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[Die Industrie der Steine + Erden]




Schmuddeltalk

Schmuddeltalk

Vor drei Jahren versuchte ich die Talkshow-Szene ein wenig zu glossieren. Wenn ich seinerzeit glaubte, die Anzahl dieser Plauderrunden sei nicht mehr zu überbieten, so mußte ich mich zwischenzeitlich eines Besseren belehren lassen. In der heutigen Zeit dürfte kein Tag vergehen, an dem nicht eine, nein mehrere Shows über den Bildschirm flimmern. Schon am Vormittag beginnt das Treiben.

Doch welche Meinung haben die Fernsehmacher von den Zuschauern am Vor- und frühen Nachmittag? Offensichtlich werden diese als sehr einfältig eingeschätzt, denn die Themenauswahl ist oft eine Zumutung. Runden über den immer wieder aufgewärmten Schlankheitswahn kann man eventuell noch akzeptieren. Aber müssen Diskussionen geführt werden, ob es unmoralisch ist, auf Pump zu leben? Oder Frauen, die vor den Kameras über ihre Männer berichten, die das sauer verdiente Geld verzocken und mit Frauen des ältesten Gewerbes durchbringen. Diese Personen werden in einer dieser Schmuddeltalkshows kaum einen brauchbaren Rat erhalten, falls sie ihn wirklich wollen. Vielmehr kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier nur der Voyeurismus einer ganz bestimmten Fernsehgemeinde bedient wird. Ist es nicht eher eine Bühne für Exzentriker, die sich genüßlich zur Schau stellen und Mindermeinungen lustvoll vertreten? Die skurrilsten Ideen und Lebensweisen werden einem staunenden Publikum vorgestellt, ähnlich einer Raritätenschau. Daß in diesen Shows tatsächliche Lebenshilfe gegeben wird, vermag ich nicht zu glauben. Es wird wohl eher ganz bewußt mit verhältnismäßig geringen Produktionskosten Sendezeit gefüllt und dazu Werbeblocks verkauft.

Bevor wir jedoch, dem Trend folgend, alles nachmachen, was die USA uns vorspielt, sollte Einhalt geboten werden. Im Land der unbeschränkten Möglichkeiten werden zum Beispiel geschiedene Ehepaare aufeinander losgelassen, die vor laufender Kamera schmutzige Wäsche waschen und sich, als widerlicher Höhepunkt, auch noch körperlich attackieren. Hier muß Schluß sein mit den Abscheulichkeiten, sonst sind wir eines Tages - und das Wortspiel sei mir erlaubt - das Land der möglicherweise Beschränkten.

Mögen sie von mir aus möglichst bald vom Bildschirm verschwinden, die Schmuddeltalker aus dem kommerziellen Fernsehen, damit sie nicht diejenigen, die zu dieser Sendezeit vielleicht wegen eines Krankenlagers fernsehen möchten, langweilen oder gar aufregen. Sie sollen auch nicht den etwas schlichteren Gemütern eine Weit vorgaukeln, die es so gar nicht gibt.

Eine gute Talkshow dagegen kann etwas Unterhaltendes und auch Lehrreiches sein. Gute Beispiele gibt es hierfür glücklicher Weise auch. Diesen Sendungen wünsche ich weiterhin Gäste, die etwas zu sagen haben und eine wachsende Zuschauergemeinde. Den anderen "Showmastern" empfehle ich den größten Magier der Welt einzuladen und der zaubert sie dann hoffentlich alle auf eine einsame Insel ohne Fernsehstudio.

Hans-Jürgen Bahr





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