Arbeitssicherheit

Nachschau A+A 2019

Mach’s einfach!

Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz spielen eine zunehmend wichtige Rolle für die Gestaltung von Arbeitsprozessen. Die A+A 2019 in Düsseldorf hat das mit ihren facettenreichen Ausstellungen und Rahmenprogrammen gespiegelt. Doch neben der Investition in moderne PSA und Sicherheitstechnik ist für Unternehmen vor allem eines wichtig: die möglichst einfache Umsetzbarkeit struktureller und organisatorischer Maßnahmen. Die Digitalisierung hat dafür neue Verfahren und Plattformen hervorgebracht – und war darum auch eines der Hauptthemen der Leitmesse und des parallelen Kongresses.

Moderatorin vor Leinwand
Erstmals gab es ein Kino bei der A+A. Dort präsentierte die Initiative kommmitmensch u.a. die 20 besten Arbeitsschutz-Clips auf großer Leinwand.

„Echt jetzt?“ Sichtlich irritierte Gesichter im Publikum der Diskussionsveranstaltung „Prävention 4.0 für die Arbeitswelt 4.0“. Denn: Was die Teilnehmer zu Recht als eine der basalen Maßnahmen für den Arbeitsschutz ansehen – die Gefährdungsbeurteilung –, werde immer noch von zu wenigen deutschen Unternehmen lückenlos und rechtssicher realisiert. Zu diesem Ergebnis kamen die Vertreter der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) von Bund, Bundesländern und Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung auf dem Podium. Darum gelte für die Arbeitsgemeinschaft, es den Betrieben möglichst einfach zu machen, fundierte Gefährdungsbeurteilungen zu implementieren. Die Notwendigkeit dafür, zumindest die gesetzliche, sei zwar allen klar. „Aber wir müssen den Leuten konkret sagen, was sie machen sollen und nicht, wo sie sich Knowhow zusammensuchen können“, lautet daher auch ein mit Applaus bedachtes Statement eines GDA-Vertreters. Dabei helfe Erhebung, Analyse und Vernetzung von Daten. Die Digitalisierung also.

Vier Personen auf der Bühne
ZDF-Journalistin Barbara Hahlweg moderierte die Verleihung des Deutschen Arbeitsschutzpreises 2019. Bei ihr kam auch der Chef der Sattlerei Bielkine zu Wort – Mitgliedsbetrieb der BG RCI und Preisträger in der Kategorie „persönlich“.

Daten übersetzen lernen

Ob GDA-OrgaCheck, die Angebote der Berufsgenossenschaften oder kommerzielle Dienstleistungen: Es gibt viele digitale Hilfsmittel für Betriebe, den Arbeitsschutz professionell zu managen – nach wie vor aber auch Hemmschwellen, sie zielführend einzusetzen. Ein Grund dafür liegt im Wandel der Arbeitswelt, der sich in unserer Unternehmenslandschaft weder linear noch homogen vollzieht. Was ist gute Arbeit, wann ist sie gesund und sicher? Schon auf diese grundsätzlichen Fragen gibt es keine universalen Antworten. Das unterstreicht auch der österreichische Trendforscher Franz Kühmayer in seiner Keynote bei der Kongress-Eröffnung: Einen Mangel an Daten und Informationen gebe es auf der Welt keinen – wohl aber ein großes Defizit, sie zu übersetzen und daraus Handlungen abzuleiten. Der Klimawandel sei ein gutes Beispiel. „Wir wissen, dass es ihn gibt, was ihn ausgelöst hat und weiter verschärft. Und doch bildet unser Verhalten das nicht ab“, so Kühmayer. Eine Ursache sieht der Trendforscher in der Fragmentisierung, Individualisierung und Entsolidarisierung unserer Gesellschaft: „Alle wollen die Nadel sein, niemand der Heuhaufen.“ Zudem sei Arbeit entgrenzt, also nicht mehr nur beschränkt auf eine bestimmte Zeit und einen Ort der Ausführung. Flexible Arbeitszeitmodelle, Home Office und Telearbeit lassen Lebens- und Arbeitswelt zunehmend verschwimmen, weshalb Arbeitsschutz weitaus komplexer zu realisieren ist als noch vor 20 Jahren.

Arbeitshandschuh
Schutz bei schwerer Arbeit: Der Hersteller W+R präsentierte schnitt-, öl- und stoßfeste Arbeitshandschuhe für raue Einsätze.

