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Rückschau: Hannover Messe 2018

Die Mensch-Maschine

Wer über die Hannover Messe 2018 streifte, dem mögen – wie dem STEINE+ERDEN Redakteur – die Songs des 1978er Kraftwerk-Albums durch den Kopf gegangen sein. Die Grenzen zwischen Mensch und Maschine, zwischen greifbarer Realität und neuen digitalen Dimensionen, verschwimmen zusehends; der Wandel der Arbeitswelt ist in vollem Gange. Wer da nicht mitzieht, kann einpacken – so die unverhohlene Botschaft der Messe.

Angela Merkel berührt einen roboterarm
Yo Angie: Mit der „Ghettofaust“ begrüßte ein Roboter Bundeskanzlerin Merkel.
Links neben ihr Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto (Foto: Deutsche Messe AG).

Diesmal war es nicht der traditionelle Händedruck. Zur Begrüßung eines Roboters auf der Hannover Messe und CeMAT wählten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Peña Nieto, Präsident des diesjährigen Partnerlandes Mexiko, eine lässigere Variante: die Ghettofaust. Woanders bat ein Roboter die Messebesucher zum Tischtennis-Match. Die Botschaft dieser Spielchen: Ach, ist der lieb. Davor muss man nun wirklich keine Angst haben. Die Messe selbst nennt das ein „Sinnbild für den unverkrampften Umgang mit der Digitalisierung, Robotern und maschinellem Lernen“. Die Veranstalter wussten aber auch, dass nicht jeder Messebesucher das so sieht, bei manchen sogar Ängste aufkommen. In den Hallen mit dem Leitthema „Integrated Industry – Connect & Collaborate“ etwa. Machine Learning, Künstliche Intelligenz, industrielle IT-Plattformen, Robotik, fahrerlose Transportsysteme, Drohnen und autonome Systeme in Produktion und Intralogistik zeigten, dass die Rolle des Menschen in der vernetzten Fabrik schwinden wird. „Technologie ist Assistenz und nicht Konkurrenz für den Menschen“, beschwichtigte daher Dr. Jochen Köckler, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Messe AG, zum Abschluss der Doppelmesse (siehe auch unseren CeMAT-Nachbericht).

Bildschirmanzeige
Aufatmen: Verschiedene Anbieter vernetzen sensorisch ermittelte Umgebungsdaten, um etwa die Luftqualität am Arbeitsplatz kontrollieren zu können.

Ohne 5G wird das nichts

Dass IT und Maschinenbau weiter zusammenwachsen und neue Geschäftsmodelle entstehen, gehörte in Hannover in diesem Jahr ebenso zu den zentralen Trends wie der herannahende Einzug künstlicher Intelligenz in die Fabriken. In den Hallen der Automation präsentierten sich Antriebs- und Fluidtechnik als wesentlicher Treiber der digitalisierten und vernetzten Produktion.

Zweifellos kann das den Unternehmen Vorteile bringen. „Viele haben die ersten Schritte auf dem Weg zur digitalisierten und vernetzten Produktion erfolgreich gemacht und sind jetzt dabei, die zweite Stufe zu zünden“, hob Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA, hervor. „Neue Geschäftsmodelle auf Plattformen, der Einsatz von ‚digital twins‘ oder erste Erfahrungen mit Machine Learning – all dies wird im Maschinenbau eine immer bedeutsamere Rolle spielen“, sagte Brodtmann. In die gleiche Kerbe schlug Dr. Klaus Mittelbach, Vorsitzender der Geschäftsführung des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI): „Erweiterte Wertschöpfungsnetzwerke, neue Formen der Mensch-Maschine-Kollaboration und die zunehmende Integration von Künstlicher Intelligenz in die Produktion sind Schlüsselmerkmale von Digitalisierung und Vernetzung.“ Aber: „All das benötigt künftig noch mehr Konnektivität, weshalb der ZVEI von Beginn an ein industriefähiges 5G-Netz fordert“, so Mittelbach. 5G? In einem Land, wo bisher fast nur lahmes Kupfer verbuddelt ist? „Vielleicht erleben meine Kinder das ja noch“, raunte ein junger Journalistenkollege.

Roboterarm auf einem Bildschirm
Nachmacher: Ein „digital twin“ lernt von einem menschlichen Kollegen, was sein Roboterarm künftig tun soll. // Fotos: © Markus Hofmann/BG RCI

Chancen für den Export

An der Energieversorgung soll es jedenfalls nicht scheitern. Um jenes andere Schlüsselthema – Effizienz bei gleichzeitiger Schonung des Klimas – ging es daher in den Energiehallen. Dezentrale, smarte Energiesysteme standen ebenso im Mittelpunkt wie Infrastrukturlösungen für eine umweltfreundliche Mobilität der Zukunft. Was insbesondere die deutschen Messebesucher daran erinnerte, dass die Bundesrepublik auch da einen Trend nach dem andern verschlafen hat.

An mangelnder Innovationskraft der Hersteller und Zulieferer liegt das definitiv nicht: Ihre Nabelschauen waren beeindruckend, und was von ihren Produkten hierzulande (noch) nicht gebraucht wird, reißt man ihnen eben auf anderen Kontinenten aus den Händen.

Und damit das weiterhin zu attraktiven Kursen geschehen kann, sucht die EU den Schulterschluss mit Übersee, etwa mit Mexiko. Bundeskanzlerin Merkel und Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto waren sich einig: Fortschritt und Wohlstand gibt es nur mit offenen Märkten. Die Präsenz Mexikos in Hannover stand somit auch im Zeichen des internationalen Freihandelsabkommens, auf das sich der lateinamerikanische Staat und die EU kurz vor Messebeginn geeinigt hatten. Künftig wollen die Länder 99 Prozent ihrer Waren zollfrei handeln.

Die nächste Hannover Messe wird ausgerichtet vom 01. bis 05. April 2019. Das Partnerland ist dann Schweden. Die nächste CeMAT findet vom 20. bis 24. April 2020 wieder gemeinsam mit der Hannover Messe statt.

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

Mameraartiger Detektor
Scharfe Augen: Konica Minolta präsentierte einen optischen Gasdetektor, der mittels Kombination von Real- und Wärmebildern Gaslecks selbst in großer Entfernung erkennt und sichtbar macht. Er kann etwa in Raffinerien und auch im Untertagebau eingesetzt werden.
Bildschirmanzeige einer Schaltmatte
Mit den Füßen schalten: Der deutsche Hersteller Pilz bietet intelligente, überfahrbare Bodenmatten an, in die nach Kundenwunsch Sensoren und Schalter eingebaut werden. In der direkten Umgebung von gefährlichen Anlagen verlegt, können die Platten etwa Fehlbedienung und Eingreifen per Not-Aus verhindern. Ein Display zeigt an, welche Plattenzonen aktiv sind und betreten werden.
Reifen
Warnung vor Schieflage: Neigungssensoren auf Achsen von Erdbaumaschinen (oben) sowie an Schaufeln oder Auslegern verhindern Wege- und Arbeitsunfälle.
Neigungssensor auf einem Messestand
 
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