Arbeitssicherheit

Forum protecT 2016/2017

Gute Führung — auf festem Grund

Über 650 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zum Forum protecT 2016/2017 in Kassel und Magdeburg zusammen. Das Forum für Arbeitsschutz erreichte damit einen neuen Besucherrekord. Zum 29. Mal trafen sich Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedsunternehmen der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI), um sich zwei Tage lang über Führung und Gefährdungsbeurteilung zu informieren. In Vorträgen und Workshops wurden Erfahrungen und Ideen zur betrieblichen Präventionsarbeit ausgetauscht. Gelebte Verantwortung und erkannte wie gebannte Gefahren zeigten sich einmal mehr als zentrale Erfolgsfaktoren moderner Unternehmensführung. Das Forum protecT fand am 22./23. November 2016 in Kassel und in der zweiten Ausgabe am 15./16. Februar 2017 in Magdeburg statt.

Sicherheit und Gesundheit im Unternehmen sind Chefsache

In seiner Eröffnungsrede betonte Ulrich Meesmann, Mitglied der Geschäftsführung der BG RCI, die Notwendigkeit und den Nutzen einer aktiven Integration sicherheits- und gesundheitsrelevanter Themen in den Führungsalltag. Von dem Streben nach einem unfallfreien und gesunden Unternehmen profitieren Führende und Mitarbeitende ebenso wie Unternehmen und die Gesellschaft. Doch nur wer als Führungskraft sicheres, überlegtes und menschliches Verhalten vorlebt, kann die Akzeptanz und eine Verankerung dieser Werte im Unternehmen erreichen. Ein offenes Bekenntnis des Managements zu Arbeitssicherheit und -gesundheit, fundiert mit strategischen Überlegungen zur Erkennung, Beurteilung und Beseitigung potenzieller Gefahren, ist ein überaus starkes, wenn auch häufig noch unterschätztes Führungsinstrument.

Ulrich Meesmann begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Forum protecT 2016/2017 in Magdeburg.
Ulrich Meesmann begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Forum protecT 2016/2017 in Magdeburg.

Komplexität als Herausforderung für das Management

Führungskräfte sind Gestalter und Motivatoren in Unternehmen. Doch was, wenn Führungskräfte angesichts einer zunehmend komplexer werdenden Arbeitswelt an ihre Grenzen geraten – macht Management krank? Dieser Frage ging Silke Luinstra, geschäftsführende Gesellschafterin der AUGENHÖHEworks GmbH, in ihrem Vortrag nach. Die Antwort: Nein, wenn es Führungskräften gelingt, im Unternehmen eine Vertrauenskultur zu etablieren. Als Wege zum Ziel schlug die gelernte Bankkauffrau und studierte Betriebswirtschaftlerin die Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Selbstorganisation und Selbstverantwortung, verbunden mit konkreten und angemessenen Zielsetzungen vor. Mit Freiräumen für Kreativität und Vertrauen können außer Kontrolle geratene Regelsysteme verschlankt und repariert werden.

Silke Luinstra
Silke Luinstra von der AUGENHÖHEworks GmbH spricht über Selbstorganisation und Selbstverantwortung als treibende Kräfte modernen Führens.

Mit VISION ZERO zum Führungserfolg

Ziel des Forum protecT 2016/2017 ist es, den BG RCI Mitgliedsunternehmen Impulse und praktische Unterstützung für den Führungsalltag zu geben. Konkrete Maßnahmen der Präventionsstrategie „VISION ZERO. Null Unfälle – gesund arbeiten!“ stellte Helmut Ehnes, Leiter der Prävention der BG RCI, vor. Führung und Gefährdungsbeurteilung sind zwei der insgesamt sieben Erfolgsfaktoren für ein unfallfreies und gesundes Unternehmen. Aus einer Befragung von über 1.000 Arbeitsschutzexpertinnen und -experten resultierte ein Handlungsleitfaden, der auch und vor allem von Führungskräften zur Umsetzung einer passgenauen „VISION ZERO“-Strategie herangezogen werden kann.

Zahlreiche Qualifikationsangebote, Veranstaltungen, Informations- und Aktionsmedien, Praxishilfen und Branchenlösungen runden das Präventionsangebot ab.

Dr. Giovanna Eilers
Dr. Giovanna Eilers, Medizinerin und Business-Coach, widmet sich in ihrem Workshop dem Thema „Führen mit intuitiver Intelligenz“

Kooperationsvereinbarungen – den VISION ZERO Weg gemeinsam gehen

Das Ziel der VISION ZERO, dass sich niemand bei der Arbeit schwer oder lebensgefährlich verletzt oder erkrankt, ist eine gemeinsame Präventionsstrategie. Als neuen „VISION ZERO“-Partner begrüßt die BG RCI das Unternehmen SolarWorld Industries Sachsen GmbH. Die bereits zuvor zwischen der BG RCI durch Ulrich Meesmann und der SolarWorld durch Holger Reetz, Geschäftsführer, und Daniel Menzel, VP Global Procurement, geschlossene Kooperationsvereinbarung wurde nun offiziell.

