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Arbeitsplatz Auto-Betonpumpen

-- Eine Analyse des Unfallgeschehens --

Dipl.-Ing. (FH) H. Werner




Arbeitsplatz Auto-Betonpumpen

Einleitung

Arbeitsplatz Auto-Betonpumpen

Heute sind auf Deutschlands Baustellen ca. 2500 - 3000 Auto-Betonpumpen der verschiedensten Größen für die unterschiedlichsten Aufgaben und Anwendungsgebiete im Einsatz. Dies ist wenig verwunderlich, wenn man den beträchtlichen Rationalisierungseffekt berücksichtigt, der mit ihrem Einsatz auf den Baustellen verbunden ist. Auto-Betonpumpen sind leistungsstarke, unverzichtbare, nicht mehr wegzudenkende Arbeitsmittel auf den Baustellen.

Durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt z. B. durch die Anwendung der Elektronik sind in den letzten Jahren auch die Arbeitsbedingungen der Betonpumpenmaschinisten erheblichen Veränderungen unterworfen gewesen, denkt man nur an den Einsatz der Funkfernbedienung. War der Maschinist früher an den Standort der Betonpumpe durch die notwendigen Bedienelemente gebunden, so kann er sich jetzt - je nach Bedarf - auf der Baustelle frei bewegen und sich auf die Schüttstelle bzw. die Beschäftigten am Endschlauch konzentrieren (Abb. 1/2).

Solche Veränderungen haben natürlich auch Einfluß auf die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz. Einige Gefährdungen wurden beseitigt, z. B. der gesundheitsschädigende Lärm, der durch die räumliche Entfernung zum Pumpenaggregat und zum Fahrmischer kaum noch Bedeutung hat. Andererseits haben sich Gefährdungen verstärkt bzw. sind neue hinzugekommen. Bleiben wir bei dem Beispiel der Fernbedienung, dann muß man feststellen, daß die freie Bewegungsmöglichkeit natürlich auch mit Risiken verbunden ist.

So ist 1997 ein Betonpumpenmaschinist während der Beobachtung der Schüttstelle am Endschlauch langsam rückwärts gelaufen, um besser sehen zu können.
Arbeitsplatz Auto-Betonpumpen Er fiel in eine ungesicherte Deckenöffnung von der 1. Etage in das Kellergeschoß (Abb. 3) und verletzte sich so schwer, daß er bis zum heutigen Tage seine Arbeit nicht wieder aufnehmen konnte und wahrscheinlich auch zukünftig nicht mehr kann. Am 25.08.1998 ereignete sich ein gleichartiger schwerer Unfall, nur daß diesmal ein ungesicherter Aufzugsschacht die Ursache für den Absturz war.








Zum Unfallgeschehen

Eine Reihe solch schwerer und fünf tödliche Arbeitsunfälle in den letzten beiden Jahren haben die Steinbruchs-Berufsgenossenschaft veranlaßt, konkret das Unfallgeschehen an und mit Auto-Betonpumpen verstärkt zu untersuchen.

Von Anfang an sind die analytischen Ergebnisse durch eine enge Zusammenarbeit mit Herstellern und Betreibern dieser speziellen Technik für Ansatzpunkte in der Prävention genutzt worden. So wurden bei der Auswertung der Ergebnisse in Seminaren viele Gespräche mit erfahrenen Maschinisten, mit Disponenten und Betriebsleitern geführt. Auch mit Ingenieuren der Herstellerfirmen, Verantwortlichen für die Aus- und Weiterbildung haben sich Kontakte ergeben. Selbstverständlich wurden die Probleme auch im Bereich des Technischen Aufsichtsdienstes unserer Berufsgenossenschaft diskutiert. Aus diesen Gesprächen wurde deutlich, daß es sich lohnt, die in der Praxis entstandenen Lösungen für eine höhere Arbeitssicherheit im Detail zusammenzutragen und auszuwerten.

Der Arbeitsplatz "Auto-Betonpumpe" zeichnet sich durch ein überdurchschnittlich höheres Gefährdungspotential aus. Im Vergleich zu anderen Branchen der in der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft versicherten Betriebe nehmen die Betonpumpenbetreiber Jahr für Jahr einen vorderen Platz im Arbeitsunfallgeschehen ein (Abb. 4).

Arbeitsplatz Auto-Betonpumpen


Auch die Unfallschwere ist überdurchschnittlich hoch. Die neuen Unfallrenten der Jahre 1996/97 und insbesondere die tödlichen Arbeitsunfälle belegen dies.

