Technik

Interview zu nachhaltiger Bewegung im Büro

„Wir brauchen mehr Haltungswechsel“

Bewegungsmangel wird als eine der Hauptursachen für die meisten Erkrankungen in unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht. Experten sind sich heute darüber einig, dass Bewegung zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Gesundheit in den Alltag integriert werden sollte, um so die größten positiven Effekte für die Gesundheit zu generieren. Diplomsportwissenschaftler und Heilpraktiker Christof Otte, Leiter Ergonomie und Gesundheit officeplus, über nachhaltige Bewegung und wie diese in den heutigen Bürowelten etabliert werden kann.

Herr Otte, als Diplomsportwissenschaftler beschäftigen Sie sich seit über zehn Jahren intensiv mit Sport und Bewegung. Müssen wir jetzt alle Sport treiben, um gesund zu bleiben?

Es geht nicht darum, Sport in dem Sinne zu treiben, dass wir uns nach Feierabend oder am Wochenende den Trainingsanzug anziehen und durch den Stadtpark rennen. Es geht vielmehr darum, dass wir die sich bietenden Chancen auch während der Arbeit sinnvoll nutzen, um ein Mehr an Bewegung automatisch in unseren Tagesablauf zu integrieren. Ein Zugewinn an Produktivität, mehr Zeit für unsere Mitmenschen und ein nachgewiesener gesundheitlicher Nutzen sollten Anreiz genug sein. Darum sollten wir in diesem Zusammenhang das Wort „Sport“ durch das Wort „Bewegung“ ersetzen, zumal wir so auch eine größere Akzeptanz bei den Menschen bekommen.

Was ist denn der grundsätzliche Unterschied, ob wir die täglich benötigte Bewegung in den Berufsalltag integrieren oder ob wir unseren täglichen Bewegungsmangel in unserer Freizeit versuchen auszugleichen?

Wie aus der Fragestellung schon deutlich wird, gibt es den Versuch, etwas aus dem Gleichgewicht geratenes auszugleichen. Der Sport nach Feierabend soll den täglichen Bewegungsmangel ausgleichen. Das funktioniert nur bedingt, die Studienlage ist hier noch recht kontrovers. Wir sollten versuchen, es gar nicht erst zu einem Ungleichgewicht kommen zu lassen. Unser natürlicher, d.h. evolutionär bedingter Bewegungsdrang fordert von uns stetige Bewegung ohne lange Pausen in monotoner Körperhaltung. Diesen Drang, von unserem zentralen Nervensystem getriggert, können Sie sehr schön bei jedem gesunden Kind beobachten. Leider scheint dieser für die Aufrechterhaltung aller Körperfunktionen wichtige Bewegungsimpuls im Erwachsenenalter zu versiegen. Wir neigen zwar zu Bewegung, sind aber auch Meister des Energiesparens. In unserer heutigen Welt sind die Energiesparangebote groß – zu groß. Wir nutzen gerne den Pkw, Fahrstuhl oder die Rolltreppe. Unsere Freizeit verbringen wir scheinbar lieber vor dem Fernseher anstatt an der frischen Luft oder in einer sozialen Gemeinschaft. Stetige Bewegung, körperlich wie geistig ist der Schlüssel für ein langes, gesundes Leben. Die Studienlage ist hier eindeutig!

Eine Frau steht am Schreibtisch, eine andere sitzt am Schreibtisch
Haltungswechsel zwischen Sitzen und Stehen sollten nachhaltig etablieren werden.

Die meisten Menschen sind beruflich heutzutage an den PC gebunden. Wie ist das mit Bewegung zu vereinen?

