Arbeitssicherheit

Unfallbilanz 2009 – Wo steht die Branche Baustoffe - Steine - Erden?

Mit der Fusion der Berufsgenossenschaften Bergbau, Chemie, Leder, Papier, Steinbruch und Zucker zum 1. Januar 2010 zur Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) muss auch die Unfall- und Berufskrankheitenbilanz dieser neuen Solidargemeinschaft in einer einheitlichen Statistik zusammengefasst und dargestellt werden. Vor dem Hintergrund des in der BG RCI vorhandenen breiten Branchen- und Risikospektrums ist allerdings für eine Analyse des Zahlenmaterials eine branchenspezifische Betrachtung unerlässlich. Damit findet zwangsläufig ein Vergleich wichtiger Kennzahlen zwischen den einzelnen Branchen statt. Diesem Benchmarking müssen und wollen sich die Branchen stellen. Ein solcher Vergleich ist aber immer im Kontext bestimmter Parameter wie den versicherten Risiken und Besonderheiten in der Mitgliederstruktur einer Branche zu sehen. Aufschlussreich ist ein solcher Vergleich allemal.

Eine aussagekräftige Interpretation von Unfall- und Berufskrankheitenzahlen ist immer nur vor dem Hintergrund des Umfanges der Versicherung möglich. Eine wichtige Kenngröße ist in diesem Zusammenhang die Anzahl der in der Branche Baustoffe - Steine - Erden versicherten Mitgliedsunternehmen. Diese ist im Berichtsjahr zum 14. Mal in Folge gesunken und hat mit 5.024 Unternehmen (Vorjahr 5.074) in etwa das Niveau des Vorwendejahres 1989 erreicht. Für diesen Rückgang gibt es viele Gründe. Einer ist sicherlich die Konsolidierung des Baustoffmarktes in den vergangenen zehn Jahren nach dem unvergleichlichen Boom, der der Wiedervereinigung insbesondere in den neuen Bundesländern folgte.

Ein anderer ist in der Übernahme einer Reihe von familiengeführten mittelständischen Unternehmen durch große Baustoffkonzerne und der damit oft einhergehenden Marktbereinigung zu sehen. Für die Interpretation der Unfallzahlen sehr wichtige Kenngröße ist die Anzahl der Vollarbeiter. Mit Hilfe dieses auf der Basis von statistischen Daten ermittelten Zahlenwertes (durchschnittliche jährliche Arbeitszeit eines Mitarbeiters) wird das absolute Unfallgeschehen relativiert und ins Verhältnis zur Beschäftigtenzahl einer Branche gesetzt. Die Anzahl der Vollarbeiter für die ehemalige Steinbruchs-Berufsgenossenschaft wurde mit 121.875 für das Jahr 2009 ermittelt. Damit ist die Anzahl der Vollarbeiter nach einigen Jahren des stetigen Anstiegs erstmals wieder gesunken – und das deutlich um 5,3 Prozent.

Der Rückgang der Beschäftigung und damit der geleisteten Arbeitsstunden hat ohne Zweifel seine Ursache in der im Berichtsjahr herrschenden Wirtschaftskrise. Bezogen auf diese beiden Kennzahlen ist die Industrie der Baustoffe - Steine - Erden noch glimpflich durch das Krisenjahr 2009 gekommen. Branchen wie die Metallindustrie verzeichneten Rückgänge von bis zu zehn Prozent.

Entwicklung der Arbeitsunfälle

Die Entwicklung der meldepflichtigen Arbeitsunfälle in allen Mitgliedsunternehmen der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie (BG RCI) ist für die letzten zehn Jahre in Abbildung 1 dargestellt. Der deutliche Rückgang um knapp 3.000 Fälle im Vergleich zum Jahr 2008 hat seine Ursache unter anderem in der bereits erwähnten Wirtschaftskrise, da in den Industriezweigen Chemie, Leder und Papier Kurzarbeit galt. Die Entwicklung bei den meldepflichtigen Arbeitsunfällen in den unterschiedlichen Branchen zeigt die Abb. 2.

Abb. 1: Meldepflichtige Arbeitsunfälle aller BG RCI-Mitgliedsunternehmen.
Abb. 1: Meldepflichtige Arbeitsunfälle aller BG RCI-Mitgliedsunternehmen.
Abb. 2: Meldepflichtige Arbeitsunfälle nach Branchen.
Abb. 2: Meldepflichtige Arbeitsunfälle nach Branchen.

Interessant ist ein Vergleich des Verhältnisses von meldepflichtigen Arbeitsunfällen zu nicht meldepflichtigen Arbeitsunfällen in einer Branche. Während in der Baustoffe - Steine - Erden-Industrie dieses Verhältnis bei 1:1 liegt, kommen im Bereich Chemie und Papier auf einen meldepflichtigen Arbeitsunfall zwei nicht meldepflichtige Arbeitsunfälle und in den Industriezweigen Bergbau und Zucker ergibt sich sogar ein Verhältnis von 1:4.

