Technik

50 Jahre Kamag

Rekordhalter im Schwerlasttransport

Vor Kurzem erst hat sich einer der weltweit Nutzlast-stärksten Brammentransporter vom Kamag-Firmensitz im Industriegebiet Ulm-Donautal auf die Reise zu einem Werk des Stahlproduzenten Arcelor Mittal gemacht. Dort wird das Industriefahrzeug 150 Tonnen schwere und bis zu 900 Grad heiße Stahlbrammenstapel befördern. Beeindruckende 360 Tonnen wog der Schwertransport insgesamt. Das ist eine der vielen Transportlösungen, die Kamag seit genau 50 Jahren für Kunden aus den Bereichen Stahl- und Schiffsproduktion sowie Schwergutlogistik entwickelt und produziert.

Das Unternehmen fertigt auch tragfähigere Fahrzeuge. Etwa selbstfahrende, modulare Transportplattformen, die in Kombination mit weiteren Einheiten für theoretisch unbeschränkte Nutzlast stehen und mit deren Hilfe im Jahr 2017 die Fähre Sewol geborgen wurde. Beteiligt waren an der Aktion 120 K24-Achslinien von Kamag sowie 480 SPMT-Achslinien von Scheuerle, ein Fahrzeughersteller, der ebenso wie Kamag zur TII Group der Heilbronner Unternehmerfamilie Otto Rettenmaier gehört. Mit 17.280 Tonnen hält dieser Transport den Weltrekord im Schwerlasttransport.

Space Shuttle der NASA auf Schwerlastmodulen
Auch ein Space Shuttle der NASA wurde auf Schwerlastmodulen von KAMAG transportiert.

Bescheidene Anfänge

Dagegen nahmen sich die Anfänge des Fahrzeugherstellers im Jahr 1969 noch verhältnismäßig bescheiden aus. Vor genau 50 Jahren gründete der Ulmer Unternehmer Franz-Xaver Kögel, der bereits seit Mitte der 30er-Jahre Anhänger für den Güterverkehr produzierte, im badischen Karlsdorf nahe Karlsruhe mit dem Diplom-Ingenieur Karl Weinmann, der Schwerlastanhänger konstruierte, die Karlsdorfer Maschinenbau Gesellschaft – kurz Kamag. Die beiden Partner wollten Transportlösungen bauen, die tragfähiger als die von Kögel selbst waren und die es erlaubten, schwerste Güter unabhängig von schienen- oder krangebundenen Logistiksystemen umzusetzen.

Aus Ulm in die Welt

In schnellen Schritten nahm das Geschäft mit den Sonderfahrzeugen Fahrt auf, und die Gründer verlegten das Werk 1971 von Karlsdorf an den heutigen Standort im Industriegebiet Ulm-Donautal. Die Nachfrage nach den Produkten kam bald aus der ganzen Welt. Die Entwicklung von Kamag war von Anfang an von einer starken Internationalisierung geprägt, Kunden aus Asien und Nordamerika gehörten zu den ersten, die Fahrzeuge aus Ulm erhielten. Im gleichen Jahr baute Kamag den ersten hydrostatisch angetriebenen, siebenachsigen Schiffsektionstransporter für die Werftindustrie. Schon in den ersten drei Jahren seit Produktionsbeginn setzte Kamag 30 dieser Giganten auf Rädern ab. Mit ihrer Hilfe lassen sich riesige Baugruppen beispielsweise von Ozeanriesen in einem Stück transportieren. 1975 folgten koppelbare Ausführungen. Die Kombinationsfähigkeit ermöglichte noch höhere Nutzlasten. So ließen sich mit dem ersten Typen zwei Mal 400 Tonnen Nutzlast bewegen. 1996 knackte Kamag die Marke von 600 Tonnen Nutzlast auf einem Monoblock-Schiffsektionstransporter mit 96 Rädern und einer Ladefläche von 150 Quadratmetern. Heute lassen sich die hydrostatisch angetriebenen Werft-Transporter mit ihrer elektronischen Vielwege-Lenkung derart zusammenstellen, dass auch mehrere tausend Tonnen schwere Megablocks und komplette U-Boote am Stück auf Reise gehen können. Einzelfahrzeuge bringen es heute auf Nutzlasten von mehr als 1.000 Tonnen und Ladeflächen von bis zu 200 Quadratmetern.

Schwerlastmodule
Kamag K24 im Einsatz beim Schwerlastspezialisten Sarens.

