Technik

Bilanz der 67. IAA Nutzfahrzeuge

Die Industrie liefert

„Driving tomorrow: Dieser Anspruch, die Zukunft der Mobilität, des Transports und der Logistik in Hannover zu präsentieren, wurde voll eingelöst“ – so die Bilanz von Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) zum Abschluss der IAA Nutzfahrzeuge 2018 in Hannover. „Wir haben eine Branche im Aufbruch erlebt, die sich den Herausforderungen offensiv stellt.“

Im Fokus der 2018er IAA standen Elektromobilität, Digitalisierung, Vernetzung, automatisiertes Fahren und urbane Mobilität. Die Leitmesse hat die hoch gesteckten Erwartungen der Veranstalter übertroffen: Mit 2.174 Ausstellern aus 48 Ländern konnte gegenüber 2016 ein leichter Zuwachs verzeichnet werden. Mit 282.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche – einem Plus von gut 4 Prozent gegenüber 2016 – wurde ein neuer IAA-Rekord aufgestellt. Ebenso bei den Weltpremieren: Mit 435 gab es einen neuen Höchststand und einen Anstieg um 31 Prozent. Die Zahl der Besucher ist leicht angestiegen auf rund 250.000.

Elektromobilität – keine Zukunftsmusik mehr

Diese IAA hat gezeigt: Elektromobilität geht beim Nutzfahrzeug in Serie. 36 Elektromodelle standen für Probefahrten bereit, darunter zahlreiche Weltpremieren mit E-Transportern und E-Bussen. Auch der mittelschwere Lkw im Verteilerverkehr wird weiter elektrifiziert. Besonders bemerkenswert: Auf vielen Ständen wurden erstmals Elektro-Lastenräder gezeigt, die eine neue Antwort auf die Frage der „letzten Meile“ geben. Sie sind flexibel, schnell und schonen die Umwelt. Zudem haben sie ein enorm hohes Drehmoment, können die Bremsenergie in einer Hochvolt-Batterie speichern und beim nächsten Anfahren wieder nutzen. Diese Antriebsart spielt in der urbanen Logistik ihre Vorteile aus: leise, emissionsfrei, wendig – und mit einer Reichweite, die den Anforderungen vollauf genügt.

Lkw
Bitte einsteigen: Viele der ausgestellten Lkw waren keine Showpieces mehr – sie sind mittlerweile in Serie gegangen.

Digitalisierung ist marktreif

Der Innovationstrend Digitalisierung war bei so gut wie jedem Aussteller der IAA zu erleben: Vom Truck- oder Bushersteller über die Trailer-Industrie bis hin zu den großen, mittleren und kleineren Zulieferern und Telematikanbietern – überall findet eine dynamische Entwicklung statt. Ein weiterer Unterschied zu 2016: Die Produkte kommen nun in großer Zahl auf den Markt. Der „intelligente Truck“ zum Beispiel: Er verfügt nicht nur über viele modernste Assistenzsysteme – der klassische Außenspiegel wird durch sogenannte „Mirror Cams“ abgelöst – der tote Winkel wird damit Geschichte.

Der voll vernetzte Trailer ist smart, schlank und schlau. Über Capacity-Management kommuniziert der Anhänger oder Auflieger nicht nur mit der Dispo, sondern auch mit Frachtenbörsen, er bietet freie Kapazitäten an und macht sogar Vorschläge, wie sich diese am besten nutzen lassen. Möglich wird auch eine digitale Abfahrtskontrolle per App. Das heißt: Der Fahrer bekommt dabei Daten vom Trailer, notfalls auch Warnhinweise.

