Schreckensszenario Lkw-Auffahrunfall

Wolfgang Pichl

Sicher kennen Sie auch dieses mulmige Gefühl: Sie fahren mit Ihrem Pkw auf der mittleren oder rechten Autobahnspur und nähern sich einem Stauende. Schauen Sie nicht jetzt auch mehr in den Rückspiegel als nach vorn? Höchstwahrscheinlich zeigt Ihnen der Blick nach hinten einige Lkw, die sich Ihnen mit Geschwindigkeit nähern. Und nun kommt Furcht auf: Hoffentlich haben die Fahrer das Stauende erkannt und reduzieren rechtzeitig das Tempo. Und kann ich bei Gefahr nach links oder rechts sicher ausweichen?

Die bangen Fragen sind berechtigt, denn: Übersehen Lkw-Fahrer das Stauende, kommt es zu folgenschweren Auffahrunfällen mit Toten und Schwerverletzten, worüber die Medien regelmäßig ausführlich berichten.

In einer Zeit, in der über das autonome Fahren und dessen praktische Umsetzung im Straßenverkehr diskutiert wird, stellt man sich die Frage, wie es technisch zu machen ist, solche Auffahrunfälle zu verhindern. Möglichkeiten gibt es tatsächlich: Notbremsassistenten sind seit rund vier Jahren für die meisten neu zugelassenen Serien-Lkw über 8 Tonnen vorgeschrieben. Im nächsten Monat tritt die Ausrüstungspflicht für neue zugelassene serienmäßige Nutzfahrzeuge über 3,5 Tonnen in Kraft. Die Vorschrift verlangt von den Systemen allerdings nur eine bestimmte Verringerung der Geschwindigkeit, z. B. für pneumatische Bremsanlagen um (und nicht auf!) 20 km/h.

Viele der heute verfügbaren Systeme leisten allerdings deutlich mehr. Damit ausgerüstete Fahrzeuge kommen – je nach Ausgangsgeschwindigkeit – in den meisten Fällen selbst vor einem stehenden Hindernis komplett zum Stillstand und vermeiden die Kollision. Damit die verfügbaren Notbremsassistenten ihr Sicherheitspotenzial ausspielen können, müssen sie möglichst weit verbreitet sein. Hier sind die Nutzfahrzeughersteller aufgefordert, die Sicherheitssysteme der jeweils neuesten Generation als Serienausstattung zu verbauen.

Entscheidend für die Wirkung von Notbremsassistenten ist aber auch, dass sie während der Fahrt nicht bewusst oder unbewusst abgeschaltet werden. Wobei sich hier die Frage stellt, warum derartige Systeme überhaupt abgeschaltet werden können.

Themen, über die u.a. auf der vor einigen Tagen zu Ende gegangenen 67. IAA Nutzfahrzeuge intensiv diskutiert wurde. Bleibt zu hoffen, dass den Diskussionen Taten folgen und mit dem serienmäßigen Einbau dieser Systeme die beschriebenen Momente mit jenem mulmigen Gefühl künftig deutlich weniger werden.

Über weitere interessante, auf der Messe vorgestellte technische Entwicklungen für Nutzfahrzeuge informieren wir in diesem Heft ab Seite 21. Viel Spaß bei der Lektüre!

Herzlichst Ihr
Wolfgang Pichl