Arbeitssicherheit

Absturzsicherung im Steinbruch

Sicher, schnell einsetzbar, kostengünstig

In einem Mitgliedsbetrieb der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie, Sparte Rohstoffe – Baustoffe, wurde ein System entwickelt, um die Absturzgefahren an Bruchkanten in Steinbrüchen zu minimieren. Mit handelsüblichen, mehrfach nutzbaren Einrichtungen kann in kurzer Zeit über große Entfernungen eine effektive, sicht- und spürbare Absperrung installiert werden.

Ungesicherte Bruchkante vor Aufnahme der Arbeit.
Ungesicherte Bruchkante vor Aufnahme der Arbeit.

Die im Bereich der Absturzkante durchzuführenden Arbeiten erfolgen nach der Installation ohne Absturzrisiko. Die Industrie der Steine und Erden ist untereinander gut vernetzt und wahrscheinlich wird jeder, auch wenn es im eigenen Betrieb noch nicht passiert ist, von einem Personenabsturz an einer Steinbruchwand gehört haben. Bei Wänden, die bis zu 30 m hoch sind, sind die Folgen eines Absturzes tödlich oder es kommt zu schwersten Verletzungen. Obwohl die Rechtslage eindeutig ist, sieht man in den Betrieben technische Sicherungsmaßnahmen oder Sicherungen durch persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz sehr selten. Häufige Argumente gegen technische Sicherungsmaßnahmen sind: zu zeitaufwendig, nicht praktikabel, zu teuer. Organisatorische Maßnahmen sind nur bedingt wirksam, da die Mitarbeiter auf ihre Tätigkeit konzentriert sind und nicht dauerhaft die Absturzstelle als Gefahr wahrnehmen. Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) ist ebenfalls wenig praktikabel und oft wegen fehlender normgerechter Anschlagpunkte auch nicht zu empfehlen.

Die Technische Regel für Arbeitsstätten „Schutz vor Absturz und herabfallenden Gegenständen, Betreten von Gefahrenbereichen“ (ASR A2.1) legt fest, dass eine Gefährdung durch Absturz bei einer Absturzhöhe von mehr als 1,0 m vorliegt. In dieser Regel werden auch Hinweise gegeben, welche Kriterien in Ihrer Gefährdungsbeurteilung mindestens berücksichtigt werden müssen: Absturzhöhe –hieraus resultierend auch die Schwere der möglichen Verletzung-, Art und Dauer der Tätigkeit, körperliche Belastung, Abstand von der Bruchkante, Beschaffenheit des Standplatzes und der Arbeitsumgebung (z.B. Rutschhemmung, Stolpergefahren, Witterungseinflüsse). Auch wird die Rangfolge der Maßnahmen beschrieben. An erster Stelle stehen Absturzsicherungen. Da technische Schutzmaßnahmen immer wirken, sind diese einzusetzen. Alle anderen Maßnahmen, wie organisatorische und das Sichern der Mitarbeiter durch persönliche Schutzausrüstung, sind nachrangig! Die ASR A 2.1 legt auch fest, dass bei Arbeitsplätzen und Verkehrswegen in mehr als 2,0 m Abstand zur Absturzkante mit geeigneten Maßnahmen wie Kennzeichnung oder optische Abgrenzung, der Gefahrenbereich markiert werden kann. Wir halten diese Maßnahmen für nicht ausreichend, da die Mitarbeiter oft über Stunden an den Bohr- und Sprengstellen arbeiten, auf ihre Arbeitsaufgabe konzentriert sind und sich nicht permanent der Gefahr bewusst sind.

