickeln die Betriebsleiter mit der Regionalleitung Lösungen für Stellen, an denen es noch hakt. Präsenz in den Betrieben zu zeigen, ist also wichtig für Busch und Klaus, die entsprechend viel auf Reisen sind – in ihrer Region wie auch außerhalb, etwa auf den turnusmäßigen Regional- und Betriebsleitertagungen.

Bleibt natürlich noch die Frage, ob sich all diese Maßnahmen auch in Berlin in sinkenden Unfallzahlen niedergeschlagen haben. Die Antwort verblüfft: Beide Männer schütteln langsam die Köpfe. Und erklären sogleich: „Weil es hier schon immer sehr wenige Unfälle gab.“ Das hieße aber nicht, dass man sich zurücklehnen könne, betont Regionalleiter Busch: „Die Gefahren sind ja trotzdem da. Und jeder Unfall, der dadurch geschehen mag, ginge letztlich auf meine Kappe.“

Andreas Klaus steht auf dem Fußweg entlang der Waage, der auf Wunsch der Mitarbeiter angelegt wurde
Andreas Klaus steht auf dem Fußweg entlang der Waage, der auf Wunsch der Mitarbeiter angelegt wurde.

Fazit

Prävention als Führungsaufgabe: Die Betriebe von Cemex Deutschland lösen dieses Versprechen auf vorbildliche Weise ein. Viele Regeln und Maßnahmen, welche die BG RCI ihren Mitgliedsbetrieben im Rahmen der Strategie VISION ZERO anbietet, gehören hier längst zum Arbeitsalltag. Damit zeigt unser Kooperationspartner: Die VISION ZERO kann Wirklichkeit werden. Mit Hilfe oft ganz einfacher Kniffe, die jeder Betrieb der Branche Baustoffe – Steine – Erden realisieren kann.

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

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Im Spree-Kanal herrscht starke Strömung, die die Rettung hineingestürzter Personen vom Kai aus erschwert. Darum wurde hier ein Rettungsboot installiert, das sekundenschnell zu Wasser gelassen werden kann.