Unternehmensführung

Ersthelfer-Übung im Künsebecker Traditionsbetrieb Müller

Katastrophen im Kalkwerk

Thomas Lindemann im Kalkwerk Müller, links San-Teach-Chef Torsten Rüter
Theaterschminke und Kunstblut in der „Realistischen Unfall-Darstellung“: Thomas Lindemann im Kalkwerk Müller, links San-Teach-Chef Torsten Rüter.

Als der Flaschenzug im Förderturm herunter knallt, steht Thomas Lindemann am falschen Platz. Der Maschinenführer wird getroffen und fällt bewusstlos auf ein kalkgraues Gitter. Dort finden die Kollegen den Verletzten, der heftig aus einer Platzwunde am Kopf blutet. Ein Testfall für die Ersthelfer im Kalkwerk Müller.

Ansprechen – anschauen – anfassen: Jeder der zehn Mitarbeiter in dem Künsebecker Traditionsunternehmen weiß genau, was zu tun ist, und hat die Handgriffe in Theorie und Praxis geübt. Beigebracht wurde ihnen das vom Erste-Hilfe-Lehrinstitut San-Teach aus Borgholzhausen. Die 2006 gegründete Firma geht in die Betriebe, um dort Ersthelfer auszubilden. Als Spezialität bietet San-Teach Seminare mit „Realistischer Unfall-Darstellung“ (RUD) an.

Ein solches Szenario ist im Kalkwerk Müller zu sehen. Der Steinbruch des Kalkwerks bietet eine spektakuläre Kulisse für die Simulation gravierender Unfälle. Von denen gab es hier in den vergangenen Jahren glücklicherweise nicht viele. Doch die Geschäftsführer Henrik Müller und Thies Knoll wissen aus den das Unternehmermodell der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie begleitenden Seminaren, wie wichtig Erste Hilfe im Notfall ist. Sie haben über den für sie zuständigen Arbeitsmediziner der BG, Dr. Bernhard Kirchner, den Kontakt zu San-Teach aus Borgholzhausen geknüpft. Thies Knoll, der für die technischen Abläufe im Betrieb zuständig ist, sagt: „Unsere Mitarbeiter sind unsere Stärke. Deshalb bilden wir jeden als Ersthelfer aus, der im Steinbruchgelände oder an der Mahlanlage arbeitet.“ Henrik Müller ergänzt: „Wichtig ist, dass die Mitarbeiter dadurch die Hemmschwelle verlieren, überhaupt zu helfen.“

Ofen läuft auch nachts

Selbst nachts ist die Mahlanlage in Betrieb. An der Kalkstraße wird in zwei, oft auch drei Schichten gearbeitet, der Ofen muss überwacht werden. Wie schnell dabei tatsächlich etwas passieren kann, sieht man an den drei Unfällen, die das Team von San-Teach mit Müller-Mitarbeitern so realistisch wie möglich in Szene setzt: mit Kunstblut in unterschiedlichen Farbtönen (sauerstoffarmes, venöses Blut ist dunkel, arterielles hell) und einem Kitt auf Fettbasis, mit Puder und Theaterschminke.

Wer hier so tut als ob, der sieht auch so aus: Rettungsassistent Florian Hamann von San-Teach hat sich als Unfalldarsteller augenscheinlich eine Metallstange ins Bein gerammt. Dass er bei diesem Schrecken ziemlich blass um die Nase aussieht, wundert niemand, denn der Spieß schaut auf beiden Seiten des Unterschenkels zentimeterweit heraus. Da ist Panik programmiert.

Bergungsübung
Nach dem Absturz im Steinbruch ist Azubi Orhan Arslan versorgt und geborgen. Seine Kollegen Wolfgang Böhm, Vladimir Petzke, Sevket Demirözer und Sefer Arslan (von links) tragen ihn in ebenes Gelände. Foto: Genuit-Thiessen

Angst überwinden

Selbst die Retter haben schon mal Muffensausen, wenn sie Hand anlegen sollen. Doch was würde aus den Kollegen ohne ihre Hilfe. Soll das Personal vom Rettungsdienst einen Verletzten wie Azubi Orhan Arslan selbst vom Gelände holen? Der angehende Aufbereitungsmechaniker ist laut Drehbuch „über die Klippe gegangen“ und knapp fünf Meter tiefer aufgeschlagen.

Mit seinem offenen Bruch ist nicht zu spaßen. Bevor der Rettungswagen ihn abtransportieren kann, haben ihn die Kollegen schon fachgerecht versorgt: Vitalwerte überprüft, sichtbare Verletzungen abgedeckt, ihn beruhigt, in eine Rettungsdecke verpackt und per Trage auf ebenen Grund gebracht. Torsten Rüter ist „mächtig zufrieden“: „Sie haben an alles gedacht. Wenn Ersthelfer so handeln, dann leisten sie perfekte Vorarbeit für jeden Rettungsdienst.“

Dr. Bernhard Kirchner, BG RCI

Darius Schürstedt von der Firma BBP in Delmenhorst stellt einen Mitarbeiter dar, der ein Hängetrauma erlitten hat
Darius Schürstedt von der Firma BBP in Delmenhorst stellt einen Mitarbeiter dar, der ein Hängetrauma erlitten hat. Unternehmen, die mit Hochregallagern, Fassaden, Bohrtürmen und Ähnlichem arbeiten, sollten auf solche Unfälle vorbereitet sein.
Ersthelfer-Ausbildung vor Ort

Ebenso wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die Johanniter und andere bietet San-Teach Kurse für Sofortmaßnahmen am Unfallort oder Trainings für Führerscheinanwärter an. Bei der Ersthelfer-Ausbildung geht das Team in die Betriebe und schult berufsspezifisch vor Ort. Die insgesamt 40 Mitarbeiter aus dem Rettungsdienst (20 Ausbilder, 20 in der Realistischen Unfall-Darstellung) um Rettungssanitäter Torsten Rüter sind bundesweit zertifiziert und arbeiten eng mit den Berufsgenossenschaften zusammen.

Diese übernehmen in bestimmten Abständen die Kosten für Ersthelfer-Ausbildungen in Betrieben – und im Fall der Branche Baustoffe - Steine - Erden in der BG RCI sogar einen Teil dessen, was die Realistische Unfall-Darstellung kostet.

Dieses praxisnahe Training ist besonders anschaulich und bleibt daher gut im Gedächtnis. //


 
Weitere Informationen

Dr. Bernhard Kirchner
bernhard.kirchner@bgrci.de
T +49 5232 971244

www.kalkwerk-mueller.de
www.san-teach.de