Platooning spart bis zu 10 Prozent Kraftstoff – und ist nur eines von vielen Anwendungsbeispielen. „Wir wissen, dass für die digitale Vernetzung noch entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen – Stichwort 5G“, betonte VDA-Präsident Mattes. „Die gesamte deutsche Industrie sieht hier eine wichtige Baustelle für die Politik.“

New Mobility World

Die Sonderausstellung „New Mobility World“ bot eine Plattform, auf der die Automobilindustrie und neue Zielgruppen wie Technologieunternehmen, Mobilitätsanbieter, Startups und Digitalwirtschaft miteinander sowie mit hochrangigen Vertretern von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft durchaus kontrovers über die Zukunft der Mobilität diskutierten, Innovationen vorstellten und die Mobilität von morgen erlebbar machten. Dazu gab es die Eventformate EXPO, FORUM und die Demonstrationsfläche im Freigelände LIVE. Dort zeigten 19 Aussteller in täglich 16 Vorführungen, die live aus den Fahrzeugen auf eine große Leinwand übertragen wurden, Lkw im Praxistest: Achslastverteilung beim Lang-Lkw etwa, Fahrerassistenzsysteme oder autonome Fahrzeuge für die Logistik der Zukunft. Im Format EXPO in Pavillon 11 präsentierten sich neue Markenwelten, Startups, Spin-offs, Forschungsinstitute neben großen und mittelständischen Unternehmen. Im unerwartet gut besuchten FORUM der New Mobility World fand ein internationales Konferenzprogramm statt, mit 20 Foren, Panels und über 100 Referenten. Dort wurde die Diskussion über die Mobilität von morgen aus den verschiedensten Perspektiven geführt – auch über die Nutzfahrzeugindustrie hinaus.

Schild an einem Lkw, 'e-FLEX'
Elektromobilität war eines der Top-Themen auch der diesjährigen IAA. Der Wettlauf zwischen China, Europa und den USA in dieser Technologie gibt der Entwicklung viel Schub.

Starke Geltung der Messe im Ausland

Die IAA ist offenbar auch ihrem Anspruch, internationale Leitmesse zu bleiben, gerecht geworden: 60 Prozent der 2.174 Aussteller kamen aus dem Ausland. Die Top-Five der internationalen Ausstellerländer wurden angeführt von China (252 Aussteller). Der Großteil davon waren Zulieferer auf Gemeinschaftsständen, die die IAA vor allem für Kontakte zu anderen Unternehmen nutzten. Der Schwerpunkt lag auch bei den chinesischen Ausstellern auf Digitalisierung und Elektromobilität. Auf Platz 2 kam Italien (137), gefolgt von den Niederlanden (135), der Türkei (126) und Frankreich (101).

Der Fachbesucheranteil betrug 86 Prozent. „Acht von zehn Fachbesuchern waren Entscheider, bei den ausländischen Fachbesuchern war die Quote sogar noch höher, sie lag bei Neun von Zehn“, bilanzierte Mattes. Ebenso wie die Aussteller wurden auch die Besucher immer internationaler: Jeder dritte Fachbesucher kam aus dem Ausland, an Spitzentagen waren es über 40 Prozent. Die meisten ausländischen Besucher stammten aus China, gefolgt von Japan und den Niederlanden.

Die Investitionsbereitschaft der IAA-Besucher erwies sich als hoch. Laut eines Befragungsergebnisses planen 60 Prozent der Fachbesucher, die Einfluss auf Einkaufsentscheidungen haben, in den nächsten sechs bis zwölf Monaten Investitionen im Nutzfahrzeugbereich. Gut jeder zweite Fachbesucher nutze den Messebesuch zur Vorbereitung von Investitionen, bei ausländischen Besuchern war der Anteil noch höher (68 Prozent), hieß es weiter. Und: Auf dieser IAA wurden offensichtlich so viele Kaufabschlüsse getätigt wie noch nie zuvor. Allein ein Logistikunternehmen hat 2.500 Lkw von drei Herstellern und 1.000 Trailer gekauft.

Markus Hofmann/VDA


Bernhard Mattes
Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), war zufrieden mit dem Verlauf der IAA. Besonders hob er den internationalen Stellenwert der weltgrößten Nutzfahrzeugmesse hervor. // Foto: (© Deutsche Messe AG)
Die nächste IAA Nutzfahrzeuge findet statt vom 24.09. bis 01.10.2020 in Hannover.
 
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