Praktische Umsetzung bei RPBL

Das Mitgliedsunternehmen Rheinische Provinzial- Basalt- und Lavabetriebe (RPBL) und der technische Leiter der Basaltbetriebe haben sich dem Problem gestellt und sich eine sichere, praktikable und kostengünstige technische Sicherungsmaßnahme ausgedacht und umgesetzt. Die Rahmenbedingungen waren, dass Auf- und Abbau schnell erfolgen mussten, die Arbeiten von nur einem Mitarbeiter vorbereitet und installiert werden konnten, das System kostengünstig und wieder verwendbar war und von den Mitarbeitern akzeptiert wird. Eine Recherche ergab, dass einige Betriebe Sicherungen mit Seitenschutzelementen aus Systemgerüsten eingeführt haben. Dies ist möglich für nicht schnell wechselnde Arbeitsbereiche und für nicht großflächig angelegte Betriebe, wie z. B. bei der Werksteingewinnung. Andere Unternehmen sichern die Mitarbeiter mit persönlicher Schutzausrüstung gegen Absturz. Dieses System ist in Steinbrüchen zur Herstellung von Schotter und Splitt ebenfalls nicht geeignet, da die räumlichen Entfernungen auf einer Sprenganlage 100 Meter und mehr betragen können und auch normgerechte Anschlagpunkte meist nicht vorhanden sind. 

Aufgespannte Sicherungsnetze.
Aufgespannte Sicherungsnetze.

Systemkomponenten

Verwendet werden handelsübliche Bauteile wie Vierkantrohr 40 x 40 x 2 mm aus dem Sortiment des Stahlhandels, Befestigungsklemmen aus dem Bereich der Baustellenabsicherung und Balkonsicherheitsnetze. Diese Komponenten, insbesondere die Netze, sind frei konfigurierbar auf die eigenen Anforderungen. Die Kosten für 1 m des Sicherungssystems belaufen sich gesamt auf ca. 10 Euro/m, ergibt also Kosten für eine 100 m lange Absicherung der Sprenganlage von ca.1.000 Euro.

Die Bauteile sind im Prinzip unbegrenzt wieder verwendbar. Es werden bei jedem Auf- und Abbau Sichtkontrollen auf Mängel und Verschleiß durchgeführt. Darüber hinaus erfolgen regelmäßig Prüfungen mit entsprechender Dokumentation.

In Werk Hühnerberg der RPBL hat sich folgender Ablauf als optimal herausgestellt: Vor Beginn des Herstellens der Sprenganlage bereitet der Bohrmaschinist die Absicherung für das Sicherungssystem vor. Hierzu bohrt er in > 2,00 m Abstand von der Bruchkante entfernt im Seitenabstand von z. B. 8 m Löcher. Hierbei ist die Festigkeit des Untergrundes zu beachten. Der Abstand ist frei wählbar und richtet sich nach dem Seitenabstand der Bohrlöcher und dem Bruchwandverlauf. Die Löcher sind etwa 0,5 m tief, so dass der eingesetzte Pfosten sich nicht heraushebeln kann. Zusätzlich wird der Ringraum um den Pfosten mit Material, z. B. Bohrklein, aufgefüllt, so dass eine zusätzliche Stabilität erreicht wird.

Als Pfosten eignen sich 1,8 m lange Vierkantrohre, die dann etwa 1,3 m aus der Sohle herausragen. An den Pfosten sind jeweils 2 Befestigungsklemmen mit Haken angebracht. Die Befestigungsklemmen sind auf dem Vierkantrohr in der Höhe einstellbar.

Immer wenn das nächste Bohrloch fertig gestellt ist, wird dort wiederum ein Vierkantrohr eingebracht und das Netz wird zwischen diesen beiden Pfosten gespannt. Dies wiederholt sich dann auf der gesamten Länge der Sprenganlage, bis die Sicherungsnetze installiert sind. Die Netze haben eine Maschenzugfestigkeit von ca. 3200 N. Diese Stabilität zusammen mit den Befestigungsklemmen, an denen die Netze eingehängt werden, reicht aus, um Mitarbeitern, die in diesem Bereich arbeiten müssen und eventuell unaufmerksam gegenüber der Gefahr zur Absturzstelle sind, einen spürbaren Widerstand entgegen zu setzen. Für vergleichbare Steckgeländer werden Horizontalkräfte von 300 N/m gefordert, die mit diesem System bei sorgfältiger Installation deutlich überschritten werden. Es wird empfohlen, Netze analog zur DIN EN 1263-1 zu verwenden.

Nach vollständiger Sicherung beginnt die eigentliche Herstellung bzw. das Bohren der Sprenganlage.