Die Arbeit der Betonpumpenmaschinisten unterliegt besonderen Bedingungen, die bei den Versicherten in den anderen Branchen in dieser Form nicht festzustellen sind.

Zum Beispiel haben

erheblichen Einfluß auf die Sicherheit bei den auszuführenden Arbeiten.

Mit diesen Problemen muß der Maschinist - sozusagen als "Einzelkämpfer" - zusätzlich fertig werden, selbst unter Berücksichtigung dessen, daß er sich infolge moderner Kommunikationstechnik mit seinem Vorgesetzten absprechen kann.

Betrachtet man die Arbeitsunfälle im einzelnen, dann ergeben sich durchaus interessante Details (Abb. 6/7/8).


Betonpumpen


Betonpumpen


Betonpumpen

Bemerkenswert aus den Diagrammen 6/7 und 8 sind folgende Fakten:

47% aller Unfälle an Betonpumpen geschehen beim Arbeitsprozeß "Reinigen der Pumpe".

bei 33,3 % ist der unfallauslösende Faktor "Absturz" von der Pumpe. (Nicht berücksichtigt sind hierbei die Stürze auf der Baustelle bzw. beim Herausspringen aus dem Fahrerhaus).

bei 10,5 % der Unfälle ist verletztes Körperteil das Auge (dies ist im Verhältnis zu anderen Branchen relativ hoch).

Für den Unfallschwerpunkt "Reinigen der Pumpe" wurde deshalb eine spezielle Gefährdungsanalyse erarbeitet und alle Unfälle beim Reinigen detailliert ausgewertet. Die Ergebnisse sind in den folgenden Abbildungen dargestellt.


Betonpumpen


Betonpumpen


Betonpumpen

Auffallend hierbei ist:

Bei den Arbeitsunfällen während des Reinigens sind

63,1 % Absturzunfälle; davon

35,5 % Abstürze von den Aufstiegen bzw. Konstruktionsteilen im hinteren Teil der Auto-Betonpumpe.

31,6% der Arbeitsunfälle ereignen sich beim Ausspritzen des Betonaufgabebehälters ("Kastens"). (Auch hierbei ist die überwiegende Anzahl auf Abstürze zurückzuführen).

13,1 % sind Augenverletzungen, vor allem beim Ausspritzen des Aufgabebehälters.

38% der Arbeitsunfälle treten bei Dunkelheit ein.

Im Zuge der Gefährdungsermittlung beim Prozeß "Reinigen der Betonpumpe" wurde mittels Videokamera der Ablauf der Arbeiten dokumentiert. Es wurde ermittelt, daß der Betonpumpenmaschinist während des Reinigungsvorganges durchschnittlich 6 mal auf die Pumpe auf- bzw. von der Pumpe absteigt. Er stellt sich auf Konstruktionsteile, um die Reinigungsarbeiten durchführen bzw. das Ergebnis derselben kontrollieren zu können. Die Stufen der Aufstiege bzw. die gewählten Standorte beim Reinigen sind in der Regel naß und glitschig, so daß ein Absturz bzw. Abrutschen mit den in der Tabelle 1 beispielhaft dargestellten Verletzungen nicht ungewöhnlich erscheint (Abb. 11/12/13).


Betonpumpen

Tages- und jahreszeitlich bedingt müssen die Maschinisten die Reinigungsarbeiten häufig in der Dunkelheit ausführen. Die installierte Beleuchtung im hinteren Teil der Betonpumpen entspricht in der Regel nicht den Erfordernissen für die durchzuführenden Arbeiten.

Neben diesen konstruktiv bedingten Mängeln schlägt sich auch das Arbeitsverhalten der Maschinisten im hohen Unfallgeschehen nieder. Als Beispiel hierfür seien genannt, daß trotz häufiger Augenverletzungen kein einziger der im Zuge der Analysen beobachteten Betonpumpenmaschisten eine Schutzbrille trug, obwohl diese vom Arbeitgeber bereitgestellt wurde.

Vier Arbeitsunfälle traten dadurch ein, daß Maschinisten bei geöffnetem Abdeckgitter in die Betonaufgabebehälter hineingegriffen haben und vom Rührwerk bzw. dem sich bewegenden "Rüssel" gequetscht wurden. Die mechanischen Verriegelungen der Abdeckgitter waren in der Regel nicht mehr in Funktion. Durch diese Gefährdung ist im Mai 1997 auch ein tödlicher Unfall eingetreten.

