Unternehmensführung

Christian Gansch über Gemeinsamkeiten von Orchester und Unternehmen

Gemeinsam für einen harmonischen Klang

Für einen homogenen Klang sorgen, die Musiker motivieren, das beste aus der Gruppe herausholen und trotz Zeitdruck und Stress einen klaren Kopf bewahren: Dirigenten und Geschäftsführer haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermuten könnte – und CEOs können viel von der Orchesterarbeit lernen. Der Dirigent, Musikproduzent und Coach Christian Gansch stellte auf dem BGM Summit, Deutschlands größter Konferenz für Betriebliches Gesundheitsmanagement, diesen Transfer vor.

Ein Dirigent führt das Orchester – was können Führungskräfte von Dirigenten lernen?

Führen ist nie eine Einbahnstraße, das ist das Wichtigste. Dirigieren oder Führen bedeutet immer Aufmerksamkeit und Einfühlen in das, was bereits vorhanden ist und darauf reagieren. Das Publikum denkt oft, dass der Dirigent der einzige Maßstab ist und das Orchester muss gehorsam reagieren. So ist es ganz und gar nicht. Ein Orchester hat sehr viel Eigenverantwortlichkeit und viel anzubieten. Das muss man als Dirigent nutzen und gegebenenfalls feinjustieren oder in Absprache mit den Führungskräften der Instrumentengruppen in eine bestimmte Richtung lenken. Führen heißt, das Wechselspiel unterschiedlicher Kompetenzen zu organisieren.

Ist der Dirigent heutzutage mehr Coach und Trainer als Chef? Sollte das für alle Führungskräfte gelten?

Situativ bisweilen schon. Aber wenn ein Dirigent nur Coach wäre, muss er sehr bedürftige Musiker haben. Natürlich muss ein Dirigent Trainingsaspekte umsetzen und unterstützend wirken, aber trotzdem erwartet das Orchester Führung. Es sitzen erstklassige Musiker im Orchester und die haben natürlich ihre eigene Vision. Es ist wichtig, als Dirigent zuerst überhaupt eine klare Idee zu haben und diese nicht autoritär zu vermitteln, sondern überzeugend. Führen heißt überzeugen. Ein Dirigent ist zudem immer auch der Moderator zwischen den einzelnen Instrumentengruppen, deren Interessen und Kompetenzen.

Der Dirigent für den homogenen Klang des Orchesters verantwortlich. Wie schaffen es die Führungskräfte der einzelnen Instrumentengruppen, eine homogene Abteilung zu formen?

Ich würde sagen, da gilt der Dreiklang Wahrnehmen, Entscheiden und Handeln. Einzelne Gruppen bzw. Abteilungen können erst dann offen auf die anderen Gruppen reagieren, wenn sie ihre internen Probleme gelöst haben. In dem Moment, wo eine Gruppe nur mit sich selbst beschäftigt ist, fehlt das energetische Potenzial, sich auf die anderen Abteilungen offen einzulassen. Es ist Aufgabe der Führungskräfte, die internen Hürden zu beseitigen, damit das abteilungsübergreifende Miteinander gestaltet werden kann. Dazu muss die Führungskraft viel zuhören und kommunizieren. Das macht man nicht einmal und dann ist die Sache für die nächsten Monate erledigt, es ist ein tagtägliches Ringen um Qualität und Homogenität.

Direigent und Orchester
// Foto: © Steffen 962 / Wikimedia Commons

Im Orchester hat man als nächstes Ziel immer das nächste Konzert vor Augen, bis dahin muss alles sitzen. Hilft es auch Unternehmen, so zu planen?

Wenn Sie im Orchester 180 Konzerte im Jahr spielen, haben Sie immer ein kurzfristiges Ziel: Wenn das Ziel in weiter Ferne liegt, verlieren viele Menschen, ohne dass sie sich dessen bewusst sind, den Fokus. Drei bis vier Konzerte wöchentlich schärfen die Sinne, um das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Daher wären kurzfristige Ziele oder Zwischenziele auch für Unternehmen sinnvoll, denn oft fransen Diskussionen oder Prozesse aus, es gibt endlose Diskussionen ohne Ergebnisse, weil die langfristigen Ziele diesen Schlendrian zulassen.

Im Orchester wird großen Wert auf die Nachwuchsarbeit gelegt – was können sich Unternehmen hier abschauen? Und wie gelingt die Integration der „Neuen“ in die bestehende Gruppe?

Das sind zwei verschiedene Aspekte. Zum einen arbeiten alle großen Orchester mit den örtlichen Musikhochschulen zusammen, es gibt dann kurzfristige Halbjahres-Verträge oder Jahresverträge für junge Musikstudierende, die als Talente identifiziert wurden, damit man sie rechtzeitig ans Orchester heranführen kann. Wie bei der dualen Ausbildung in Deutschland. Zum anderen gibt es im Orchester ein einjähriges Probejahr. Das bietet eine große Chance: Denn die richtig guten Musikerinnen und Musiker sind oft auch ein bisschen schwierig. Sie wollen Akzente setzen, haben mehr Willen und Durchsetzungslust. Weil dem so ist, versucht man sie in zwölf Monaten vom „Ich“ zum „Wir“ zu führen. Ein einjähriges Probejahr bietet die Möglichkeit, die jungen Damen und Herren zu integrieren, ohne dass sie ihre Persönlichkeit an der Garderobe abgeben müssen, das will man im Orchester gar nicht.

Zeitdruck, Stress, eiserne Disziplin – Berufsmusiker haben einen toughen Job und es werden hohe Erwartungen gestellt – was kann der Dirigent bzw. die Führungskraft tun, um die Musiker bzw. Mitarbeiter nicht zu überfordern bzw. sie darin zu unterstützen, sich gesund und fit zu halten?

Ich werde manchmal gefragt, warum Dirigenten bisweilen ein freundliches Lächeln auf den Lippen haben, während die Musikerinnen und Musiker so hart arbeiten. Ganz einfach: Als Profi muss man eine Atmosphäre schaffen, in der sich die Leute wohlfühlen. Wenn ich mit mieser Laune vor dem Orchester stehe, erhöhe ich den Druck doch nur. Wenn ich keine positive Ausstrahlung habe, darf ich auch nicht erwarten, dass das Ergebnis positiv ausfällt. Deshalb muss das Motto sein: Mehr Vorbild als Leitbild. Wir sind in einer Zeit, in der Unternehmen viele Leitbilder haben, aber wir vergessen die Macht der Vorbildfunktion. Die eigene positive Energie finden und dann ausstrahlen geht aber nur, wenn vorne nicht jemand steht, der sich in miesepetrigem und arrogantem Tonfall austobt.

Wie bewerten Sie die Wichtigkeit von Betrieblichem Gesundheitsmanagement für Orchester?

Das Spielen eines Instruments verursacht körperliche Beschwerden. Beispielsweise kann die Körperhaltung der Geiger nach 10-15 Jahren zu Wirbelschäden führen. Da muss man mit guten und speziellen Stühlen dagegen arbeiten. Musiker, die unmittelbar vor den Blechbläsern sitzen, laufen Gefahr, Hörschäden zu bekommen. Inzwischen ist eine spezielle Form von Ohrstöpseln erlaubt, damit die Musiker vor bestimmten Frequenzbereichen geschützt werden. Also auch in Orchestern spielt die Wahrnehmung der individuellen Belastungen eine zunehmende Rolle.

 
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