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[Die Industrie der Steine + Erden]


Schwerer Unfall bei Sprengarbeiten

Dr.-Ing. W. Schneider

In einem Mitgliedsunternehmen ereignete sich bei der Durchführung einer Hebersprengung ein Sprengunfall. Dabei wurde der Sprengberechtigte so schwer verletzt , daß er später verstarb.

Ausgangssituation

Im Mitgliedsunternehmen wird Hartgestein abgebaut und zu Schotter und Edelsplitten aufbereitet. Das Unternehmen führt die notwendigen Bohr- und Sprengarbeiten selbst durch.

An einer geologisch komplizierten Abbaustelle der im Aufschluß befindlichen 10. Sohle mußte auf die Durchführung der sonst angewandten Großbohrlochsprengung verzichtet werden. Als Alternative wurde das Anlegen einer Hebersprengung gewählt.

Zur Sprengung kamen ca. 2000 kg Emulsions- und patronierter Sprengstoff. Es wurde elektrisch unter Verwendung von Kurzzeitzündern vom Bohrlochtiefsten aus gezündet.

Unfallhergang

Der Verunfallte war im Unternehmen als Bohrist und Sprengberechtigter tätig. Er bereitete die Bohrlöcher für die Hebersprengung selbst vor und lud am Sprengtag die Bohrlöcher mit dem durch den Sprengstofflieferanten angelieferten und am Verwendungsort hergestellten Sprengstoff. Nach dem Laden, Herstellen der Zündanlage, Einweisen der Absperrposten, Sicherstellung der Absperrung sowie der Signalgebung zündete der Sprengberechtigte. Er war dabei ca. 180 m von der Sprengstelle entfernt. Zwischen dem Standort des Sprengberechtigten und dem Sprengort befand sich ein Höhenrücken (Abb.).

Unfallskizze

Nach dem Ausbleiben des Signals zur Beendigung der Sprengung bemerkte der nächstbefindliche Absperrposten, der sich vorsichtig von seinem Standort in Richtung Sprengberechtigten bewegte, daß dieser verletzt am Boden lag.

Unfallursachen

Der Sprengberechtigte war durch Steinflug im Bereich des Oberkörpers getroffen worden.

Als Unfallursachen kommen folgende Sachverhalte in Betracht:

1. Der Sprengbereich, in dem mit Steinflug gerechnet werden muß, und aus dem sich alle Personen während der Durchführung der Sprengarbeiten zu entfernen haben, beträgt normalerweise 300 m, sofern keine anderen Festlegungen getroffen werden. Eine Verkleinerung des Sprengbereiches entsprechend des 34 (1) der UVV "Sprengarbeiten", VBG 46, fand nicht statt. Der Sprengberechtigte zündete von einem Standpunkt innerhalb des Sprengbereiches von 300 m.

2. Der Sprengberechtigte nutzte während des Zündens keine Deckungsmöglichkeit, obwohl in ca. 100 m Entfernung zum Unfallort ein Ein-Mann-Deckungsraum aus Stahlblech zur Verfügung stand.

3. Eine lokale Überladung als weitere Ursache konnte nicht nachgewiesen werden. Der Sprengberechtigte hat die Vermessung der Bohrlöcher, die Ermittlung der Vorgaben, die Verteilung der Ladung in den Bohrlöchern usw. nicht oder nicht eindeutig dokumentiert, obwohl im Unternehmen ein Bruchwandvermessungssystem zur Verfügung steht und üblicherweise genutzt wird.

Der Sprengberechtigte war seit mehr als 15 Jahren als Sprengberechtigter im Unternehmen tätig. Er besaß für die Durchführung derartiger Sprengungen die notwendige fachliche Qualifikation und Erfahrung. Die Durchführung von Hebersprengungen war für den Sprengberechtigten keine außergewöhnliche Aufgabe.

