Arbeitssicherheit

Die richtige Lautstärke für den Gehörschutz treffen – Fortsetzung aus Heft 5/17

Musik in unseren Ohren, Teil 2

Lärm wird von der Europäischen Union als ein erhebliches Gesundheitsrisiko eingestuft. In der neuen PSA-Verordnung (EU) 2016/425 wurde deshalb der Gehörschutz einer deutlich höheren Kategorie zugeordnet. Diese Neueinstufung nimmt Kjersti Rutlin, Hearing Conservation Manager für EMEA bei Honeywell Industrial Safety, zum Anlass, das allgemeine Bewusstsein für dieses wichtige Arbeitsplatzthema zu fördern und die Notwendigkeit angemessener Schutzausrüstung und effektiver Schulungen herauszustellen. – Zweiter und letzter Teil unserer Artikelserie; den ersten Teil finden Sie in Ausgabe 5/2017 der STEINE+ERDEN oder online unter www.steine-und-erden.net/se517/Earplug_Fit-Testing.html.

Eine grundlegende Veränderung betrifft die Klassifizierung einiger PSA. Während die Verordnung die drei Kategorieebenen der EU-Richtlinie beibehält, werden die PSA darin nun mit Risiken statt mit Ausrüstungsteilen in Verbindung gebracht. Der Gehörschutz, der bisher der Kategorie II zugeordnet war und mit mittelschweren Risiken in Verbindung gebracht wurde, ist in die Kategorie III aufgerückt, in die „gesundheitsschädlicher Lärm und irreversible Gesundheitsschäden“ gehören. Hierin drückt sich die Tatsache aus, dass die EU den Gehörverlust als ein bedeutendes Problem anerkannt hat, das schwerwiegende Auswirkungen auf die Gesundheit von Mitarbeitern haben kann. Auch wenn die Verordnung keine genauen Angaben über die Schulungen und die Art und Weise ihrer Durchführung zu enthalten scheint, zeigt die neue Kategorisierung, dass er offensichtlich von den Arbeitgebern ernster genommen wird. Es ist zu hoffen, dass die Verordnung Sicherheitsfachkräfte dazu anspornt, sich ausreichend Unterstützung für Schulungen zu verschaffen, um sicherzustellen, dass die Mitarbeiter für Tätigkeiten in lärmintensiven Umgebungen angemessen ausgestattet und vorbereitet sind. Hierbei können die Hersteller eine entscheidende Rolle spielen.

Frau untersucht Gehörgang eines Mannes mit einem Otoskop
Gehörverlust ist auch vom besten Arzt kaum zu heilen, daher muss hier Prävention viel stärker greifen als bisher. Dieser Meinung ist man endlich auch in Brüssel. // Andrey Popov - stock.adobe.com

Bewertung von Risiken

Gemäß der Gesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland muss der Arbeitgeber eine angemessene und ausreichende Bewertung der Gesundheitsrisiken vornehmen, und die DGUV Regel 112-194 erklärt, wann PSA verwendet werden müssen. In lärmintensiven Umgebungen ist ein wirksamer Gehörschutz entscheidend für Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter. Häufig fragen die Endanwender Hersteller und Händler um Rat, was die Auswahl der bestgeeigneten PSA für bestimmte Arbeitsumgebungen/-szenarien betrifft. Mit der neuen Verordnung bietet sich den Herstellern die Gelegenheit, das Bewusstsein für die Wichtigkeit wirksamer Gehörschutzmaßnahmen zu fördern. Als Ausgangspunkt muss eine Sicherheitskultur am Arbeitsplatz geschaffen werden, bei der die Wichtigkeit des Hörvermögens anerkannt wird. Die Mitarbeiter konzentrieren sich häufig ganz auf die anstehende Aufgabe und sind sich der Tatsache, dass ein einziges lautes Geräusch bereits zu irreversiblen Hörschäden führen kann, möglicherweise nicht vollständig bewusst. Eines der Hauptprobleme besteht darin, dass die Mitarbeiter ihren Gehörschutz, sei es bewusst oder unbewusst, häufig inkonsequent verwenden. Das Bedürfnis nach Kommunikation ist stärker als jenes nach Schutz, so dass man häufig beobachten kann, dass Mitarbeiter eine der Gehörschutzkapseln abnehmen, um mit Kollegen sprechen zu können.

