Arbeitssicherheit

Interview mit Dr. Joachim Breuer, Präsident der IVSS

Zukunft der sozialen Sicherheit mitgestalten

Dr. Joachim Breuer wurde im November 2016 am Weltforum für soziale Sicherheit zum 16. Präsidenten der IVSS gewählt. Dr. Breuer ist Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und gilt als internationaler Experte für soziale Sicherheit und Sozialversicherung.

Sie wurden im November 2016 am Weltforum für soziale Sicherheit zum Präsidenten der IVSS gewählt. Was waren Ihre Beweggründe, sich für diesen Posten zu bewerben?

Mein Hauptbeweggrund war – und ist nach wie vor – meine Leidenschaft für die soziale Sicherheit. Die soziale Sicherheit geht auf unsere elementarsten menschlichen Bedürfnisse ein: finanzielle Sicherheit, Gesundheit, Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie ist das unsichtbare Band, das unsere Leben miteinander verbindet und das uns das Vertrauen geben kann, Neues zu wagen, weil wir wissen, dass wir uns im Falle eines Scheiterns auf eine Sicherung verlassen können.

Die meisten Menschen in Ländern mit einem hohen Sozialschutzniveau sind sich leider oft nicht bewusst, wie komplex und schön dieses Band ist und was ihnen ohne soziale Sicherheit fehlen würde. Reist man in Länder, die noch daran sind, eine Sozialschutzinfrastruktur aufzubauen, begreift man in dieser Hinsicht viel. Und die Zusammenarbeit mit Ländern, die ihre Systeme gerade entwickeln, kann Begeisterung für die soziale Sicherheit auslösen.

Wie wir bereits am WSSF in Panama gesehen haben, operiert die soziale Sicherheit in einem sich schnell verändernden Kontext. Was sehen Sie als die größten Herausforderungen für die soziale Sicherheit und für die Mitgliedergemeinschaft der IVSS?

Die IVSS hat am Weltforum ihren Bericht über „Zehn globale Herausforderungen für die soziale Sicherheit“ vorgestellt, und ich möchte diese Studie allen wärmstens empfehlen, die sich für das Thema interessieren. Ich glaube, dass eine – und vermutlich die größte – Herausforderung, welche die soziale Sicherheit in nächster Zukunft zu bewältigen hat, in der Frage der tragfähigen Finanzierung liegt. In allen Erdteilen beobachten wir einen Bevölkerungswandel, und die Arbeitsbevölkerung wird im Vergleich zur wachsenden Zahl der Leistungsempfänger der sozialen Sicherheit immer kleiner oder stagniert.

Angesichts dieser Tatsache ist es wichtig, dass wir alles tun um sicherzustellen, dass die Menschen ein langes und produktives Arbeitsleben haben können. Die soziale Sicherheit kann einen Beitrag dazu leisten, indem sie Prävention, Rehabilitation und Wiedereingliederung am Arbeitsplatz fördert. Sodann müssen wir die Auswirkungen des digitalen Wandels auf unsere Volkswirtschaften bewältigen. Ich glaube nicht, dass alle menschlichen Arbeitskräfte bald von Maschinen ersetzt werden. Es ist jedoch klar, dass neue Technologien die Arbeitsmärkte verändern, was sich auch auf die Finanzierung der sozialen Sicherheit auswirken wird. Wie können wir sicherstellen, dass Clickworker oder Uber-Fahrer über einen angemessenen Sozialschutz verfügen und dass ihre Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz gewährleistet sind? Funktionieren die herkömmlichen Modelle der sozialen Sicherheit noch in Zeiten der Gig Economy (verbreitete Kurzzeit-Jobs)? Oder brauchen wir neue Ideen wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen? Ich glaube, dass wir als Institutionen der sozialen Sicherheit diese Fragen nicht nur den Ökonomen überlassen sollten. Wir sind die Experten für Sozialschutz, und wir sollten aktiv an der Debatte teilnehmen, welche die Zukunft unseres Bereichs prägen wird.

Was werden Ihre Prioritäten als IVSS-Präsident sein?

Für meine Amtszeit als IVSS-Präsident habe ich vier Prioritäten. Erstens geht es mir um ein Thema, das mir viele IVSS-Mitglieder in Gesprächen vor und während des WSSF ans Herz gelegt haben: Der Erfahrungstransfer muss in der Praxis effektiver werden. Dies könnte mit Austauschprogrammen und Praktika erreicht werden.

Zweitens möchte ich die Mitgliedergemeinschaft der IVSS vergrößern. Es gibt noch immer Länder, die nicht zur IVSS-Familie gehören. Dies möchte ich ändern. Eine stärkere Mitgliederbasis bedeutet auch eine stärkere IVSS, und eine stärkere IVSS kann für ihre Mitglieder mehr bewirken.

Eine Frage, die wir ebenfalls angehen müssen, ist diejenige der Finanzierung. Ich möchte gemeinsam mit der IVSS-Mitgliedergemeinschaft die Finanzen unserer Organisation überprüfen und Wege suchen, wie wir unsere verfügbaren Ressourcen erhöhen und diese besser nutzen können.

Last but not least – und dies hängt mit dem zusammen, was ich eben über die Herausforderungen der Zukunft gesagt habe – möchte ich, dass die Stimme der IVSS in der Welt besser gehört wird. Wir sollten nicht am Spielfeldrand stehen und zuschauen, wie andere – beispielsweise die Weltbank oder der Internationale Währungsfonds – die Zukunft der sozialen Sicherheit prägen.

Joachim Breuer
// IVSS / Elma Okic
 
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