Jede Arbeit verdient Sicherheit und Gesundheit

Eine Tendenz der Entsolidarisierung sieht auch Peer-Oliver Villwock, Leiter der Unterabteilung „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, und warnt in seinem Vortrag zugleich davor, die Diskussion um die Arbeit 4.0 zu akademisch zu führen: Es sei wichtig, die sogenannte „basic work“, also Einfacharbeit, nicht aus den Augen zu verlieren. Sie böte gegenüber dem Modell der „new work“ kaum Freiheiten, sei oft schwer, stark getaktet – aber die „Grundlage für die Lösung unserer eigenen Vereinbarkeitskonflikte“. Beschäftigte in der Altenpflege etwa, oder in Lager und Logistik, nehmen uns beschwerliche Tätigkeiten ab und halten uns den Rücken frei, damit wir unsere Lebensqualität trotz hektischer werdendem Alltag bewahren können. Ihre Ansprüche an einen gesunden, sicheren Arbeitsplatz seien denen der „new work“ aber sehr ähnlich und so „brauchen wir auch für sie Beteiligung auf Augenhöhe“, ist sich Villwock sicher. Die BG RCI unterstützt diese Ansicht ausdrücklich, denn auch wir sind überzeugt, dass Beteiligung ein Gefühl der Wertschätzung erzeugen kann – und die Motivation, am Arbeitsschutz aktiv mitzuwirken. Egal, in welcher Branche und auf welcher Ebene.

Mann in Warnweste
Linde Material Handling bietet ein Paket digitaler, miteinander kommunizierender Assistenten rund um sichere Logistik. Die LED-Warnleuchten und Alarmvibration dieser Weste springen an, sobald ihrem Träger ein mit entsprechender Linde-Sensorik ausgerüsteter Stapler zu nahe kommt. Gleichzeitig zeigt ein Display dem Fahrer, wo Kollisionsgefahr besteht. Vernetzt in einem Flottenmanagement, drosselt der Stapler bei Bedarf sogar automatisch das Tempo, etwa an unübersichtlichen Tordurchfahrten. Linde plant, sein Angebot auch auf Erdbaumaschinen auszuweiten.

Keine Frage der Größe

Wie großartig das funktioniert, bewiesen auch dieses Jahr die Träger des Deutschen Arbeitsschutzpreises. Verliehen wurde er im Rahmen des A+A Kongresses erstmals in fünf Kategorien: strategisch, betrieblich, kulturell, persönlich und Newcomer. Mächtig stolz sind wir, dass zwei von diesen fünf Preisen an Mitgliedsunternehmen der BG RCI gingen: an die RWE Power AG (Kategorie „kulturell) für ihr interaktives Spiel „Safety Academy“ und an die Sattlerei Bielkine (Kategorie „persönlich“) für die Einrichtung eines Spezialraumes zur Verarbeitung Allergie auslösender Stoffe.

Zwei Unternehmen, die verschiedener kaum sein könnten. Die RWE Power AG beschäftigt rund 10.000 Mitarbeiter – die Sattlerei Bielkine in Hannover sieben. Engagiert und ideenreich sind beide, wie überhaupt alle Nominierten und Preisträger. Was ihre völlig unterschiedlichen Wettbewerbsbeiträge verbindet, ist die Einfachheit in der Anwendung. Das also, was in Podiumsdiskussionen und Vorträgen auf der A+A 2019 Tag für Tag eingefordert wurde. Der Deutsche Arbeitsschutzpreis hat einmal mehr gezeigt, dass gesunde, sichere Arbeit oft gar nicht viel mehr braucht als gute Ideen. Und schon gar nicht abhängig ist von der Unternehmens- und Umsatzgröße.

Auch in Sachen VISION ZERO wird das immer wieder deutlich – und zwar weltweit. In einer Veranstaltung beim A+A-Kongress, moderiert von IVSS-Generalsekretär Hans-Horst Konkolewsky, referierten Kooperationspartner aus verschiedenen Nationen und Branchen, wie sie die 7 Goldenen Regeln der Präventionsstrategie in die Praxis umsetzen, vom Konzernmanagement bis hin zu kleinsten Zulieferern und Dienstleistern. Kommunikation auf Augenhöhe ist überall alles, um Menschen für die VISION ZERO einzunehmen.

