Arbeitssicherheit

Die richtige Lautstärke für den Gehörschutz treffen – Teil 1

Musik in unseren Ohren

Lärm wird von der Europäischen Union als ein erhebliches Gesundheitsrisiko eingestuft. In der neuen PSA-Verordnung (EU) 2016/425 wurde deshalb der Gehörschutz einer deutlich höheren Kategorie zugeordnet. Diese Neueinstufung nimmt Kjersti Rutlin, Hearing Conservation Manager für EMEA bei Honeywell Industrial Safety, zum Anlass, in dieser und der nächsten Ausgabe der Steine + Erden das allgemeine Bewusstsein für dieses wichtige Arbeitsplatzthema zu fördern und die Notwendigkeit angemessener Schutzausrüstung und effektiver Schulungen herauszustellen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt den lärminduzierten Gehörverlust als die weltweit häufigste dauerhafte und vermeidbare Verletzung des Menschen und den Tinnitus als seine drittschwerste nicht tödliche Erkrankung. Besonders junge Menschen setzen sich im Rahmen ihrer Freizeitaktivitäten zunehmend gefährlichen Lärmpegeln aus.

Aus den jungen Menschen von heute werden bald die Mitarbeiter von morgen. Viele beginnen ihre berufliche Laufbahn möglicherweise mit einem gewissen Grad an Schwerhörigkeit. Deshalb sollte die Schulung gesunder Hörpraktiken bereits in einer früheren Lebensphase begonnen werden. In einer Zeit, in der das Rentenalter gestiegen ist, weil die Menschen länger arbeiten werden (und dementsprechend länger einer berufsbedingten Lärmbelastung ausgesetzt sind), ist es wohl wichtiger denn je, dass die Arbeitgeber geeignete Gehörschutzpraktiken einführen. Für die Prävention müssen sie ebenfalls sorgen, indem die Mitarbeiter angemessen über die Gefahren für ihre Gesundheit informiert werden und effektive Schulungen mit regelmäßigen Auffrischungskursen angeboten werden. Dadurch kann zu einer Vermeidung irreparabler und irreversibler Gehörschädigungen beigetragen werden.

Wichtiger Wendepunkt

Gehörverlust ist tragisch, aber auch vollständig vermeidbar. Deshalb ist die PSA-Verordnung (EU) 2016/425 zu begrüßen, die den Stellenwert des Gehörschutzes am Arbeitsplatz verbessert. Die neue Verordnung stellt einen wichtigen Wendepunkt dar, was die Bereitstellung von persönlicher Schutzausrüstung (PSA) betrifft. Mit der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) wurde für die physikalischen Faktoren Lärm und Vibration die „Richtlinie 2002/44/EG des Europäischen Parlaments und des Rates“ vom 25. Juni 2002 über Mindestvorschriften zum Schutz von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch physikalische Einwirkungen (16. Einzelrichtlinie im Sinne des Artikels 16 Absatz 1 der Richtlinie 89/391/EWG) in nationales Recht umgesetzt. Diese Verordnung gilt zum Schutz der Beschäftigten vor tatsächlichen oder möglichen Gefährdungen ihrer Gesundheit und Sicherheit durch Lärm oder Vibrationen bei der Arbeit. Darin ist festgelegt, inwieweit der Arbeitgeber Gehörschützer bereitstellen und Gehörschutzzonen einrichten muss. Darüber hinaus wird festgelegt, in welchem Maße er die Gesundheitsrisiken für die Mitarbeiter einschätzen und Informationen und Schulungen für sie bereitstellen muss. Außerdem ist ein Expositionsgrenzwert von 85 Dezibel festgelegt worden, der eventuelle Verringerungen der Belastung durch die Verwendung des Gehörschutzes bereits berücksichtigt. Einer Lärmbelastung, die diesen Wert übersteigt, dürfen die Mitarbeiter nicht ausgesetzt werden. Der Arbeitgeber ist gemäß der Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung gesetzlich zur Bereitstellung von Schulungen verpflichtet, die Art der angebotenen Schulungen sind aber nicht genauer spezifiziert. Dementsprechend kann es sein, dass viele Arbeitgeber einfach Anleitungen austeilen und Plakate aufhängen, was für sich genommen wohl wenig bewirken dürfte.

