Industrienachrichten

Nachlese bauma 2019

Harte Arbeit, weiche Ware

Die Bau- und Rohstoffindustrien der Welt boomen. Daher verwundert es nicht, dass die bauma 2019 in München mal wieder sämtliche Rekorde gebrochen hat, ob es nun um Besucher- und Ausstellerzahlen, Flächengrößen oder Rahmenprogramme ging. So groß die Vielfalt der präsentierten Maschinen und Anlagen auch war – die bauma 2019 wurde vor allem durch zwei Themen geprägt: digitale Vernetzung und Effizienzsteigerung. Arbeitssicherheit und Gesundheitsprävention hingegen waren – wie eigentlich immer auf der bauma – eher Nebenschauplätze.

Radlader
Vollelektrisch, vernetzt und gespickt mit digitalen Assistenten: Der Radlader aus dem „Project Tetra“ von Case feierte auf der bauma Premiere. // Alle Fotos dieses Beitrags: Markus Hofmann/BG RCI

Es ist still im Leitstand, der wie die Brücke eines Raumschiffs wirkt. Der Operator sitzt vor einem quadratmetergroßen Mosaik aus Touch-Panels. Es zeigt Bilder von Rundumsicht-Kameras, Echtzeit-Informationen über Orte, technische Zustände und Arbeitsfortschritte sowie natürlich die Daten des Kundenauftrags: Eine Rampe muss aus Schotter einer bestimmten Körnung aufgeschichtet werden, mit definierten Abmessungen und Böschungswinkeln. Der Operator aktiviert die benötigten Maschinen der verfügbaren Flotte, konfiguriert sie mit den optimalen Anbaugeräten. Los geht es mit dem Radlader. Der muss einen Muldenkipper mit einer aufs Kilo genauen Menge Schüttgut beladen. Hat er seine Arbeitsanweisung per 5G-Mobilfunknetz erhalten, macht er das meiste selbst. Ein Fahrer ist zwar an Bord, doch mit seinen Joysticks kontrolliert und korrigiert er hauptsächlich. Oder steuert den Werkzeugwechsel, wenn das System einen verlangt.

Kipper und Radlader, beide vollelektrisch unterwegs, kommunizieren miteinander. Ist die geforderte Füllmenge erreicht, melden ihre Sensoren das an den Leitstand. Der nächste Produktionsprozess startet, der Radlader geht wieder in Ruhestellung. Der Kipper fährt autonom auf einer vom System berechneten Idealroute zur Baustelle, überwacht durch GPS und diverse digitale Assistenten, die pausenlos Wege-, Fahrzeug- und Verbrauchsdaten an den Leitstand funken. Am Ziel angekommen, lädt der Kipper seine Last – ebenfalls per GPS und digitaler Sensorik punktgenau gesteuert – genau dort ab, wo das Objekt entstehen soll. Sogleich startet der nächste Prozessschritt: Ein autonomer E-Dozer setzt sich in Bewegung und formt aus dem Schüttguthaufen die gewünschte Rampe. Als ihm einer der wenigen Menschen auf der Baustelle zu nah kommt, hält der Dozer sofort inne: Seine Sensorik hat ein Unfallrisiko erkannt und meldet die Unterbrechung ans System. Als der Störenfried sich getrollt hat, gibt der Operator die Arbeit wieder frei. Schließlich prüft er das Ergebnis an seinen Kontrollpanels und meldet der Bauleitung aufs Smartphone: Mission erfüllt, Rampe steht. Und füttert das System schon wieder mit den nächsten Auftragsdaten.

Männer an Mikrophonen
„Wir müssen bauen, nicht enteignen“: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (Mitte) nahm bei der bauma-Eröffnung gemeinsam mit Bundeswirtschaftsminister Altmaier (3.v.l.) Stellung zu den aktuellen Diskussionen um knappen Wohnraum.
Dozer
Liebherr präsentierte auf seiner „Baustelle 4.0“ einen autonom arbeitenden E-Dozer, der gemäß der übermittelten Auftragsdaten automatisch eine Schotterrampe herstellte.

Die Welle rollt

Szenarien wie dieses werden bald allgegenwärtig sein in der Bau-, Rohstoff- und Mining-Industrie. Liebherr hat auf der bauma 2019 in einer Live-Show vorgeführt, wie die „Baustelle 4.0“ funktioniert: digital vernetzt, weitgehend autonom, maximal effizient in Leistung und Materialeinsatz. Attribute, die eine rasant wachsende Zahl neuer Produktionsanlagen, Erdbaumaschinen, Komponenten und Nutzfahrzeugen für sich in Anspruch nimmt. Förderbandanlagen, Brecher, Siebe, ja selbst Betonpumpen, Kippermulden und Reifen tauschen via „Internet of Things“ (IoT) Daten aus. Digitale Vernetzung wird auch den Bergbau revolutionieren, wie Siemens auf einem der vielen bauma-Foren an seinem Konzept „Digital Mining“ zeigte. In naher Zukunft werden die Maschinen dort voneinander lernen, um in der konkreten Arbeitssituation den perfekten Job zu machen.