Relevante Regelungen in Unfallverhütungsvorschriften

Nach 26 (3) der UVV "Sprengarbeiten", VBG 46, sind Sprengladungen aus einem Deckungsraum oder von einem Standpunkt außerhalb des Sprengbereiches zu zünden. Deckungsräume sind so zu gestalten, daß sie in Abhängigkeit von der Entfernung zur Sprengstelle ausreichenden Schutz sowohl vor direktem Steinflug als auch vor abgelenkten Sprengstücken bieten. Eine Deckungsmöglichkeit war vorhanden, wurde jedoch nicht genutzt. Folglich hätte die Zündung von einem Standpunkt außerhalb des Sprengbereiches erfolgen müssen. Im vorliegenden Unfall wurde gegen die Regelung des 26 (3) der VBG 46 verstoßen.

In der VBG 46 sind im 34 Festlegungen über den Sprengbereich fixiert. Außer bei Stahlsprengungen umfaßt der Sprengbereich normalerweise einen Umkreis von 300 m von der Sprengstelle. Als Sprengbereich gilt der Bereich, in dem mit Steinflug gerechnet werden muß. Bei der Festlegung des Sprengbereiches ist auch das mögliche mehrfache Aufprallen und Abrollen von Sprengstücken zu berücksichtigen. Die topographischen Verhältnisse um den Spreng-ort herum (z. B. Hanglage, Einschnitte) und die daraus resultierenden möglichen Vergrößerungen der Flugweiten können eine Veränderung der allgemein kreisförmigen Fläche des Sprengbereiches verursachen. Liegen bei Unregelmäßigkeiten Anhaltspunkte dafür vor, daß mit einem größeren Streubereich der Sprengstücke zu rechnen ist, muß der Sprengbereich vergrößert werden. Ist dagegen sichergestellt, daß Personen nicht gefährdet werden, kann der Sprengberechtigte gegebenenfalls den Sprengbereich verkleinern.

Bei der Durchführung der Hebersprengung wurde der Sprengbereich nicht verkleinert. Der Sprengberechtigte befand sich somit innerhalb des Sprengbereiches von 300 m. Es liegt ein Verstoß nach 36 (2) der VBG 46 vor.

Weiterhin erfolgte keine eindeutige Dokumentation der sprengtechnischen Situation entsprechend den Bestimmungen nach 46 (2) der VBG 46.

Folgerungen

Obwohl der Unternehmer entsprechend dem Sprenggesetz, dessen Verordnungen sowie abgeleitet aus den Unfallverhütungsvorschriften die Verantwortung beim Umgang mit explosionsgefährlichen Stoffen trägt, ist sofern der Unternehmer nicht selbst die Sprengarbeiten durchführt dem ausgebildeten Sprengberechtigten die Vorbereitung und Durchführung von Sprengarbeiten zu übertragen. Die Bestimmungen der UVV "Sprengarbeiten" richten sich direkt an die Sprengberechtigten und Sprenghelfer (vgl. 3).

Der Sprengberechtigte handelt eigenverantwortlich. Aufgrund seiner Ausbildung ist er in der Lage, die Sprengung fach- und sicherheitsgerecht vorzubereiten und durchzuführen. Damit verbunden ist auch die Festlegung des Sprengbereiches.

Neben dem eigenverantwortlichen Handeln des Sprengberechtigten besteht jedoch die Verantwortung des Unternehmers, die erforderlichen Einrichtungen, Anordnungen und Maßnahmen zur Verhütung von Arbeitsunfällen zu treffen. In diesem Zusammenhang muß der Pflicht des Unternehmers zur Kontrolle des Sprengberechtigten bei der Vorbereitung, Durchführung und Dokumentation der Sprengungen eine entscheidende Bedeutung zugewiesen und in den Unternehmen verwirklicht werden.
Anschrift des Verfassers:
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft,
Theodor-Heuss-Str. 160,
30853 Langenhagen



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