Preisträger auf der Bühne
Der Deutsche Arbeitsschutzpreis 2019 war mit insgesamt 50.000 Euro dotiert. Auch über den warmen Regen freuten sich die Gewinner gemeinsam mit Juroren und Laudatoren.
Staubmessgerät
Driesen+Kern bietet via Bluetooth kommunizierende Staubmessgeräte zur Überwachung der Umgebungsluft in Außen- und Innenbereichen. Grafische Darstellungen auf dem PC erleichtern es dem Operator, bei Risiken Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Sinnvolle Investitionen

Gute Prävention ist also vor allem eine Einstellungssache und muss nicht viel kosten. Es kann aber auch nicht schaden, wenn die Unternehmen Geld für den Arbeitsschutz in die Hand nehmen, für Persönliche Schutzausrüstung (PSA) und Sicherheitstechnik etwa. Dass die Investition den Unternehmenserfolg steigert, haben wir in unserer STEINE+ERDEN, an Infoständen und im Rahmen der VISION ZERO schon häufig vorgerechnet. Und so ist rund ums Thema Sicherheit und Gesundheit ein riesiger, vielschichtiger Markt gewachsen, für den die zweijährlich stattfindende A+A eine ideale Bühne bietet. Eines ihrer Leitthemen 2019: Digitalisierung. Natürlich ein Dauerbrenner auf nahezu jeder erdenklichen Fachmesse. Aber wer sich darauf konzentrierte, hat in Düsseldorf tatsächlich Innovationen finden können, die dieses Attribut wirklich verdienen.

Sicherheitsschuh, daneben Zehenschützer
Hightech an der Spitze: Eine neue Sicherheitsschuh-Kollektion des deutschen Herstellers Haix verfügt über Zehenschützer aus Carbon und ist dadurch besonders leicht.
Frau vor stilisiertem T-Shirt, das aus Plastikflaschen zusammengesetzt ist
Schwer im Kommen: Recycling-Textilien. Auch der Berufsbekleidungsvermieter CWS bietet Stoffe aus alten PET-Flaschen. // Alle Fotos dieses Beitrags: Markus Hofmann/BG RCI

Im Kern geht es bei vielen digitalen Lösungen um die Vernetzung von Daten und Prozessen. Sie hat zwei Ziele. Erstens ein soziales: Risiken für den Menschen zu reduzieren. Zweitens ein ökonomisches: den Workflow zu optimieren.

Intelligente PSA etwa sammelt mithilfe von Sensoren und Detektoren nicht nur Informationen über Zustand und Wartungsbedarf, sondern auch Orts- und Vitaldaten ihrer Träger, und verfügt sogar noch über Warnsysteme, die mit den Gerätschaften in ihrer Umgebung kommunizieren können. Künstliche Intelligenzen erheben permanent Daten von Fahrzeugen und Anlagen, um auf Gefahren hinzuweisen oder bei Bedarf teilautonom in den Arbeitsprozess einzugreifen. Jedoch nicht mit dem Ziel, Menschen die Verantwortung für die Sicherheit am Arbeitsplatz abzunehmen, sondern die Reichweite ihrer Sinne zu erweitern und ihnen die Entscheidung für die richtige Handlungsoption zu vereinfachen. Unterweisungen mit Hilfe von Simulationen in der Virtual oder Augmented Reality ermöglichen eine praxisnahe Vorbereitung auf den „Ernstfall“; Überwachungssysteme analysieren in Echtzeit die Schadstoff- und Lärmbelastungen am Arbeitsplatz; Ergonomen entwickeln in 3D-Modellen ebenso gesunde wie effiziente Arbeitsumgebungen für ihre Kunden. Kurz: Digitale Technologien und KI bergen große Potenziale für die Prävention der Zukunft. Mehr noch – sie sind Demokratisierungsfaktoren, um es mit Trendforscher Kühmayer zu sagen.

Sofern sie denn verantwortungsvoll genutzt werden. Und dem Menschen untertan bleiben.

Die nächste A+A findet statt vom 26. bis 29. Oktober 2021 in Düsseldorf.

Markus Hofmann
Redaktion STEINE+ERDEN

Mann mit Virtual Reality-Helm
Bornack, Hersteller von Anseil- und Fallschutz-Lösungen, führte seine Standbesucher in der Virtual Reality auf gefährliche Höhenarbeitsplätze.
 
Weitere Informationen