Arbeitssicherheit

Krisenmanagement planen

Für alle Fälle gut gerüstet

Ob Großbrände, Überflutungen durch heftige Regenfälle oder IT-Ausfälle durch Hackerangriffe: Beim Thema Krisenmanagement sitzen Bund, Länder, Städte und Gemeinden mit Blaulicht-Organisationen und Unternehmen, bildlich gesprochen, in einem Boot. Auch Industrieunternehmen müssen den Ernstfall gedanklich und praktisch im Blick haben – um Produktions- und Geschäftsprozesse zu sichern und wirtschaftliche Einbußen zu minimieren. Damit im Fall der Fälle die richtigen Entscheidungen getroffen werden, müssen effektive Strukturen, gut ausgebildete Menschen und leistungsfähige Technik eng verzahnt sein.

Der Großbrand von Notre Dame hielt ganz Europa in Atem. In Paris gelang es der Feuerwehr nach etwa vier Stunden, das Feuer in der Kathedrale auf den hölzernen Dachstuhl zu begrenzen und damit wertvolle Kunstwerke und die reiche Innenausstattung trotz Beschädigungen durch Hitze, Ruß und Löschwasser zu retten. „Eine Leistung, die nur dem organisierten Krisenmanagement der Pariser Feuerwehr zu verdanken ist“, meint Raimund Bücher, Director of Fire Brigade bei Henkel in Düsseldorf. „Die Größe des Objekts war sicher eine der besonderen Herausforderungen. Außerdem erforderte das Wissen, dass unersetzliche Kulturgüter gefährdet waren, spezielle Schutzmaßnahmen. Gottseidank waren die Eingangstüren zum Zeitpunkt des Feuers schon geschlossen, sodass das Unglück keine Menschen betraf.“

Gerüstet sein für komplexe Anforderungen

Effektives Krisenmanagement wie bei diesem Ereignis erfordert ein eingespieltes Team mit transparenter Führungsstruktur, moderner Sicherheitsausrüstung und leistungsfähigen technischen Hilfsmitteln. „Ziel ist es, Menschen auf den Fall der Fälle vorzubereiten, auch wenn es nicht für jede mögliche Situation eine Vorbereitung geben kann“, sagt Norbert Jetten, Leiter Technik bei der BYK-Chemie in Wesel. „Die Anforderungen sind dabei komplex: Schließlich gilt es, einen Brand oder Stoffaustritt innerhalb eines Betriebs genauso bewältigen zu können wie einen Hackerangriff oder die Auswirkungen einer Naturkatastrophe.“

Löschfahrzeug im Einsatz
Moderne Löschfahrzeuge benötigen weniger Löschmittel und weniger Wasser, um dieselbe Wirkung zu erzielen. // Foto: (© Messe Düsseldorf)

Klar definierte Aufgaben

Das A und O ist ein Team, bei dem jeder weiß, was zu tun ist. „Je nach Größe eines Unternehmens gibt es feste Funktionsbereiche oder Fachabteilungen, die involviert sind“, berichtet Stephan Hummel, Leiter des Brandschutzes von Currenta. Das Unternehmen ist Manager und Betreiber des Chempark mit drei Standorten in Leverkusen, Dormagen und Krefeld. Wer Informationen intern und extern weitergibt, ist genauso festgelegt wie die Analyse des Geschehens. Welche Gefahren sind für Menschen und Umwelt vorhanden, welches Areal ist betroffen, wie sieht die Prognose aus – das sind Fragen, die in diesem Zusammenhang schnellstmöglich geklärt werden müssen. Davon hängen auch die Maßnahmen ab wie Warnung und Information der Bevölkerung, Planung der Gefahrenabwehr und der hierzu benötigten personellen und technischen Ressourcen. Sogenannte Multiuser-Standorte erkennen mehr und mehr den Vorteil der engen Vernetzung. Große Unternehmen wie Currenta verbinden verschiedene Standorte mit mehreren Sicherheitszentralen. Gleiche EDV-Programme erleichtern die Kommunikation, aufeinander abgestimmte Abläufe und Prozesse sichern den Überblick. Die Leistungen werden mit Hilfe modernster Leitstellensoftware weiter optimiert – damit können gesetzliche Meldepflichten zukünftig noch schneller erfüllt sowie organisatorische Prozesse und das gesamte Informations- und Einsatzmanagement gestrafft werden.

