Technik

Digitalisierung eines Transportbeton-Unternehmens

Papierberge werden kleiner

350 Mitarbeiter, neun Transportbetonwerke in Hessen und sechs in Thüringen, die von sieben Kieswerken im Freistaat Thüringen versorgt werden – so präsentiert sich der heutige Unternehmensverbund der Firma Naumann aus dem hessischen Kirchheim, zu dem auch K+B Kies und Beton aus Erfurt gehört. Der Umsatz wird hauptsächlich mit Beton in verschiedensten Formen, Mörtel, aber auch Kiesen, Splitten und Sanden erwirtschaftet. Seit mehreren Jahrzehnten werden im Unternehmensverbund verschiedene Prozesse fortwährend digitalisiert.

„Die dazu installierte firmeneigene EDV war für unsere damaligen Bedürfnisse eigentlich maßgeschneidert und wurde von uns auch selbst betreut“, berichtet Ralf Zschäbitz, Prokurist des Unternehmens. Da aber weitere und auch neue Anforderungen auf die Unternehmensgruppe zukamen, die sich damit nicht mehr umsetzen ließen, war eine Umstellung notwendig, so Zschäbitz über die „nicht einfache Entscheidung“. Man entschied sich für „WDV 2020“ von Praxis EDV, eine hochintegrierte Branchen-ERP, welche aus einer ehemals reinen Wägedatenverarbeitung entwickelt wurde. Dort sind im Laufe der Zeit weitere Bereiche wie die Fakturation, Rezepturen und Stammdaten, der Rohstoffeinkauf, das Labor, die Kalkulation, die Disposition, der elektronische Lieferschein und die digitale Archivierung integriert worden.

Ein LKW wird im Erfurter Kieswerk 1 beladen
Ein LKW wird im Erfurter Kieswerk 1 beladen.

Schwierige Anfangsphase schnell überstanden

„Da hier die für uns relevante Asphalt-, Schüttgut- und Betonbranche sowie die Baustofflogistik abbildet ist, haben wir entschieden, am 01. Januar 2019 mit der Einführung zu beginnen.“ Der Anfang sei wie eine „Operation am offenen Herzen“ gewesen, da man ja grundlegend in die zentralen Systeme eingegriffen habe, blickt Zschäbitz zurück. Wie oft bei größeren Umstellungen sei diese Phase zwar etwas schwierig gewesen, aber nach relativ kurzer Zeit waren die meisten Daten übernommen und alle Abläufe auf ein normales Maß eingespielt. Zur besseren Vorbereitung wurden bereits seit Oktober 2018 etwa 100 Mitarbeiter wie beispielsweise das Waagenpersonal und die Mischmeister sowie aus den Bereichen Fakturierung, Buchhaltung, Vertrieb und Disposition in fachspezifische Gruppen eingeteilt und erhielten Schulungen zu den für ihre Arbeit wichtigen Informationen. Jetzt sind die Werke in Erfurt/Schwerborn, in Kirchheim, die Betonpumpen der BHT und der Baustoffvertrieb BVFW über die WDV als eine „Industrie 4.0“ – Lösung digital vernetzt. Der Datenaustausch erfolgt dabei über eine hoch abgesicherte Cloud. „So sind jetzt beispielsweise alle Mischstationen und Baustellen geocodiert und können problemlos eingebunden werden. Das sind Kleinigkeiten, die früher gefehlt haben, um Vorgänge schneller abzuschließen“, so Ralf Zschäbitz.