Gute Beispiele machen Schule und so überreichte Helmut Ehnes im Rahmen des Forum protecT Sven Zeiler, einem Mitarbeiter der SolarWorld, die Kooperationsurkunde. SolarWorld ist nun ein weiterer offizieller Partner und mit dabei, bei der VISION ZERO. Viele andere Unternehmen sollen folgen – zusammen können wir das Ziel „Null Unfälle – gesund arbeiten!“ erreichen.

Helmut Ehnes (links) und Sven Zeiler
Helmut Ehnes (links) überreicht Sven Zeiler, Mitarbeiter der SolarWorld Industries Sachsen GmbH, im Rahmen des Forum protecT 2016/2017 in Magdeburg die Kooperationsvereinbarung.

Kein tödlicher Arbeitsunfall – das ist unser Ziel

Die Relevanz der VISION ZERO, die selbstgesetzte Verpflichtung zur Vermeidung aller tödlichen Unfälle, stellte Dr. Ralf Faißner von der BG RCI mit seiner Untersuchung von über 320 tödlichen Arbeitsunfällen der letzten 12 Jahre heraus. Wie die Analyse der Unfallursachen zeigt, liegen über 90 Prozent der Unfälle in den Bereichen Fahrzeug/Transportmittel, Maschine/Anlage, Absturz, fallende/kippende/umherfliegende Gegenstände sowie Explosion/Verpuffung. Viel wurde seit 1960 erreicht, doch genug ist das noch nicht: Jedes einzelne Leben muss geschützt werden – null Unfälle ist das erklärte Ziel der VISION-ZERO-Strategie. Um sich diesem Ziel weiter anzunähern, entwickelte die BG RCI die „12 Lebensretter“ als konkreten Handlungsleitfaden zur Vermeidung lebensgefährlicher Arbeitsunfälle.

Teilnehmer an Ständen mit ausgelegten Broschüren
Zwischen den Vorträgen haben die Teilnehmer Zeit, auf dem „Marktplatz” im Hotelfoyer nach Präventionsangeboten der BG RCI zu stöbern und sich auszutauschen.

Gefährdungsbeurteilung als praxisnahes Führungsinstrument

Praktisch wurde es erneut bei den Erfahrungsberichten von Natalie Schönberg und Ilka Montag von der BG RCI. Wie schon Prof. Dr. Sohn in seinem Vortrag bei der Veranstaltung im November, zeigten die Referentinnen hier im Zwiegespräch, wie das vermeintlich bürokratische Monster „Gefährdungsbeurteilung“ als smartes Führungsinstrument zur Prozessoptimierung eingesetzt werden kann. Neben der Ablaufoptimierung stellten sie weitere positive Effekte heraus, beispielsweise eine Beteiligung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie eine Verbesserung der Kommunikation im Unternehmen. Mit Beispielen aus dem Arbeitsalltag veranschaulichten die Arbeitssicherheitsexpertinnen, dass anfängliche Hürden bereits mit kleinen Schritten zu überwinden sind.

Eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen nahm Olga Zumstein, Betriebsärztin der BASF SE, mit ihrem Vortrag in den Fokus. Sie stellte mit frei zugänglichen Checklisten effiziente und flexible Instrumente zum Messen und Erfassen psychischer Belastungen vor. Anhand von Beispielen aus ihrer betriebsärztlichen Tätigkeit verdeutlichte sie, dass Führungskräfte und Mitarbeitende gemeinsam psychische Belastungen minimieren und damit eine sichere und gesunde Arbeitsumgebung fördern.

Den Übergang von den Impulsvorträgen zu den Workshops lockerte Dr. Helmut Nold von der BG RCI mit einer Bewegungspause auf. Auf dem Marktplatz konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den zahlreichen Informationsmaterialien der BG RCI versorgen und bei Erfrischungen und Snacks das eine oder andere Gespräch führen.

Jürgen Schwarz
„Gefährdungsbeurteilung lohnt sich!“ So das Fazit von Jürgen Schwarz von der Kissel + Wolf GmbH in seinem Vortrag darüber, wie die Gefährdungsbeurteilung in seinem Unternehmen als Führungswerkzeug genutzt wird.

Workshops zu Führung, Gefährdungsbeurteilung und Prävention

Durch das Programm führten die Moderatoren Alexander Niemetz bzw. Jürgen Renfordt, die am Nachmittag des ersten Forumstags das Wort an die Moderatorinnen und Moderatoren der Workshops übergaben. In sieben Workshops wurden die Themen der Impulsvorträge vertieft und rege diskutiert:

Am zweiten Tag fassten die Workshopleiterinnen und -leiter die Ergebnisse zusammen und gaben allen Teilnehmenden damit Einblicke in die verschiedenen Diskussionsrunden.

