Wo ist die Greta der Prävention?

Dipl.-Ing. Helmut Ehnes

Jeder kennt sie mittlerweile und sie löst kontroverse Diskussionen aus. Aber sie und ihr Anliegen werden wahrgenommen: Greta Thunberg, die Klimaaktivistin aus Schweden. Sie hat – und das muss man neidlos anerkennen – eine Bewegung in Gang gesetzt, an deren existenzielle Fragen Politik, Medien und die Öffentlichkeit derzeit nicht vorbeikommen. Doch um Existenzfragen geht es auch beim Arbeitsschutz. Jährlich 400.000 Tote durch Arbeitsunfälle weltweit, jährlich 2.400.000 Tote aufgrund von Erkrankungen durch Krebs auslösende Stoffe, Stäube oder sonstige Expositionen: Das sind die vorsichtigen Schätzungen. Demnach stirbt alle 12 Sekunden ein Mensch durch Einflüsse am Arbeitsplatz, Tendenz steigend.

Auch in Deutschland sind wir weit entfernt von einer heilen Welt. Wenn wir alle registrierten und gemeldeten Arbeitsunfälle zusammenrechnen, landen wir bei 3,5 Millionen auf 70 Millionen Menschen, die von der Gesetzlichen Unfallversicherung erfasst werden. Das bedeutet: Jeder Zwanzigste hat jedes Jahr einen Unfall bei der Arbeit oder in Schule und Ausbildung.

Dies sind nur wenige statistische Zahlen, hinter denen jedoch unzählige menschliche Schicksale stehen. Warum wird also über dieses Thema nicht genauso ernsthaft in den Medien berichtet wie über die Klimaproblematik? Es sind eben die kleinen Katastrophen, an die wir uns offenbar gewöhnt haben und die allenfalls eine kleine Meldung mit wenigen Zeilen auf der letzten Seite wert sind. Dabei hat das Thema Unfälle und Erkrankungen bei der Arbeit nicht nur diese menschliche Komponente, es hat auch eine wirtschaftliche. Die ILO schätzt, dass 4 % des weltweit erarbeiteten Bruttosozialproduktes durch diese Bedingungen an den Arbeitsplätzen vernichtet werden. Sollten diese Zahlen auch für Deutschland zutreffen, wovon auszugehen ist, so ergibt dies einen volkswirtschaftlichen Verlust von 143 Milliarden Euro. (Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2019 beträgt 356 Milliarden Euro.) Wieviel Gutes könnten wir mit diesem Geld für den Klimaschutz tun, für Infrastruktur und für klimaneutrale Energieversorgung?

Wir müssen die Frage diskutieren, in welcher Gewichtung Themen in die öffentliche Wahrnehmung gebracht werden. Sicher, mit der VISION ZERO haben wir eine klare Botschaft und ein klares Ziel. Und es gibt durchaus erfolgversprechende Zwischenergebnisse. Was uns aber noch fehlt, ist die Durchschlagskraft und die öffentliche Wahrnehmung in allen Bereichen der Gesellschaft. Dafür müssen wir mit einer Stimme sprechen und VISION ZERO nicht nur in der Arbeitswelt, sondern in allen Lebenswelten etablieren. Eine Greta der Prävention – die wäre dabei sicher eine große Hilfe.

Herzlichst Ihr
Dipl.-Ing. Helmut Ehnes