Um einen besseren Schutz der Arbeitnehmer und den gezielten Einsatz der Ressourcen für die effektivste Art der Schulung zu erreichen, sind wirksamere aufsichtsrechtliche Maßnahmen erforderlich. Nur so kann langfristig Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter genommen werden. Wenn die Mitarbeiter den Gehörschutz nicht ordnungsgemäß verwenden, gefährden sie hierdurch ihr Hörvermögen. Auch ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Gehörschädigungen im Gegensatz zu vielen anderen Verletzungen, wie zum Beispiel kleinere Schnittverletzungen, bei Gesundheits- und Sicherheitsbelehrungen kaum Erwähnung finden und nicht die angemessene Aufmerksamkeit erhalten. Sie werden ganz einfach als ein weniger ernstzunehmendes Problem betrachtet, möglicherweise, weil sie nicht zu sehen sind. Aus diesem Grund wird der Gehörverlust häufig als die „verborgene Verletzung“ bezeichnet.

Verbesserte Produkte

Eine neue, durch die EU verabschiedete PSA-Verordnung wird nach Ablauf einer Übergangsphase von einem Jahr am 21. April 2018 die EU-Richtlinie ersetzen, was einen wichtigen Schritt nach vorn bedeutet. Denn dadurch wird die Wichtigkeit des Gehörschutzes neu bewertet. Darüber hinaus berücksichtigt die Verordnung wichtige Entwicklungen in Bezug auf Technologien und Prozesse, die sich seit dem Inkrafttreten der Richtlinie ergeben haben. Dazu gehören auch verbesserte Produkte für den Gehörschutz. Entscheidend ist jedoch, dass die neue Verordnung im Gegensatz zu der Richtlinie, die in die jeweilige Gesetzgebung der Mitgliedstaaten umgesetzt werden musste, einen bindenden Rechtsakt darstellt, der in der gesamten EU vollumfänglich anwendbar sein wird. In dieser Hinsicht verfügt sie über mehr Biss, so dass sie die allgemeine Einstellung zum Gehörschutz am Arbeitsplatz mit größerer Wahrscheinlichkeit beeinflussen wird. Zunächst einmal wird die neue Verordnung für die gesamte Lieferkette gelten, einschließlich der von Vertriebspartnern und Wiederverkäufern, anstatt sich ausschließlich auf die Hersteller zu konzentrieren. Jeder muss nun geeignete Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass die PSA den jeweils aktuellen Normen entspricht.

Vertrauen erzeugen

Auch die Einführung einer fünfjährigen Gültigkeitsdauer für EU-Baumusterprüfbescheinigungen ist von entscheidender Bedeutung, da sich hieraus häufigere und strengere Qualitätsprüfungen für PSA ergeben. In anderen Worten: wenn ein Hersteller die Zertifikate für seine Produkte erneuert, muss er von nun an sicherstellen, dass alles, was er auf den Markt bringt, den aktuellen Industrienormen entspricht. Sicherheitsfachkräfte und andere Endverbraucher, die für den Gehörschutz der Mitarbeiter zuständig sind, dürften durch diese Änderung ein größeres Vertrauen darein gewinnen, dass die Produkte den Ansprüchen der strengsten Qualitätskontrollen genügen.

Kjersti Rutlin, Honeywell Industrial Safety

Teil 2 dieses Fachbeitrags lesen Sie in der nächsten STEINE+ERDEN Ausgabe.

Ein Mann passt einer Frau Gehörschutz an
Moderner, hoch wirksamer Gehörschutz ist nicht alles. Honeywell fordert auch, dass die neue Lärmschutzverordnung EU-weit rechtsverbindlich anwendbar sein muss.
 
Weitere Informationen