Technik

Brücke mit textilbewehrtem Beton

Hält das Ganze?

Neue Bauverfahren werden immer kritisch betrachtet. Eine der häufigsten Fragen lautet: „Wie dauerhaft ist das System?“ oder einfacher: „Hält das Ganze auch noch in 100 Jahren?“ Selbstverständlich müssen sich auch glasfaser- und carbonbewehrte Brücken dieser Frage stellen. 2010 wurde eine der ersten in Albstadt errichtet – fast zehn Jahre später ist ein guter Zeitpunkt für eine Zwischenbilanz.

In Albstadt-Lautlingen auf der Schwäbischen Alb war eine Fußgängerbrücke aus Stahlbeton in die Jahre gekommen. Die Brücke musste demontiert und durch eine neue ersetzt werden. Da in dieser Gegend die Textilindustrie eine lange Tradition hat, stand die Gemeinde Albstadt dem Thema textilbewehrter Beton sehr offen gegenüber. Nachdem eine Machbarkeitsstudie erwies, dass es möglich ist, die 97 m lange Brücke mithilfe von Glasfaserbeton zu errichten, entschieden sich die Bauherren dazu, dies in die Tat umzusetzen. Da das Bauen mit glasfaserbewehrtem Beton damals noch nicht lange erprobt und eine Zulassung im Einzelfall (ZiE) erforderlich war, bewiesen die Verantwortlichen gleich auf zwei Wegen, dass die Brücke den Belastungen standhält: rechnerisch und durch umfangreiche Bauteilversuche. Um den aktuellen Zustand der Brücke richtig einschätzen zu können, ist es sinnvoll, einen Blick auf die verwendeten Materialien, die Konstruktionsdetails und die Bauteilversuche zu legen.

Textile Bewehrung

Diese Bauweise hat einen großen Vorteil: die fehlende Korrosionsanfälligkeit der nichtmetallischen Bewehrung. Bei der Brücke in Lautlingen bedeutete dies, dass die Betonüberdeckung auf nur 1,5 cm reduziert werden konnte. Bei einem vergleichbaren Stahlbetonbau wären mindestens 5 cm Überdeckung erforderlich gewesen. Ferner konnte durch die Kombination von textilbewehrtem Beton mit einer Vorspannung ohne Verbund eine Schlankheit von 1:35 erzielt werden, die für Betontragwerke außergewöhnlich ist.

Brücke
Die Brücke kurz nach ihrer Fertigstellung.

Spezielle Beton-Rezeptur

Im Gegensatz zur üblichen Brückenbauweise, bei der auf die Betonoberfläche noch eine Schicht Asphalt zum Korrosionsschutz der Stahlbewehrung aufgetragen wird, ist diese bei dem Projekt in Lautlingen nicht erforderlich. Aus diesem Grund wurde eine Betonrezeptur entwickelt, die hohen Anforderungen an Oberflächenqualität und die Verarbeitbarkeit gerecht wird und in die Betonfestigkeitsklasse C50/60 fällt. Aufgrund der strengen Winter mit hohen Schneemengen in Albstadt werden große Mengen an Tausalzen verwendet. Zudem wird die Brücke im Winter regelmäßig mit einem Schneeräumfahrzeug von Schnee befreit. Für die Planer der Brücke bedeutete dies gleich zweierlei: Sie mussten einerseits den mechanischen Abrieb des Schneepflugs berücksichtigen und andererseits dafür sorgen, dass der Beton der Expositionsklasse XF4 gerecht wird. Hinsichtlich des Abriebs gingen die Planer auf der sicheren Seite liegend davon aus, dass sich in 80 Jahren die Betonoberfläche aufgrund mechanischer Einwirkungen um einen Zentimeter reduziert.

Aktueller Zustand der Brücke

Bei der Planung haben die Ingenieure sowohl die Merkmale berücksichtigt, die das Bauen mit Textilbeton mit sich bringt, als auch die Besonderheiten einer klimatisch anspruchsvollen Gegend, wie die Schwäbische Alb sie ist. Dies führte dazu, dass sich die Brücke heute – nach fast zehn Jahren Nutzung – in einem sehr guten Zustand befindet. Da die Bewehrung aus Glasfasergittern nicht rostet, sind selbstverständlich keine Rostfahnen sichtbar, geschweige denn Abplatzungen wie bei der alten Stahlbetonbrücke. Der Einsatz von Tausalz hat der Brücke bis heute nicht geschadet. Die Oberfläche des Gehweges ist tadellos, genauso wie die Stabilität des gesamten Bauwerks. Zum gleichen Ergebnis kommt auch Nico Köllnick, der beim Unternehmen Breinlinger Ingenieure Hoch- und Tiefbau angestellt ist und im Auftrag der Stadtverwaltung Albstadt die Brücke in Lautlingen nach DIN 1076 geprüft hat. Sein Ergebnis: „Die Brücke ist in einem sehr guten Allgemeinzustand.“ Eine Aussage, die sowohl die Stadt Albstadt, ihre Bürger, als auch alle, die sich für das Bauen mit Glasfaserbewehrungen interessieren, freuen dürfte. Denn der tadellose Zustand, den die Brücke in Lautlingen aufweist – obwohl sie klimatisch bedingt hohen Anforderungen ausgesetzt ist –, zeigt, dass glasfaserbewehrte Ingenieurbauwerke eine gute Zukunft haben. Voraussetzung hierfür sind natürlich eine ähnlich gute und gewissenhafte Planung, wie sie für die Brücke in Lautlingen stattgefunden hat, und eine sorgfältige Bauausführung.

Brücke
Knapp zehn Jahre nach ihrem Bau haben sich an der Brückenunterseite ein paar Flechten angesiedelt. Das ist aber normal und beeinträchtigt die Funktionsweise des Bauwerkes in keiner Weise.
 
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