Technik

Messerückblick: CeMAT 2018

Prävention auf Anfrage

Ende April kam es auf Hannovers Expo-Gelände zu einer Quasi-Fusion: Erstmals wurde die Logistikmesse CeMAT zusammen mit der Hannover Messe veranstaltet (eine Rückschau auf letztere finden Sie ab Seite 76 in diesem Heft). Doch ob man hierhin oder dorthin schaute: Die emblematischen Ziffern „4.0“ gerieten – wie erwartet – überall in den Blick. Wie sah es bei all der Hightech mit der Arbeitssicherheit aus? STEINE+ERDEN suchte auf der CeMAT nach Antworten.

Haben Sie CeMAT und Hannover Messe besucht? Nein? Da waren Sie nicht die einzigen Unternehmer der Baustoffindustrie, die Ende April einen Bogen um Hannover gemacht haben. Vermutlich wird der Anteil der „Steinbrecher“ im Fachpublikum insgesamt gering gewesen sein – zu weit weg scheint manchmal die Intention dieser Ausstellungen mit ihrem Viernull-Mantra. Überall blinkten, surrten und zischten vollautomatisierte Stückgut-Förderanlagen, fuhrwerkten Konfektionierungsroboter und brachten AR-bebrillte Präsentatoren vor riesigen Monitoren virtuelle Packstücke in einen ebenso virtuellen Warenfluss.

Vakuumlifter
Schweres ganz leicht heben: Die Vakuumlifter von SMI saugen sich an verschiedensten Stück- und Sackgütern fest.

Wo bleibt unsere Arbeit?

Digitale Transformation war also einmal mehr DAS Thema der Doppelmesse und eben auch der CeMAT, die sich natürlich primär auf den Bedarf an immer schnelleren, effizienteren Lösungen für die Intralogistik und den boomenden Online-Handel eingeschossen hat. So sehr, dass sich wohl jeder Besucher irgendwann mal eine bange Frage stellte: Wo bleiben da eigentlich der Mensch und seine Fertigkeiten? Dr. Jochen Köckler, Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Messe AG, schloss die Messewoche mit dem Versuch einer Antwort: „Technologie ist Assistenz und nicht Konkurrenz für den Menschen. Es steht der Mensch im Mittelpunkt: Er ist Entscheider und Impulsgeber.“ Aber wie lange noch? IoT, Künstliche Intelligenz und Machine Learning stehen in den Startlöchern für eine Industrie, die kaum noch Menschen braucht. Köckler weiter: „Im Zusammenspiel mit der Maschine und der IT entsteht ein enormer Wettbewerbsvorteil in Produktion, Logistik und Energiewirtschaft.“ Aber wir wissen alle, dass sich solche Vorteile vor allem dann ergeben, wenn Personalkosten gesenkt werden können – wofür die fortschreitende Automation einen sehr langen Hebel bietet. Da muss man weder Marxist noch notorischer Technikfeind sein, um die Zukunft menschenbasierter Arbeit und Produktionsprozesse in Gefahr zu sehen.

Efficency first

In Steinbrüchen, Kies-, Sand- und Mischwerken, bei Betonteil- und Baustoff-Herstellern gehen die Uhren noch anders. Zum Glück, könnte man angesichts dieser menschenleeren Zukunftsvisionen fast sagen. Doch ist es auch für diese Unternehmen ratsam, sich von der digitalen Transformation die eine oder andere Scheibe abzuschneiden. So bieten Echtzeit-Simulationen in der „Augmented Reality“ (AR) die Möglichkeit, Fertigungsprozesse noch in der Planungsphase auf mögliche Betriebs- oder Bedienfehler hin zu untersuchen. Das Fraunhofer-Institut etwa hat auf CeMAT und Hannover Messe hierzu beeindruckende Beispiele präsentiert – vorrangig freilich zur technisch-betriebswirtschaftlichen Optimierung. Fragte man die Fachleute an den Ständen, ob man ihre Technologien denn auch in den Dienst der Arbeitssicherheit stellen könne, ähnelten sich die Antworten oft: Erst ein grübelnder Blick ins Leere, gefolgt von dicken Backen und einem „äh, ja, bestimmt“. Auch in den gewohnt bombastisch inszenierten Präsentationen der neuen E-Stapler-Generationen bei Still, Toyota und Jungheinrich ging es um Effizienz, Kraft und Design, doch höchstens am Rande um die Sicherheit von Fahrer und Umgebung.

Mann hält einen Tabletcomputer
Skala für Körperstress: Der intelligente Sitz von Grammer meldet per Bluetooth die Stoß- und Vibrationsstärke in der Fahrerkabine ans Tablet, eine Software analysiert und speichert sie.

Rosinenpicken

Aber gut, wir waren schließlich nicht auf einer A+A und wollen deshalb nicht allzu spitzfindig sein. Immerhin unterstrich die CeMAT, wie hoch entwickelt die digitalen Assistenzsysteme in Anlagen, Maschinen und Fahrzeugen mittlerweile sind. Der Hersteller Motec etwa bietet neben seinen bekannten Rundumsicht-Kamera-Monitorsystemen nun auch optische Geräte an, die dank Digitaltechnik extrem miniaturisiert sind und sich daher für nahezu alle Einbausituationen eignen. Sogar in den Spezialzinken, die der Hersteller Vetter für Gabelstapler anbietet, finden sie Platz und lassen den Fahrer unter und hinter die zu transportierenden Paletten schauen. Selbst bei Dunkelheit machen manche der neuen Kameras gute Bilder – dank automatischer Umschaltung auf Infrarot.

Continental arbeitet an einem Sensorsystem für die lückenlose Überwachung des Betriebs und des Zustands ganzer Förderbandanlagen von der Materialaufgabe bis zum Austrag (siehe Artikel "Continental stellt Messemodell für den Service von Fördergurten vor"). Stapler, Krane und Erdbaumaschinen können mit Neigungs-, Kipp- und Gewichtssensoren z.B. von FSG oder Pepperl & Fuchs ausgestattet werden, um vor gefährlicher Ausrichtung oder falscher Beladung zu warnen. Und selbst in manchen Fahrersitzen steckt digitale Messtechnik: Grammer etwa präsentierte einen Cockpit-Sessel, der die Stoß- und Vibrationsbelastung des Fahrers permanent aufzeichnet und so Aussagen über den körperlichen Stress während der Arbeit zulässt.

Ja, es gab sie also, aber man musste sie suchen, die Produkte, mit denen die Hersteller explizit auch die Sicherheit steigern wollen. So zogen wir eine für uns eher mittelprächtige Gesamtbilanz: Die Technologietreiber waren augenscheinlich nicht nach Hannover gekommen, um über die VISION ZERO zu sprechen.

Vielleicht auch, weil sie ihre eigene Vision Zero haben – die Vision von „null Menschen“ in einer autonomen Industrie 5.0.

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

Stapler auf Rampe
Sicher be- und entladen: Butt bietet zu seiner mobilen Rampe viel Zubehör, um den Lkw gegen das Wegrollen oder Absinken zu fixieren. // Fotos: © Markus Hofmann/BG RCI
 
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