Aus unternehmerischer Sicht eine verlockende Perspektive, in den Augen vieler Beschäftigter aber sicher auch beunruhigend. Denn wo werden sie bleiben, wenn Künstliche Intelligenzen das Ruder übernehmen? Und wenn aus ökologischen wie ökonomischen Gründen die Antriebe bald nur noch elektrisch sein werden – was wird aus den vielen Fachkräften, die heute noch Verbrenner zusammenschrauben?

Stahlgitterroste
Krallen für eisernen Grip: Fliegl rüstet seine Maschinentrailer mit rutschhemmenden Stahlgitterrosten aus.
Baggerarm mit Werkzeug
Die schnell wechselbaren Brech-, Sieb- und Fräswerkzeuge von MB Crusher ermöglichen unterschiedlichste Arbeitsschritte mit ein und demselben Bagger.

Digital nicht um jeden Preis

Antworten darauf gab es bei der bauma 2019 kaum. Aber dafür war sie auch nicht der Ort. Hier feierte sich – und das auch ganz zu Recht – eine hoch innovative Branche, die ihren Kunden zeigen wollte, was alles geht. Und nicht, welche Folgen ihre Technologie für Arbeitsmarkt und Gesellschaftsgefüge hat.

Zwischen den vielen digital-verliebten Ausstellern gab es jedoch auch ganz bodenständige, die auf den klassischen Maschinenbau und die Tugenden des deutschen Mittelstands vertrauen. Doppstadt etwa präsentierte seinen neuen Spiralwellenseparator für die Recycling-Industrie. Bietet er auch Schnittstellen zu digitaler Prozesssteuerung? „Nein, solche elektronischen Module sind und bleiben anfällig, gerade in staubiger oder schlammiger Umgebung“, sagte Doppstadt-Sprecher Thomas Willeke. „Unseren Kunden ist wichtiger, dass die Maschine lange hält und sie sie bei Bedarf einfach selbst warten oder umrüsten können.“ Auch so kann man gutes Geld verdienen. Wenngleich auch der neue SWS 3000 nicht mehr ohne Elektronik auskommt: Die Materialaufgabe wird sensorisch gesteuert, damit der Fluss nicht durch Leerlauf oder Überfüllung ins Stocken gerät. Ein wenig Komfort und Prozessoptimierung müssen schon sein – aber bitte nur, wenn sie dem Kunden auch wirklich etwas bringen, so der Doppstadt-Sprecher.

Wassernebelkanone
Frutiger präsentierte seine neue Wassernebelkanone für optimale Staubbindung.
Spiralwellenseparator
Langlebig, robust und einfach zu warten: Doppstadts neuer Spiralwellenseparator SWS 3000.

Arbeitsschutz am Rande

Und was bringen all die Innovationen, die bei der bauma 2019 im Rampenlicht standen, der Unfall- und Gesundheitsprävention? Auch nach Antworten auf diese Frage musste man bei der bauma intensiv suchen, nur wenige Hersteller gingen explizit auf diese Themen ein. Continental war einer von ihnen. Die Motivation des Konzerns für die Entwicklung digitaler Steuerungs- und Vernetzungsanwendungen sei stets auch der Arbeitsschutz, betonten drei Conti-Manager bei einer Pressekonferenz, denn: „Nur gesunde Mitarbeiter an sicheren Arbeitsplätzen bringen maximalen Output.“

Immerhin: In immer mehr Fahrzeugen, Maschinen und Anlagen sind sicherheitssteigernde Assistenz- und Warnsysteme serienmäßig verbaut, um Arbeits- und Wegeunfälle zu verhindern. Damit genügen sie schon ab Werk den neuen EU-Richtlinien, sodass sich der Käufer aufwendige Nachrüstungen sparen kann. Elektrische oder hybride Antriebe schonen die Umwelt und auch maximale Ergonomie für den Maschinenbediener ist ein erklärtes Entwicklungsziel. Kaufentscheidend seien Sicherheitsfeatures aber eher selten, meinte ein Sales-Mann bei Zeppelin-Cat. Hauptsache, die Leistung stimmt.

Und das zumindest erfüllen viele der Entwicklungen, die auf der bauma 2019 um Aufmerksamkeit buhlten. Sie zeigten, wohin die Reise geht: weiter Richtung Wachstum. Auch die nächste bauma in drei Jahren wird das beweisen.

Wer indes wissen will, was es Neues bei Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz gibt, muss Anfang November nach Düsseldorf reisen.

Zur A+A 2019.

Markus Hofmann

Redaktion STEINE+ERDEN

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Caterpillar inszenierte seine Markenbotschaften mit der wohl spektakulärsten Show der bauma.
 
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