Arbeitssicherheit

VISION ZERO: Präventionsmaßnahmen bei Cemex

Alles auf eine Karte

Im letzten Heft schauten wir auf die Verantwortung, die sich Führungskräfte der Cemex Deutschland AG für nachhaltige Unfallprävention auferlegt haben. Dazu gehört, gemeinsam mit den Beschäftigten Gefahrenquellen zu identifizieren und auszuschalten. Etwa mit den Beinaheunfall-Karten, einem ebenso einfachen wie effizienten System, an dem sich alle Mitarbeiter beteiligen können.

„Puh, das war knapp“ – solche Aufatmer kommen in den Betrieben unserer Branchen häufig vor. Und was passiert nach dem Beinahe-Sturz, der Beinahe-Kollision, dem Beinahe-Steinschlag? Man geht zur Tagesordnung über. Ist ja nichts passiert. Bis jemand erneut in die Falle tappt – und sich ernsthaft verletzt oder gar ums Leben kommt.

Selbst aufmerksame Vorgesetzte bekommen von diesen Beinahe-Unfällen eher selten etwas mit. „Darum sind wir auf die Kooperation unserer Mitarbeiter angewiesen“, sagt Michael Schulte, Geschäftsführer der Cemex Kies & Splitt GmbH. Das Unternehmen, VISION-ZERO-Partner der BG RCI, hat ein feingliedriges „Health&Safety“-System geschaffen, das jeden Beschäftigten mit seinen Kompetenzen und Möglichkeiten einbindet (siehe dazu auch STEINE+ERDEN 2/2017). „Wir motivieren die Kollegen bei praktisch jeder Gelegenheit, die Augen offen zu halten und jeden noch so banal wirkenden Beinahe-Unfall zu melden.“ Zudem sollen sie kreativ werden und Lösungen zur Abhilfe vorschlagen. Denn: „Ein Beinahe-Unfall ist ein sicheres Indiz dafür, dass etwas nicht stimmt.“ Mal stecke ein technisches Problem dahinter, mal eine Missachtung von Sicherheitsvorschriften.

Best Practice: das Beinaheunfallkarten-System

Damit kein Hinweis ungehört verhallt, hat das Unternehmen die Beinaheunfallkarten geschaffen, kurz „BUK“. Dies sind Formulare, die jedes Cemex-Werk seinen Mitarbeitern in Papierform und auch online im Health&Safety-Dashboard – einer Intranet-Plattform – bereitstellt. Sobald irgendwo beinahe ein Unfall passiert ist, füllen die Betroffenen oder Zeugen eine BUK aus. Und zwar namentlich gekennzeichnet, nie anonym. Handschriftlich verfasste BUK werden in der Regel vom Werkleiter ins Dashboard übertragen. Jede BUK läuft bei den Führungskräften auf, die dann in der Pflicht stehen, den Mangel abzustellen. „So kann sich niemand herausreden, man habe nichts gewusst “, sagt Michael Schulte. Und wie geht’s dann weiter? „Sobald eine BUK vorliegt, muss sie auch zügig bearbeitet werden.Verantwortlich sind dafür die jeweiligen Vorgesetzten. Falls sie Hilfe brauchen, können sie sich an ihre Regionalleitung wenden. Dort wird auch regelmäßig kontrolliert, inwieweit die BUK abgearbeitet sind, also welche Maßnahmen eingeleitet wurden, um die Unfallgefahr auszuschalten.

Keine Scheu vor der Wahrheit

Die Cemex-Beschäftigten haben das BUK-System gut angenommen. Allerdings musste mancher seine Furcht überwinden, nach der Offenbarung eines Beinahe-Unfalls Ärger mit Kollegen oder Vorgesetzten zu bekommen. „Es geht uns mit den BUK ja um Beteiligung und nicht um Schuldzuweisung“, betont Schulte. „Man muss es doch so sehen: Kommt es zu einem Beinahe-Unfall aufgrund einer Regelmissachtung, heißt das für uns Führungskräfte, dass wir noch mehr Überzeugungsarbeit leisten müssen.“

Ebensowenig würden die BUK unter den Beschäftigten zum gegenseitigen Anschwärzen missbraucht. Der Team- und Sicherheitsgedanke steht ganz oben. Und auch das angenehme Gefühl, etwas Gutes für seine Kollegen getan zu haben. „Viele Präventionsmaßnahmen, die auf eine BUK zurückgehen, können wir auf andere Betriebe übertragen“, sagt Michael Schulte. „Sowas macht unsere Leute schon stolz.“

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

Michael Schulte
Michael Schulte, Mitglied der Geschäftsführung der Cemex Deutschland AG, setzt mit den BUK auf Problemlösung in Teamarbeit. // Cemex Deutschland AG
 
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