Unterstützung der Führungskräfte durch Qualifikationen bei der BG RCI

Eine Übersicht über das umfangreiche Qualifizierungsangebot der BG RCI gab Ulrich Bürkert von der BG RCI. Die BG RCI bietet zahlreiche Seminare für das mittlere und obere Management an. Neben konkreten Aus- und Weiterbildungen eröffnen sich dadurch weitere Möglichkeiten des Erfahrungsaustauschs und Voneinander-Lernens. Am Modell der Handlungskompetenz verdeutlichte Ulrich Bürkert das Zusammenspiel von Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenz. Erfolgreiches Handeln setzt die Fähigkeit und die Bereitschaft zum Handeln voraus. Zielsetzung der BG RCI Führungskräfte-Seminare ist es, neben der Selbstverpflichtung zum Arbeitsschutz, Verantwortung zu erkennen und eigenes Verhalten zu reflektieren. Darüber hinaus bietet die BG RCI einführende und vertiefende Seminare zur Gefährdungsbeurteilung an.

Der Vormittag schloss mit Dr. Helmut Nolds Bilanz zum BG RCI Kompetenz-Center Gesundheit im Betrieb.

Best Practice in den BG RCI Mitgliedsunternehmen

Wie erfolgreich viele Mitgliedsunternehmen der BG RCI bereits Arbeits- und Gesundheitsschutz in ihren Unternehmen leben, zeigten die Vorträge von Jürgen Schwarz (Kissel + Wolf GmbH) und Michael Kuhn (Werksgruppe Süd der Schwenk Zement KG).

Praxisnah und eingängig stellte Jürgen Schwarz die Gefährdungsbeurteilung als Führungswerkzeug vor. Er verdeutlichte, wie in seinem Unternehmen selbst mit einfachsten Mitteln Großes in Sachen Unfall- und Gesundheitsschutz erreicht werden konnte. Bei der KIWO sind beispielsweise Erste-Hilfe-Informationen auf jedem Desktop hinterlegt und werden zentral aktualisiert. Die Gefährdungsbeurteilung in seinem Unternehmen ist Chefsache, doch er betonte, dass Erfahrungen und Wissen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Ebenen einbezogen werden. Sein Fazit: „Gefährdungsbeurteilung lohnt sich!“

MISSION ZERO, gemeinsam entwickeln, umsetzen, leben – so der Vortragstitel des zweiten Referenten. Am Beispiel des Eisbergmodells verdeutlichte Michael Kuhn die Relevanz im Umgang mit unsicheren Handlungen und Beinaheunfällen. Er legte dar, wie die MISSION ZERO als Arbeitssicherheitskultur in seinem Unternehmen etabliert werden konnte. Führung, Kommunikation und Wertschätzung spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Seine Empfehlung für eine VISION ZERO ist es, kontinuierlich und systematisch aus Fehlern zu lernen und Bestehendes zu nutzen.

Michael Kuhn
Über die Etablierung einer Arbeitssicherheitskultur in seinem Unternehmen berichtet Michael Kuhn von der Werksgruppe Süd der Schwenk Zement KG.

Vertrauen als Crux der Motivation

Der Führungstrainer Dr. Bernd Geropp stärkte in seinem Vortrag das Bild grundsätzlich motivierter und engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Traditionelle Führungsansätze hingegen demotivieren häufiger als dass sie motivieren. Lösungsansätze findet der promovierte Ingenieur im Symbolischen Management und der Vermittlung von Sinnhaftigkeit unternehmerischen Handelns. Die Basis allen Führens ist für ihn dabei gegenseitiges Vertrauen – ohne Vertrauen keine erfolgreiche Führung. Zu guter Letzt verriet er seine Geheimtipps in Sachen Führungserfolg: Eigene Erwartungen klar kommunizieren, aktiv zuhören, mehr Zeit für Führung und weniger Zeit fürs Managen.

Dr. Bernd Geropp
Der Führungstrainer Dr. Bernd Geropp baut auf Vertrauen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Grundlage allen Führens.

Leben Sie Arbeitssicherheit!

Schlussworte sprachen Wolfgang Pichl und Dr. Harald Wellhäußer, stellvertretende Leiter der Prävention der BG RCI. Die zwei Forumstage zusammenfassend, hielten sie fest, dass das Erkennen und Beseitigen von Gefährdungspotenzialen zu den wesentlichen Führungsaufgaben zählt. Wie die Vorträge und Diskussionen zeigten, ist die VISION ZERO kein unbezwingbarer Gipfel, sondern eine Strategie, die systematisch mithilfe der sieben Erfolgsfaktoren angegangen werden kann. Gelebte Führung und strukturierte Gefährdungsbeurteilung sind die ersten, überaus effektiven Schritte hin zu null Unfällen und gesunder Arbeit.

VISION ZERO ist ein gemeinsamer Weg – es ist der wichtige und richtige Weg. Die Vorträge und Workshops zeigten, dass und wie Arbeitsschutz als Lebensgefühl in den Arbeitsalltag integriert werden kann. Und so verabschiedete Dr. Harald Wellhäußer alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit den Worten: „Nehmen Sie sich Zeit, aber fangen Sie jetzt an!“

 
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