Da in der gewerblichen Wirtschaft für die Darstellung des relativen Unfallgeschehens mit der Kennzahl „meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1 Million geleisteter Arbeitsstunden“ gearbeitet wird, ist in Abbildung 3 diese wichtige Kenngröße für die Jahre 2008 und 2009 für die einzelnen Branchen dargestellt. Für alle Mitgliedsunternehmen der BG RCI liegt dieser Wert bei 11,05. Bei den neuen Arbeitsunfallrenten – hierunter werden Unfälle erfasst, bei denen es aufgrund der Schwere der Verletzungen im Berichtsjahr erstmals zu einer Entschädigung in Form einer Rente gekommen ist – hat sich die positive Entwicklung der letzten Jahre auch im Jahr 2009 fortgesetzt. So ist die Zahl der neuen Arbeitsunfallrenten in der BG RCI um 4,5 Prozent und im Bereich Baustoffe - Steine - Erden sogar um 6,9 Prozent auf aktuell 175 Fälle zurückgegangen. Weniger erfreulich stellt sich die Entwicklung bei den tödlichen Arbeitsunfällen dar.

Abb. 3: Meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1 Mio. geleistete Arbeitsstunden nach Branchen.
Abb. 3: Meldepflichtige Arbeitsunfälle je 1 Mio. geleistete Arbeitsstunden nach Branchen.

Auf 17 tödliche Arbeitsunfälle im Zuständigkeitsbereich der BG RCI entfallen allein acht Fälle auf die Branche Baustoffe. Manipulationen von Schutzeinrichtungen und nicht strukturierte Arbeitsabläufe sind hier als häufigste Unfallursachen zu nennen.

Konsequente Unterweisung und Führung der Mitarbeiter sowie eine betriebsspezifische Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung sind die Basis für die Vermeidung solcher Unfälle.

Tendenz bei Wegeunfällen uneinheitlich

Die Entwicklung der meldepflichtigen Wegeunfälle zeigt für die BG RCI eine uneinheitliche Tendenz. Nach einem deutlichen Anstieg von 2007 auf 2008 um nahezu 400 Fälle ist die Anzahl der Wegeunfälle in 2009 wieder um rund 350 zurückgegangen. Das relativierte Unfallgeschehen bezogen auf 1.000 Versicherte nach Branchen ist in Abbildung 4 dargestellt. Einer Zunahme im Wegeunfallgeschehen in den Bereichen Baustoffe und Zucker stehen deutliche Rückgänge in den Branchen Leder und Papier gegenüber. Bei den schweren Wegeunfällen (neue Wegeunfallrenten) ergibt sich leider eine Zunahme um 36 Fälle auf 250 neue Wegeunfallrenten im Jahr 2009. Am deutlichsten fällt der Zuwachs mit über 30 neuen Wegeunfallrenten in der Branche Chemie aus. Interessant wird zu beobachten sein, wie sich der lange und strenge Winter des Jahres 2010 auf die Entwicklung der Wegeunfälle ausgewirkt hat. Erste Analysen zeigen hier eine uneinheitliche Tendenz. Während in einigen Branchen das Unfallgeschehen sogar abgenommen hat, sind in anderen Bereichen deutliche Zuwächse zu verzeichnen. Allerdings ist Vorsicht bei der Interpretation dieser Zahlen geboten. Schließlich waren im 1. Halbjahr 2010 noch viele Mitarbeiter in Kurzarbeit und mussten sich nicht dem Risiko „Straßenverkehr“ aussetzen.

Abb. 4: Meldepflichtige Wegeunfälle je 1.000 Versicherte nach Branchen.
Abb. 4: Meldepflichtige Wegeunfälle je 1.000 Versicherte nach Branchen.

Bemerkenswerte Entwicklung bei Berufskrankheiten

Sowohl bei der Entwicklung der Anzeigen des Verdachts einer Berufskrankheit (Abbildung 5) als auch bei den neuen Berufskrankheitenrenten (Abbildung 6) ist eine interessante Entwicklung zu beobachten. Bei beiden Kenngrößen ist die Anzahl im Vergleich zum Vorjahr signifikant angestiegen. Was ist die Ursache für diese auffällige Entwicklung?

Für den Anstieg der Fallzahlen in beiden Bereichen ist eine veränderte Rechtslage im Zusammenhang mit der Berufskrankheit 4111 („Chronische obstruktive Bronchitis oder Emphysem von Bergleuten unter Tage im Steinkohlenbergbau....“) verantwortlich, von der fast ausschließlich die Branche Bergbau betroffen ist. Bei dieser Berufskrankheit handelt es sich um Lungenerkrankungen von Bergleuten im Steinkohlenbergbau aufgrund von extremer Staubbelastung. Nach bisherigem Recht konnten BK-Anzeigen nicht rückwirkend anerkannt werden, wenn die Erkrankung bereits vor dem Stichtag 1. Januar 1993 ausgebrochen war. Damit konnte eine Vielzahl von Bergleuten nicht entschädigt werden. Durch ein Urteil des Bundessozialgerichtes wurde diese Stichtagsregelung nun aufgehoben und die Berufskrankheitenverordnung entsprechend geändert. Der Wegfall der Rückwirkungsklausel und die damit verbundene zusätzliche Anerkennung für Altfälle führte schließlich zu dieser deutlichen Erhöhung bei den neuen Berufskrankheiten. Da diese Regelung auch für alle angezeigten Berufskrankheiten zur Chronischen Bronchitis oder Emphysem bis zum 31. Dezember 2009 gilt, führt dies bei den Anzeigen des Verdachts auf eine Berufskrankheit ebenfalls zu einer starken Zunahme. In Abbildung 7 ist diese außergewöhnliche Entwicklung bei den neuen Berufskrankheitenrenten der Branche Bergbau dargestellt.