Wenn die Anlage fertig gebohrt ist und der Sprengstoff eingefüllt ist, werden nach dem Herstellen der Zündanlage die Schutzvorrichtungen wieder abgebaut.

Aus Erfahrung des Betriebes kann gesagt werden, dass die Dauer des Aufbaus für eine 100 m lange Sprenganlage ca. 1,5 Std. beträgt.  Der Abbau nimmt ca. 15 Minuten in Anspruch.

Systemkomponenten des Sicherungssystems.
Systemkomponenten des Sicherungssystems.

Feedback

Nachdem bisher weitgehend organisatorische Maßnahmen ergriffen wurden oder Mittel verwendet wurden, wie z. B. das Stellen von Pylonen, das Abgrenzen mit einer Sprühfarbe usw., existiert hiermit ein System, das den Mitarbeitern, die sich auf ihre Arbeitsaufgabe konzentrieren, einen optischen und deutlich spürbaren Widerstand vor der Absturzstelle entgegen setzt.

Die Mitarbeiter, die zunächst der Neuerung skeptisch gegenüber standen, insbesondere wegen der damit verbundenen Mehrarbeit, sind nach kurzer Eingewöhnungszeit von dem System überzeugt. Sie können sich nun voll auf ihre Tätigkeit konzentrieren, ohne ständig im Hinterkopf die Gefahr des Absturzes über die Bruchkante zu haben.

Auch die Mitarbeiter von Lieferanten und Dienstleistern waren von Beginn an von dem System positiv überzeugt. Sie meinten, dass ein solches System möglichst in allen Steinbrüchen eingeführt werden müsste.

Diskussion

Nachdem die Idee für das System geboren war und erste Versuche erfolgreich verlaufen waren, wurde mit Vertretern von Aufsichtsbehörden, auf Fachveranstaltungen und mit Unternehmen, denen das System vorgestellt wurde, diskutiert.

Hierbei standen zwei Aspekte im Vordergrund:

  1. Bei der Herstellung des Sicherungssystems ist der beteiligte Bohrmaschinist ungesichert.
  2. Muss eine Zertifizierung des Systems, das aus verschiedenen Einzelkomponenten besteht, erfolgen?

Zwischenzeitlich hat sich folgende Meinung herauskristallisiert:

Zu 1: Der Bohrmaschinist konzentriert sich beim Einsetzen der Stützen und beim Befestigen der Netze auf die Tätigkeit und ist nicht durch andere Arbeiten wie Einbringen von Sprengstoff oder Herstellen der Zündanlage abgelenkt. Hierbei ist er mit dem Gesicht zur Bruchkante und hält sich in mindestens 2 m Abstand von der möglichen Absturzstelle auf.

Zu 2: Das Sicherungssystem ist vergleichbar mit einem Bauzaun, einer Absperrung oder einer Umwehrung, die der zu erwartenden Belastung standhält (ASR A2.1 Punkt 5). Ein Hinüber- oder Durchfallen von Beschäftigten wird verhindert. Daher sollte die Mindesthöhe der Netze auch 1,1 m sein. Eine Kennzeichnung, Konformitätserklärung oder Ähnliches ist nach bisherigen Erkenntnissen nicht notwendig.

Nachdem in Unternehmen der BG RCI immer wieder Absturzunfälle an ungesicherten Bruchkanten erfolgen, verfügen wir mit dem System, das von Herrn Hans-Gerd Schlangen entwickelt wurde, über ein preisgünstiges schnell zu installierendes Rückhaltesystem. Bei einer Beurteilung der Gefährdungen, hier insbesondere der möglichen Absturzgefahr, die Sie in den Betrieben vornehmen müssen, sollte diese technische Sicherung anderen organisatorischen oder im persönlichen Bereich angesiedelten Maßnahmen vorzuziehen sein. Die offensichtliche Verhältnismäßigkeit Kosten / Aufwand zu den tödlichen oder schweren Verletzungen bei Beschäftigten muss mit in die Überlegungen einfließen.

Hans-Gerd Schlangen
Rheinische Provinzial Basalt- und Lavawerke

Dipl.-Ing. Wolfgang Horten
BG RCI

Gesichertes Arbeiten auf der Sohle.
Gesichertes Arbeiten auf der Sohle.