Aufbruch ins Weltall

Eine weitere wichtige Entwicklung war im Jahre 1977 der erste Hubwagen, der den Transport auch schwerster Paletten erlaubte - Ladungsträger, wie sie in der Stahlindustrie zum Einsatz kommen, um unterschiedliche Halbzeuge innerbetrieblich zu bewegen. Einen besonders herausfordernden Auftrag erhielt das Unternehmen 1979 von der NASA. Die US-amerikanische Raumfahrtbehörde benötigte Transportlösungen für die Beförderungen von einzelnen Raketenkomponenten, die nicht nur hoch sensibel sind, sondern auch extrem präzise und millimetergenau in Position gebracht werden müssen. Seither hat die US-amerikanische Raumfahrtbehörde immer wieder bei Kamag Bestellungen platziert, etwa um Servicetürme für die Abschussrampe in Cape Canaveral zu bewegen. Auch Boeing Aerospace Industry zählt zur Kundschaft des Unternehmens. Der Luft- und Raumfahrtkonzern erhielt aus Ulm Fahrzeuge mit einer Nutzlast von 200 Tonnen, um Raketenmotoren zu transportieren.

Stahlindustrie wird zum wichtigen Eckpfeiler

Den Grundstein für ein weiteres Segment legte Kamag 1983. In diesem Jahr entwickelte man den ersten knickgelenkten und hydromechanisch angetriebenen Schlackentransporter. Bis heute versorgt das Unternehmen die Stahlindustrie mit spezialisierten, robusten und temperaturbeständigen sowie Nutzlast-starken Fahrzeugen, zu denen neben Brammen- und Schlackentransporter auch Coil-, Hub-, Gießpfannen- und Schrottkorbfahrzeuge gehören. Während die Pkw-Industrie noch gar nicht an fahrerlose Fahrzeuge dachte, entwickelte Kamag bereits automatisierte Industrietransporter. Die ersten AGV (Automated Guided Vehicle) wurden schon 1995 für den Transport von Containern und Stahl-Coils eingesetzt. Im Jahr 2000 sicherte sich Kamag den Weltrekord für den größten Schlackentransporter - ein Riese, der 120 Tonnen 1.300 Grad heiße Schlacke transportieren und abschütten kann.

Schwerlastmodule
Mehrere gekoppelte Einheiten sind in der Lage, schwerste Module oder ganze Schiffe zu transportieren.

Die Geschichte des flinken Wiesels

1990 erfolgte die Einführung des Wechselbrückenhubwagens Wiesel. Tausende von Wieseln hat Kamag inzwischen verkauft. In diesem Jahr hat der Fahrzeughersteller auf der Fachmesse transport logistic in München die jüngste Generation mit eigener Kabine und neuer Motorisierung vorgestellt, bei deren Entwicklung Fahrerkomfort, Nutzerfreundlichkeit und gute Rundumsicht im Vordergrund standen. Heute sind auch rein elektrisch angetriebene und damit emissionsfreie Ausführungen lieferbar. Auch automatisierte Varianten, die ganz ohne Fahrer innerbetrieblich Wechselbehälter umsetzen, das sogenannte Wiesel AGV, befinden sich seit 2016 in der Erprobung bei Kunden. Kamag hat das automatisierte Fahren mit Hilfe von Transpondertechnik, optischen Spurführungssystemen oder GPS-Steuerung schon umgesetzt. Mehrere Projektgruppen arbeiten darüber hinaus an der weiteren Elektrifizierung und Automatisierung des Wiesels. Mit dem TruckWiesel, einer Zugmaschine für Auflieger, wird das Angebot für die Terminallogistik ergänzt. So lassen sich Güter leicht intermodal umschlagen, ein Beitrag zu nachhaltigem Güterverkehr.

Das Jahr 2004 bedeutete für Kamag Transporttechnik einen gravierenden Einschnitt. Die Muttergesellschaft, der Trailerhersteller Kögel, geriet in finanzielle Schwierigkeiten und musste Insolvenz anmelden. Davon war das profitable Unternehmen Kamag zwar nicht betroffen. Weil aber Kögel dringend Finanzmittel benötigte, stand Kamag zum Verkauf. Der Heilbronner Multiunternehmer Otto Rettenmaier, der 1988 bereits die Scheuerle Fahrzeugfabrik und 1995 Nicolas erworben hatte, kaufte Kamag.

Auch für schwerste Lasten

Inzwischen spielen auch die selbstfahrenden, modularen Plattformwagen eine bedeutende Rolle. Sie sind in Kombination die stärksten unter den selbstangetriebenen Schwertransportfahrzeugen. Die Kunden nutzen sie, um selbst mehrere tausend Tonnen schwere und oft auch extrem lange Anlagen, wie sie in der Öl-, Gas- und Mining-Industrie zum Einsatz kommen, zu befördern. Auch der Transport von vorgefertigten Brückensegmenten ist mit Hilfe solcher Kombinationen und Zusatzausrüstung möglich. Gerade in diesem Segment gibt es große Synergien zwischen den Unternehmen der TII Group. So ist es möglich, die Plattformmodule von Kamag und Scheuerle miteinander zu betreiben, um Schwertransporte wie den Transport der Fähre Sewol durchzuführen. Das gilt innerhalb der Kamag Baureihen selbst auch für Module unterschiedlicher technologischer Generationen.

Hubwagen für den Walztransport
Kamag-Hubwagen für den Walztransport.
 
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