Robotik, Drohnen, moderne Löschfahrzeuge

Wenn es vor Ort bei Bränden oder Naturkatastrophen für den Menschen zu gefährlich wird, machen sich Roboter nützlich. Wie bei einem Brand in den Mergelgrotten südlich von Maastricht im Juli 2017. Ein Bauer hatte dort Heu gelagert, das in Brand geraten war. Wegen Einsturzgefahr konnten Helfer die Höhlen nicht betreten. Die Feuerwehr in Aachen forderte bei der Chempark-Werkfeuerwehr in Leverkusen den Manipulator, einen ferngesteuerten Roboter, an. Das Spezialgerät lieferte wichtige Bilder aus dem Höheninneren, mit dem man sich ein Bild vom Brandgeschehen machen konnte. Auch Drohnen spielen bei der Beurteilung eines Ereignisses oder bei der kontinuierlichen Überwachung von Anlagen eine immer wichtigere Rolle. „Aufnahmen in großer Höhe oder in schwer zugänglichen Bereichen lassen sich unkompliziert und schnell realisieren“, erklärt Jo-

achim Beyer, Leiter Security von Currenta-Chempark & Sicherheit (CPS). „Wir setzen Drohnen regelmäßig für Inspektionsflüge und Wärmebildaufnahmen ein und sammeln mit ihrer Hilfe Daten, um Anlagen zu optimieren.“ Bei Currenta soll Ende 2019 ein deutschlandweit einmaliges Turbinenlöschfahrzeug zum Einsatz kommen. Ein Hochleistungstriebwerk produziert einen feinen Löschnebel, der bis zu 150 Meter weit gesprüht wird und speziell bei Industriebränden in der Chemieindustrie helfen soll. „Weniger Löschmittel, weniger Wasser bei gleicher Wirkung – das trägt zu mehr Nachhaltigkeit und einer verbesserten Leistung der Feuerwehr bei“, fasst Hummel zusammen.

Mann vor Planungstafel
Auf der Planungstafel sind alle notwendigen Schritte festgehalten.

Digitale Helfer und autonome Technologien

Ursachen von Krisen können zunehmend mithilfe der Digitalisierung bestimmt werden. Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2019 des Krisennavigators – Institut für Krisenforschung, ein Spin-Off der Universität Kiel – beschäftigen sich Krisenmanager zunehmend mit Datenintegritätsverletzungen, Blackouts, IT-Ausfällen sowie Shitstorms und Online-Protesten. Gleichzeitig eröffnen immer mehr digitale Produkte und Technologien neue Chancen für eine umfassende Information und optimierte Organisation. Im Räumungsfall muss die Werkfeuerwehr beispielsweise sicher sein, dass alle Personen den Betrieb verlassen haben. Erst dann können zum Beispiel Brandbekämpfungsmaßnahmen in vollem Umfang gestartet werden. Bei Currenta setzt man dabei auf ein neues elektronisches Meldebuch. Es registriert, wann ein Mitarbeiter das Betriebsgelände betritt oder verlässt. Ganz simpel wird dies über ein digitales System erfasst, bei dem jeder Mitarbeiter einen speziellen Ausweis vor ein Lesegerät hält. Seit Dezember 2018 arbeitet man mit dem Verfahren im Chempark Dormagen. Schnell die Informationshoheit zu gewinnen und sie auch zu behalten, gelingt mit neuen digitalen Tools. Über hinterlegte Textmodule lassen sich innerhalb von Minuten Pressemeldungen verfassen. Mithilfe von Alarmierungsservern können per Mausklick die Mitglieder eines Krisenstabs benachrichtigt werden.