Ein leichter Anstieg bei den Fallzahlen der Berufskrankheit Silikose (BK 4101) resultiert aus einer Änderung der Empfehlung zur Begutachtung bei geringgradigen Silikosen. Von dieser Neuerung ist die Branche Baustoffe - Steine - Erden insofern betroffen, als dass auch dort im Bereich der Anzeigen des Verdachts auf eine Berufskrankheit BK 4101 (Silikose) eine leichte Steigerung der Fallzahlen zu verzeichnen ist.

Abb. 5: Anzeigen des Verdachts auf eine Berufskrankheit.
Abb. 5: Anzeigen des Verdachts auf eine Berufskrankheit.
Abb. 6: Neue Berufskrankheitenrenten.
Abb. 6: Neue Berufskrankheitenrenten.
Abb. 7: Neue Berufskrankheitenrenten nach Branchen.
Abb. 7: Neue Berufskrankheitenrenten nach Branchen.

Fazit

Die im Jahr 2009 herrschende Wirtschaftskrise und die damit einhergehenden Auswirkungen auf das Unfallgeschehen machen eine Interpretation der Zahlen schwierig. Die in einigen Branchen nötige Kurzarbeit hat ohne Zweifel ihre Spuren in der Arbeits- und Wegeunfallstatistik hinterlassen. Nicht zuletzt durch die zum 1. Januar 2010 vollzogene Fusion ist ein Vergleich wichtiger Unfall- und Berufskrankheitenkennzahlen informativer denn je. Was die Entwicklung der Wegeunfälle und Berufskrankheiten betrifft, bewegt sich die Branche Baustoffe - Steine - Erden auf dem Niveau ihrer Fusionspartner. Anders sieht das bei der Entwicklung der Arbeitsunfälle aus. Mit 28,17 meldepflichtigen Arbeitsunfällen je eine Million geleistete Arbeitsstunden liegt die Branche deutlich über dem Niveau der Fusionspartner. Allerdings dürfen hier nicht Äpfel mit Birnen verglichen werden. Nach wie vor liegen die Risiken in vielen Bereichen der genannten Industrie über denen anderer Branchen. So ist manuelle Tätigkeit in und an teilweise halbautomatischen Anlagen und das Arbeiten unter freiem Himmel stark ausgeprägt. Technologisch hoch entwickelte Industriezweige wie die Erdöl-Erdgas-, Zement-, Kalk- und Gipsindus­trie dagegen weisen ähnlich niedrige Unfallzahlen aus wie die Branchen Bergbau oder Chemie.

Und dennoch: Durch die gemeinsame Anstrengung von Unternehmern, Mitarbeitern und Berufsgenossenschaft ist es auch in der Branche Baustoffe - Steine - Erden gelungen, in den vergangenen zehn Jahren das relative Unfallgeschehen bei den meldepflichtigen Arbeitsunfällen zu halbieren. Das ist jedoch kein Grund, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: 44 meldepflichtige Arbeitsunfälle pro 1.000 Vollarbeiter bedeuten, dass immer noch etwa jeder 23. Beschäftigte in Mitgliedsunternehmen der Industrie der Baustoffe - Steine - Erden im Jahr 2009 einen meldepflichtigen Arbeitsunfall erlitten hat. Eine Zahl, die entschieden zu hoch ist.

Auch der Blick auf die tödlichen Arbeitsunfälle macht die Notwendigkeit deutlich, dass bei der Arbeitssicherheit und im Gesundheitsschutz längst noch nicht das Ergebnis erreicht ist, das angestrebt wird. Dass dies in einer Branche mit hohen Risiken möglich ist, zeigt der Bergbau. Nur durch eine konsequente und intensive Beschäftigung mit dem Thema Arbeitsschutz durch alle Unternehmensebenen hindurch ist es gelungen, die Unfallzahlen im untertägigen Bergbau mit 14 Arbeitsunfällen pro 1.000 Vollarbeiter auf ein historisches Tief zu senken. Das dort erreichte Ergebnis sollte für alle Unternehmer, Führungskräfte und Beschäftigte der Branche Baustoffe - Steine - Erden ein Ansporn sein, sich noch intensiver in diesem Bereich zu engagieren. Verbesserungspotenzial ist in jedem Fall vorhanden.

Wolfgang Pichl, BG RCI