www.steine-und-erden.net > 1998 > Ausgabe 3/98 > Unplugged

[Die Industrie der Steine + Erden]


Unplugged

Gute Vorsätze sind häufig schwierig umzusetzen. Der Plan, meinem Sohn eine bestimmte CD zu kaufen, erwies sich als Hindernislauf. Hätte ich nur nicht auf den Rat eines Bekannten gehört, mich an ein bestimmtes Fachgeschäft zu wenden.

Noch voller Unternehmungsgeist betrat ich den neuzeitlichen Musentempel. Wie eine Riesenfaust schlug mir ohrenbetäubende Musik entgegen. Dröhnende Bässe brachten mein Bauchfell augenblicklich in unangenehme Schwingungen. Offensichtlich war ich in den Vorhof der Hölle geraten. Aber trägt man dort Sweatshirts Größe XXL und megabunte, klobige Boots? Laufen dort Bengel mit Rastalocken und Fusselbart herum, gepierced und mit Tattoo? Mädel auf Plateausohlen, ganz in schwarz gekleidet, mit schwarz lackierten Fingernägeln und Stecker im Nasenflügel? Sei's drum, ich mußte hinein.

Der Laden war derart überfüllt, daß ich Mühe hatte, an's erste Regal zu gelangen mit Aufschriften wie Hop, House, Hiphop usw.. Ratlos schweifte mein Blick über Reihen von Regalen. Ohne Hilfe hatte ich keine Chance, soviel stand fest. Aber wie findet man in dieser Umgebung eine Verkäuferin oder einen männlichen Kollegen, und woran erkennt man sie? Bestimmt nicht an einem weißen Kittel mit Namensschild.
Eine junge Dame mußte in dem ganzen Getümmel meine suchenden Blicke bemerkt haben.

Auf zugspitzhohen Plateauschuhen stakste sie auf mich zu. Aus schwarzumrandeten Augen, die zu ihren pechschwarz gefärbten Haaren paßten, musterte sie mich wie ich meinte mitleidig und fragte nach meinen Wünschen. Da stand ich nun mit verlegenem Grinsen, geröteten Wangen und gab so gar nicht das Bild eines supercoolen Machos ab. Wie einen doch eine ungewohnte Umgebung aus dem Gleichgewicht bringen kann! Ich murmelte etwas von einer CD von den Sisters of Mercy, worauf der Spice-Girl-Verschnitt mich erneut unverschämt musterte: "Willste 'ne Maxi, unplugged, best-of, live oder crossover"?

Eigentlich wollte ich nur eine einfache CD. Musik einer bestimmten Gruppe sollte darauf sein, mir egal, mit welchen Attributen die Scheiben in Fachkreisen noch belegt werden. Da mein Sohn mir auch keine näheren Angaben mit auf den Weg gegeben hatte, stammelte ich etwas wie "best-of", denn das mußte doch eigentlich ein Zusammenschnitt der erfolgreichsten Stücke der Band sein.

Das Spice-Girl verschwand zwischen den Regalen und ließ mich reichlich hilflos zurück. Würde sie mich in diesem Gewimmel überhaupt wiederfinden, zumal ich sah, wie sie im Weggehen von einem Teeny auf Inlinern angesprochen wurde? Doch schneller als erwartet kehrte meine Helferin zurück. Tatsächlich hielt sie eine CD der Sisters of Mercy in der Hand. "Willste mal 'reinhören", fragte mich 'Schwarzauge' und rang sich so etwas wie ein Lächeln ab. Nein, ich wollte nur raus aus diesem Laden, aus diesem Lärm, weg von der Verkäuferin mit dem überlegenen Getue. Fast wäre ich ohne zu bezahlen auf die Straße gestürmt.

Wie schön war es doch damals mit den Schulkameraden beim Kauf der ersten Singles von den Beatles gewesen. Stundenlang hätten wir an den Plattentresen mit den herausziehbaren, Telefonhörern ähnlichen, Lautsprechern stehen und die Hitparaden 'rauf und 'runter hören können. Und dazu haben wir leise mitgesungen, ohne elektronische Hilfsmittel, also völlig unplugged.


Hans-Jürgen Bahr



Inhaltsverzeichnis Ausgabe 3/98 | Zurück zu unserer Homepage