Potenziale für die Zukunft

„Der Blick in die Zukunft verspricht selbststeuernde Drohnen, die eigenständig eine Lage sondieren“, prognostiziert Hummel. „Selbstfahrende Fahrzeuge werden es ermöglichen, schon auf der Fahrt zum Einsatzort zeit-

optimiert Informationen auszuwerten. Und künstliche Intelligenz wird sicher ganz neue Potenziale beispielsweise bei Erkundungssystemen erschließen.“ Auch Exoskelette, also stabilisierende und kraftunterstützende Elemente, versprechen verbesserte Schutzfunktionen und neue Einsatzmöglichkeiten wie das Heben größerer Lasten. Manchmal helfen einfach nur Papier und Farbstifte: Bei dem Handling einer Schadenslage spielen konventionelle Hilfsmittel nach wie vor eine wichtige Rolle. „Papier und Farbmarker stehen noch hoch im Kurs“, so BYK-Technikleiter Jetten. „Sie sind von jedermann nutzbar und funktionieren auch dann, wenn der Strom ausfällt. Wo stehen bei Cyber-Attacken bedrohte Server, welche Bereiche sind bei einem Brand oder Stoffaustritt gefährdet, wo verlaufen zum Beispiel Wasser-, Abwasser- oder Stromleitungen? Die Visualisierung ist von zentraler Bedeutung, damit jeder sofort sieht, welche Auswirkungen ein Geschehen auf den Betrieb oder auch das Umfeld gerade hat.“ Auch die auf dem Lagebild aufbauende Kommunikation ist wichtig: klar, verständlich und frei von Spekulationen soll sie sein. Schließlich soll ein Kommunikationsspezialist eine Aussage auf Anhieb genauso gut verstehen wie ein EDV- oder Umwelt-Experte.

Neue Pflichten für KMU

Mit dem im August 2018 vorgelegten Entwurf zur neuen DIN ISO Norm 22320 (Sicherheit und Resilienz – Gefahrenabwehr – Leitfaden für Organisation der Gefahrenabwehr bei Schadensereignissen) werden auch kleine und mittlere Unternehmen zum Thema Krisenmanagement in die Pflicht genommen. „Zukünftig müssen Betriebe, die sich zertifizieren lassen möchten, eine entsprechende Organisationsstruktur nachweisen und qualifiziertes Personal einstellen“, weiß Henkel-Feuerwehrleiter Raimund Bücher. „Hierfür sind natürlich dann auch Budgets zur Verfügung zu stellen.“

Risikofaktor Mensch

Wenn Adrenalin bei Gefahr in die Blutbahn schießt, wird der Mensch in seinen Handlungen beeinträchtigt. Das Gehirn scheint nur noch sehr träge zu funktionieren – rationale Denkmuster sind nicht mehr präsent, die Merkfähigkeit lässt nach und wohlüberlegte Aktionen fallen schwer. Je öfter Menschen etwas gemacht haben, desto schneller kann die Chaos-Phase überbrückt werden. „Kontinuierliche Übungen trainieren Routinen, die auch im Gefahrenfall schnell abgerufen werden können“, weiß Jetten. Er setzt deshalb mit seinen Kollegen auf das „Zirkeltraining“, wie er es nennt. Gemeint sind damit realitätsnahe Übungen mit verschiedenen Anforderungen, die auf dem Werkgelände aufgebaut sind. „Der Rollenwechsel innerhalb der Positionen schärft das Bewusstsein für unterschiedliche Perspektiven von Menschen in der gleichen Situation. Dabei wird alles möglichst echt inszeniert – mit Polizei, Feuerwehr, Rettungskräften.“

Mann hält Karte vor Lesegerät
Mithilfe eines Sammelplatzlesers kann erfasst werden, ob alle Mitarbeiter den Gefahrenbereich verlassen haben.
 
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