Auf die spezifischen Bedürfnisse angepasst

Die WDV 2020 könne jedoch noch mehr. Zwar habe man ein „fertiges Gesamtpaket“ gekauft, jedoch erfolge derzeit noch eine gemeinsame Anpassung an die konkrete Situation im Unternehmensverbund. Jeder Geschäftsfall wird dort aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und es werden andere Schwerpunkte gesetzt. Etliche Erleichterungen gibt es auch in der Disposition in Erfurt. „Wir können jetzt Aufträge an unsere Fahrzeuge, beispielsweise von unserem Kieswerk an unser Betonwerk, digital abarbeiten, was früher telefonisch gemacht werden musste“, sagt Holger Pabst (Disponent für Schüttgüter). Das bestätigt auch sein Kollege Peter Mainz, welcher für Zement und auch Kies zuständig ist: „Zusätzlich zu der digitalen Auftragsvermittlung können wir überprüfen, wo die Fahrzeuge sind und ob sie sich im zeitlich richtigen Rahmen bewegen, Termine einhalten und die richtigen Routen zu den Mischwerken oder Kunden nutzen.“ Diese zeitnahe Abfrage am PC sei eine große Hilfe, da auch hier vorher alles aufwändig telefonisch erledigt werden musste. Bei der Betonherstellung sind die Schüttgut-LKW und die Transportbetonmischer schon über ein in den Fahrzeugen angebrachtes „Fleetboard“ direkt an die WDV angeschlossen und bekommen ihre Aufträge von der Disposition direkt ins Führerhaus übermittelt. Bei den Mischfahrzeugen gehen die Aufträge allerdings noch über den Mischmeister, welcher dann die Fahrzeuge einteilt. Hier bestätigt der Fahrer auf dem Fleetboard nur das Ende eines Auftrages und es kann mit diesen Rückmeldungen dann weiter disponiert werden.

Auch die Fakturierung von geliefertem Kies und Beton kann zeitnah erfolgen, da die entsprechenden Daten sofort zur Verfügung stehen. Damit wurde das alte und aufwendige System der „Frachtgutschriftenerstellung“ abgelöst, welches vorher bei externen Spediteuren und Kunden eingesetzt wurde.

Mann im Fahrerhaus eines Lkw
Im Fahrerhaus wurde ein Fleetboard angebracht.

Schrittweise Umstellung und Testlauf

Die Umstellung der Radlader gehe ebenfalls schrittweise voran. Derzeit sei dort noch ein älteres System in Einsatz, welches aber die Lieferscheine schon digital an die WDV 2020 übermitteln kann. „Wir haben für ein Fahrzeug eine Radladerkonsole zum Testen gekauft.“ Dort habe der Fahrer jetzt sofort Zugriff auf sämtliche WDV-Daten wie beispielsweise Kunden, Baustellen und Produkte, sagt Zschäbitz. Auch die Daten des Radladers stehen innerhalb von Sekunden allen Beteiligten zur Verfügung und können sofort fakturiert werden. Neben Zeitgewinn sei dabei die Zuverlässigkeit bei der Lieferscheinerstellung deutlich höher, worin Zschäbitz einen wichtigen Vorteil sieht.

Erste Bewährungsprobe bestanden

Eine erste große Bewährungsprobe musste die WDV 2020 an der Großbaustelle Sontra für die neue A 44 in Hessen bestehen. Dort wurde Ende September ein größerer Überbau an einer Autobahnbrücke betoniert. Die Anlieferung von 700 Tonnen Zement, die rechtzeitig im Mischwerk sein müssen, um daraus mit werkseigenem Kies ca. 2.000 m³ Beton für 6 mehrschichtig arbeitende Großmastpumpen herzustellen und eine zeitlich sehr genaue Taktung aller Prozesse – so lautete die logistische Herausforderung an die neue Software. Um die geforderte nahtlose Versorgung mit Beton zu gewährleisten, arbeiteten hier drei Mischwerke in Berka/Werra, Reichensachsen und Eisenach zusammen. „Ich kann jetzt auf meinem Display in Echtzeit sehen, wo sich alle im Einsatz befindlichen Lieferfahrzeuge befinden und so auch erkennen, wann meine Fahrzeuge hier wieder ankommen und beladen werden wollen.“ Früher musste das auch hier aufwändig per Telefon geklärt werden, erläutert Mischmeister Ronald Holle vom Werk Berka/Werra, und erkennt hier eine große Erleichterung seiner Arbeit. „Kunden, Baustellen, Rezepturen, Betonpumpen, Liefermengen – alles ist sauber hinterlegt“, fasst Zschäbitz zusammen.

Aktenordner im Regal
Mit der Einführung des Lieferscheinportals Bau ELSE wird dann auch ein Archiv nicht mehr notwendig sein.
 
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