Mitarbeiter ins Boot holen

Wenn den Mitarbeitern jedoch Ausbildungswerkzeuge an die Hand gegeben werden, durch die sie die Wichtigkeit des Hörvermögens direkt erfahren und ein Gefühl dafür bekommen, was sie möglicherweise verlieren, wenn sie sich nicht ausreichend schützen, kann dies eine positive Verhaltensänderung bewirken. Die WHO konstatiert, dass die Menschen generell eher vorbeugende Maßnahmen ergreifen, wenn sie die Symptome eines Gehörverlusts oder eines Tinnitus selbst erlebt haben. Mittels Audiodateien und Videos können die Symptome eines Gehörverlustes demonstriert werden. In Toolbox-Meetings, in denen darüber diskutiert wird, kann das Thema Gehörschutz breitere Aufmerksamkeit erfahren, und sie liefern den Kontext für Schulungen. Eine Reihe von Studien, darunter Forschungsergebnisse, die in Zusammenarbeit mit dem National Institute for Occupational Safety and Health im Journal „Noise and Health“ in Großbritannien veröffentlicht wurden, zeigen, dass Einzelschulungen am effektivsten sind, was die Ermittlung der individuellen Dämmleistung betrifft. Für Gehörschutzstöpsel gibt es keine Einheitslösung, da die Ohren verschiedener Menschen und selbst die beiden Ohren ein und derselben Person sehr unterschiedlich sind. Deshalb sollte jedes Unternehmen verschiedene Arten von Gehörschutzstöpseln in verschiedenen Größen bereitstellen.

Gebotszeichen 'Gehörschutz tragen'
Ganz ohne Vorschriften und Gebote geht es nicht. Am nachhaltigsten wirkt Prävention jedoch, wenn die Mitarbeiter ein Bewusstsein dafür entwickeln. Und das geht am besten, indem sie die Risiken kennenlernen. // Pixel62 - stock.adobe.com

Passform ermitteln

Als entscheidende Maßnahme muss sich im Rahmen jeder Schulung jemand das Ohr des Mitarbeiters von innen ansehen, um festzulegen, welche Größe und Form der Gehörschutzstöpsel haben muss. Der Passformtest, der nur etwa 5-10 Minuten pro Person in Anspruch nimmt, liefert sowohl den Anwendern als auch den Sicherheitsfachkräften wertvolle Informationen über die Wirksamkeit des Gehörschutzstöpsels bei jedem einzelnen Mitarbeiter. Auch ist klar, dass die Mitarbeiter die Bedeutung ihres eigenen Verhaltens für den Schutz ihres Gehörs besser verstehen. Zudem steigt ihre Motivation daran mitzuwirken, wenn sie den Passformtest durchlaufen haben und selbst erlebt haben, welche Dämmleistung erzielt wird. Dank der Entwicklung neuer Technologien mit Passformtests und Überwachung der Lärmexposition können die Unternehmen genauere Informationen über den tatsächlichen Lärmexpositionspegel, dem die Mitarbeiter am Arbeitsplatz ausgesetzt sind, sammeln. Bei manchen technischen Geräten wird bei Inbetriebnahme ein automatischer Passformtest aktiviert, aus dessen Ergebnis der Benutzer entnehmen kann, ob sein Gehörschutz richtig sitzt. Sie überwachen auch die kontinuierliche Lärmexposition des Mitarbeiters und warnen den Anwender, wenn die zulässige Lärmexpositionsgrenze erreicht ist. Am wichtigsten überhaupt ist vielleicht, dass die Förderung des Bewusstseins für die Wichtigkeit eines wirksamen Gehörschutzes auch den Mitarbeitern von morgen helfen kann. Wenn den Mitarbeitern bewusst ist, welchen Wert der Gehörschutz für sie persönlich besitzt, dürften sie wohl besser in der Lage sein, ihre Kinder im Zusammenhang mit der Lärmexposition in der Freizeit zu beraten. Wenn die Kinder besser über potentielle Schädigungen ihres Gehörs informiert sind und diese Gefahr ernster nehmen, kann man davon ausgehen, dass sie als junge Leute bei ihrem Eintritt in die Berufstätigkeit höhere Erwartungen an ihre Arbeitgeber mitbringen, was den ihnen zustehenden Schutz betrifft. Dies ist eine Botschaft, auf die wir alle hören sollten.

 
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