Unternehmensführung

Mit der Initiative ProAbschluss Berufsabschluss nachholen

Vorhandenes Potenzial nutzen

In Deutschland ist man zu Recht stolz auf das duale Berufsausbildungssystem und den hohen Anteil an Menschen mit abgeschlossener Ausbildung. Weitgehend unbekannt ist aber, dass auch hierzulande sehr viele Menschen arbeiten, ohne für den ausgeübten Job den geeigneten Berufsabschluss zu haben. Im wirtschaftsstarken Bundesland Hessen sind über 320.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte ohne anerkannten Berufsabschluss.

In der Praxis führen viele von ihnen trotzdem hochqualifizierte Arbeiten aus. So wie Tino Sirlin, 35, aus Grasellenbach in Südhessen, der 2016 seinen Berufsabschluss als Industrieelektriker nachgeholt hat. „Ich war auch ohne Abschluss ganz erfolgreich“, bekennt der allein erziehende Vater heute. Seit vielen Jahren schon ist Sirlin bei der ABG Industrie Elektro im benachbarten Bensheim angestellt. Als Ungelernter erfolgreich zu sein - das ist eher die Ausnahme. Menschen ohne Berufsabschluss sind viermal so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen und finden oft nur schwer einen neuen Arbeitsplatz. Denn bis zu 80 Prozent aller bei der Arbeitsagentur gemeldeten Arbeitsplätze sind Stellen für Fachkräfte mit entsprechendem Berufsabschluss. Obwohl Sirlins Arbeitsplatz nicht gefährdet war, wollte er den Berufsabschluss aber trotzdem nachholen. „Ohne Berufsabschluss muss man auch immer mehr kämpfen und etwas mehr leisten als der Rest, um zu beweisen, dass man etwas kann.“ Ein Berufsabschluss steigert aber nicht nur Selbstwertgefühl und sozialen Status, sondern auch das Einkommen. Im Durchschnitt liegt der Bruttostundenlohn bei Personen mit Berufsabschluss um etwa 60 Prozent über dem Niveau von Ungelernten.

Kompetente Unterstützung

2016 hatte sich Tino Sirlin dazu entschlossen, seinen Abschluss als Industrieelektriker anzugehen. Der Impuls kam von der Unternehmensleitung, die Potenzial in ihm sah. „Es war wirklich stressig“, sagt er heute, obwohl bei ihm dank seiner Vorkenntnisse nur sieben Wochen Theorie- und Praxislehrgänge ausreichten und er den Abschluss bei der IHK Darmstadt sogar als Jahrgangsbester gemacht hat. Sirlin wurde auch wesentlich durch ProAbschluss unterstützt, einer Initiative des Landes Hessen. Sie ist für hessische Beschäftigte gedacht, die keinen passenden Berufsabschluss haben und die beruflich noch etwas erreichen wollen. Fachliche, kostenfreie Beratung zum Wie und Wo gehört ebenso zu den Leistungen wie die finanzielle Unterstützung. Voraussetzung: Älter als 27 Jahre muss man sein, einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen und seinen Hauptwohnsitz in Hessen haben. Auch geringfügig Beschäftigte können die Zuschüsse beantragen, wenn der Arbeitgeber Sozialversicherungsbeiträge abführt. Die Initiative hilft nicht nur den hessischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, sondern auch den lokalen Unternehmen. Denn der Fachkräftemangel ist inzwischen fast überall angekommen; insbesondere der Mittelstand ist betroffen. 50% der deutschen Mittelständler sehen aktuell den drohenden Fachkräftemangel als größte Gefahr für die weitere Entwicklung ihres Unternehmens, wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young im Januar 2017 in ihrem »Mittelstandsbarometer« ermittelt hat.

Tino Sirlin
Tino Sirlin hat seinen Abschluss an der IHK Darmstadt als Jahrgangsbester gemacht.
 
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