Unternehmensführung

Wie Betriebe dem Wandel der Arbeitswelt begegnen können

Bereit für den Wandel?

Die Arbeitswelt wandelt sich und hält mit neuen, digitalen Arbeitsformen Herausforderungen für die Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit bereit. Gleichzeitig sind die Akteure weiterhin mit den klassischen Arbeitsschutzfragen in allen Bereichen befasst. Auf dem 13. Arbeitsschutzforum am 26. und 27. September 2018 in Berlin tauschten sich Vertreter aus Politik, Unternehmen, Betriebsräte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Aufsichtspersonen und Vertreter aus der Wissenschaft unter dem Motto „Gemeinsam den Arbeitsschutz der Zukunft gestalten: Kontinuität im Wandel“ aus.

Achim Sieker, Bundesministerium für Arbeit und Soziales, moderierte den Workshop mit ca. 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Er stellte eingangs fest, dass die Nutzung digitaler Technologien in Betrieben mit einer veränderten Gefährdungs- und Belastungssituation verbunden ist und Unternehmen konkrete Instrumente und Praxishilfen benötigen, um den digitalen Wandel sicher und gesund zu bewältigen. Die geladenen Referenten kamen aus Praxis, Beratung und Wissenschaft und sollten so verschiedene Perspektiven des Themas aufzeigen und zur Diskussion stellen.

Neue Belastungen in der neuen Arbeitswelt

Zunächst stellte Anja Cordes vom Institut für Technik der Betriebsführung, einem Forschungsinstitut im Deutschen Handwerk, vor, welche Auswirkungen die Nutzung digitaler Technologien auf Betriebe hat und wie sich Belastungen verändern. Nach einer im Rahmen des BMBF-Forschungsprojektes „Prävention 4.0“ realisierten Befragung von 845 Fachkräften für Arbeitssicherheit und Berater/innen der Handwerkskammern und -verbänden bringt für die Mehrheit „Arbeit 4.0“ tatsächlich neue Belastungen (71,3 Prozent). Durch Einsatz von 4.0-Technologien sehen knapp zwei Drittel (66,4 Prozent) einen Rückgang körperlicher Belastungen. Als Beispiele nannte Anja Cordes Hilfsmittel wie Drohnen oder Assistenzsysteme wie Exoskelette zum Heben schwerer Lasten. Ebenso können mittels Simulationen - z. B. durch virtuelle Realität - Arbeitsabläufe in belasteten Umgebungen durch z. B. Emissionen wie Staub oder Strahlung in Echtzeit durchgespielt werden. Es gibt jedoch nicht nur potenzielle Erleichterungen, sondern es entstehen auch neue Belastungen: Vor allem die psychischen Belastungen und die kognitiven Anforderungen steigen für die Befragten stark an, wenn smarte Technologien in Betrieben eingesetzt werden.

Anja Cordes stellte dar, welche konkreten Belastungen dahinter stecken: Mit den neuen Technologien halten in die Betriebe eine steigende Komplexität und dadurch Überforderung und Arbeitsverdichtung mit dem Anspruch, mehr Informationen in weniger Zeit zu verarbeiten, Einzug. In Kombination damit belasten die Beteiligten Unsicherheit und damit verbunden Ängste. Als Konsequenz zeigt die Handwerksforscherin auf, dass beim Einsatz neuer Technologien keine Erleichterung per se geschieht, sondern es immer auf die Gestaltung im Betrieb ankommt. Diese sollte nicht nur die klassischen Aspekte wie Sicherheit und Gesundheit umfassen, sondern auch der Führung, Kultur und Organisation. Nur durch eine ganzheitliche Sicht auf den Technologieeinsatz können Betriebe optimal vielfältige Chancen der neuen Technologien nutzen.

Angebote für Unternehmen

Welche Angebote Betriebe nutzen können, um Unterstützung zu erhalten, stellte Ferdinand Kögler, Unternehmensberater, vor. Das neue Beratungsprogramm „unternehmensWert:Mensch plus“ (kurz uW:M+) bietet kleinen und mittleren Unternehmen finanzielle Förderung (bis zu 80 Prozent) von personalpolitischen oder arbeitsorganisatorischen Veränderungsprozessen, die in Zusammenhang mit einer konkreten digitalen Transformation innerhalb des Betriebs stehen. In diesem Rahmen erhalten Betriebe eine maßgeschneiderte Unterstützung und Prozessbegleitung und können so eigene Vorhaben rund um die Digitalisierung umsetzen.

Maßgeschneiderte Konzepte

Susanne Bielen, Geschäftsführerin vom Unternehmen Adolf Jungfleisch, berichtete anschließend über die Ergebnisse eines uW:M+ Projektes in ihrem Unternehmen. Als Hersteller und Handelshaus für Arbeitsschutzausrüstung mit 22 Beschäftigten, das maßgeschneiderte Produkt- und Servicekonzepte rund um den Arbeitsschutz in Unternehmen aller Größen bietet, bestehen dort seit 100 Jahren Kernkompetenzen in der  Entwicklung und Herstellung von Schutzhandschuhen. Adolf Jungfleisch war auch an der Erstellung des digitalen Assistenzmittels ProGlove mit dem Unternehmen Workaround beteiligt.

Im Unternehmen laufen derzeit viele Wandlungsprozesse, wie die Einführung der Premium-Marke „Feuermeister“ im Grill & Barbecue-Segment, eines digitalen und flexibleren Warenwirtschaftssystems, in dem auch Handelspartner und Endkunden über das Internet angebunden werden. Gleichzeitig sollte die Arbeitsorganisation zwischen den Abteilungen optimiert werden. Um angesichts der damit verbundenen Veränderungsprozesse im Betrieb weiter gesund, sicher und produktiv zu arbeiten, hat der Betrieb das Instrument des ‚Standups‘ eingeführt: „Einmal in der Woche kommt hier das komplette Team zusammen und tauscht sich über die Arbeitsergebnisse aus“, so Susanne Bielen. Sie führt weiter aus: „Hier kommt dann zur Sprache, wer aktuell woran arbeitet, was jeder noch zu tun hat und ob jemand Unterstützung benötigt.“ Die Unternehmerin stellt die positiven Effekte für die Unternehmenskultur und betrieblichen Abläufe dar. So können gerade kleine Unternehmen strukturbedingte Vorteile hinsichtlich Flexibilität und Innovationsfähigkeit voll ausnutzen. Das Instrument ‚Standup‘ kann als ‚Weekly Standup‘ (kurz ‚Weekly‘) als Bestandteil eines agilen Arbeitssystems genutzt werden. Ferdinand Kögler hat Jungfleisch bei der Einführung der Digitalisierung und der damit verbundenen Organisationsentwicklung und agiler Arbeitssysteme begleitetet.

Titel des Flyers zum 13. Arbeitsschutzforum
 
Weitere Informationen