Beruflich an den PC gebunden zu sein bedeutet nicht, auch an den Bürostuhl gebunden zu sein. Ich benötige den PC und seine Eingabehilfen für meine Arbeit. Die muss ich bedienen. Wie ich jedoch den Arbeitsablauf organisiere, ist der entscheidende Punkt, um trotz der Gerätegebundenheit meine Gesundheit nicht zu vernachlässigen. Ich muss doch nicht vor dem PC starr sitzen! Ich kann doch auch dynamisch davor sitzen und meine Haltung in der Vertikalen stetig ändern. Vom dynamischen Sitzen zum dynamischen Stehen. Ich baue Wegstrecken ein: Ein Drucker oder gar Kopierer hat in einem Büro nichts zu suchen. Diese Ausgabegeräte bekommen einen eigenen Raum oder Platz im Flur. Es ist nicht zu verachten, was für ein enormer Bewegungsgewinn aus solch scheinbar einfachen Maßnahmen zu erreichen ist.

Wie funktioniert hier die praktische Umsetzung?

Zum einen, wie soeben erwähnt, mit einfachen organisatorischen Maßnahmen, wo ich in meinem Büro welche Geräte anordne. Das sollte jedoch nicht alles sein. Denn das Bewegungsangebot muss verführerisch und stetig sein. Das bedeutet, auch während meiner Schreibtischtätigkeit muss die Möglichkeit für körperliche Bewegung bestehen. Entscheidend ist jedoch, den Haltungswechsel zwischen Sitzen und Stehen nachhaltig zu etablieren. Das gelingt nur, wenn meine Arbeitsplatzorganisation auf dieses Bewegungsziel ausgerichtet ist. Hier zeigen die höhenverstellbaren Tische jedoch Schwächen. Diese sind mittlerweile zwar weit verbreitet, haben jedoch nach meiner Erfahrung nicht zu einem häufigen Haltungswechsel zwischen Sitzen und Stehen beigetragen. Die nachhaltigste Etablierung eines häufigen Haltungswechsels am Schreibtisch erreichen wir über zwei Arbeitszonen, eine Sitz- und eine Stehzone – wir nennen das Zonenkonzept.

Ein Mann und eine Frau stehen an einem Tisch
Flexible Stehzonen ermöglichen Bewegung im Büroalltag.

Wie sieht Ihr Zonenkonzept in der Praxis aus?

Wir lösen das an vorhandenen Arbeitsplätzen mit einem nachrüstbaren Tischstehpult oder einem frei stehenden, mobilen Stehpult. Das nachrüstbare Tischstehpult kann einfach auf jeden vorhandenen Arbeitsplatz nachgerüstet werden. Dieses Tischstehpult, ergänzt durch einen zweiten Monitor, Tastatur und PC-Maus, ist nun die Arbeitsfläche für stehende Tätigkeiten. Ich behalte also meine bisherige Sitzzone und ergänze diese durch die Stehzone. Der entscheidende Vorteil ist hier die visuelle Präsenz meines Stehplatzes und der schnelle Haltungswechsel, da ich nur aufstehen muss und einen Schritt zu Seite mache und sofort weiterarbeiten kann. Es muss also nicht mehr die gesamte Arbeitsfläche angehoben werden. Eine weitere Möglichkeit ist, den vorhandenen Arbeitsplatz um ein Multifunktionsstehpult zu erweitern. Diese mobile Steharbeitsplatz-Verfügbarkeit bietet für unterschiedlichste Tätigkeiten eine schnelle Rückzugsmöglichkeit oder ausreichend Platz für ein kurzes spontanes Meeting.

Findet dieses Zonenkonzept eine bessere Akzeptanz als der klassisch höhenverstellbare Schreibtisch?

Ja! Wichtig ist jedoch eine klare Aufgabenverteilung zwischen der Sitz- und der Stehzone. Ich selber habe an meinem Arbeitsplatz der Stehzone die Aufgaben E-Mails, Telefonate und Terminverwaltung zugeordnet, alle übrigen Tätigkeiten erledige ich in meiner Sitzzone. Damit muss ich mich nicht selber oder mich von außen an den Haltungswechsel erinnern lassen, sondern die Tätigkeiten triggern meinen Haltungswechsel. Klingelt das Telefon, habe ich Mails zu schreiben oder einen Termin in meinen Kalender einzutragen, muss ich aufstehen! Dass dieses Konzept funktioniert und tatsächlich zu einem nachhaltigen Haltungswechsel führen kann, haben wir bereits 2003 in einer Fünfjahres-Langzeitstudie belegen können.

 
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