Zwei tödliche Arbeitsunfälle traten 1998 durch Arbeiten im Bereich von spannungsführenden elektrischen Freileitungen ein. Durch Berühren der 15-KV-Leitungen mit dem Verteilermast verunglückte in einem Falle der Betonpumpenmaschinist selbst, im anderen ein Fahrmischerfahrer, der sich an der Pumpe aufhielt.

Zwei weitere tödliche Arbeitsunfälle traten in den vergangenen zwei Jahren ein, weil Betonpumpenmaschinisten durch einfahrende Abstützungen eingequetscht wurden. Hierbei spielten neben der mangelhaften bzw. leichtfertigen Durchführung der Arbeiten durch die Maschinisten auch konstruktive Mängel an den betreffenden Auto-Betonpumpen eine Rolle. In beiden Fällen waren - entgegen den Vorschriften für das Aus- und Einfahren der Stützbeine - Schalter mit Selbsthaltung installiert, so daß sich die Betonpumpenmaschinisten während der gefahrbringenden Bewegung in den Gefahrbereich begeben konnten und erfaßt wurden.


Welche Schlußfolgerungen sind aus der vorliegenden Situation abzuleiten?

Hinsichtlich der Absenkung des Unfallgeschehens erscheint es erfolgversprechend, sich auf den Prozeß "Reinigen" zu konzentrieren (47 % aller Unfälle). Vorteilhaft ist dabei, daß es sich um einen wiederkehrenden, nahezu uniformen Prozeß handelt, der von jedem Maschinisten täglich mehrfach, bis auf die Handgriffe genau in der gleichen Art und Reihenfolge, ausgeführt wird.

Wenn es gelingt, durch die vorgesehenen Schulungsmaßnahmen ein arbeitsschutzgerechtes Verhalten der Maschinisten und gleichermaßen flankierend durch die Hersteller die notwendigen konstruktiven Veränderungen an den Auto-Betonpumpen zu erreichen, dann können relativ kurzfristig erhebliche positive Effekte in der Unfallverhütung eintreten.


Beispielhaft sollen nur einige der notwendigen - z. T. schon eingeleiteten - Maßnahmen genannt werden:

  1. Die Ausbildungsvoraussetzungen für den Beruf des Betonpumpenmaschinisten sollten in ähnlicher Form wie für Turmdrehkranfahrer exakt gefaßt werden.
  2. Die vorgeschriebene Unterweisung durch den Unternehmer vor dem Einsatz des Maschinisten sollte so interpretiert werden, daß dies inhaltlich durch einen 1-Wochen-Lehrgang zum "Qualifizierten Betonpumpenmaschinisten" erfüllt ist. Das Berufsförderungswerk Bau, Dortmund, bietet solche Ausbildungslehrgänge unter Mitwirkung der Steinbruchs-Berufsgenossenschaft bereits an.
  3. Zusätzlich haben sich 1-tägige Sicherheitsseminare als Ergänzung bewährt.

    Ausbildung

    faßt die Anforderungen an eine qualifizierte Ausbildung und Unterweisung zusammen und stellt den derzeitigen Stand der Diskussion zwischen den Herstellern, Betreibern und der Berufsgenossenschaft dar.
  4. Der Unternehmer muß den Maschinisten mit der Führung der Auto-Betonpumpe schriftlich beauftragen.
  5. Alle bereitgestellten persönlichen Schutzausrüstungen und Hilfsmittel müssen durch die Maschinisten konsequent genutzt werden.
  6. Technische Verbesserungen, welche in der Praxis z. T. schon nachgerüstet wurden, sollten in die Serien der Hersteller übernommen werden, wie z. B.
  7. Die derzeit laufenden Forschungsthemen sollten zügig bearbeitet werden.
  8. Überarbeitung der ZH 1/653 "Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit mit Auto-Betonpumpen" unter Berücksichtigung der vorliegenden Analyseergebnisse.
  9. Herausgabe des Merkblattes "Regeln für den sicheren Baustellen-Einsatz von Auto-Betonpumpen mit Verteilermast" sowohl in den Betreiberbereichen als auch für die Bauleitungen.

Unabhängig von diesen Maßnahmen wird das Unfallgeschehen bei der Arbeit mit Auto-Betonpumpen weiter aufmerksam beobachtet.

Anschrift des Verfassers:
Steinbruchs-Berufsgenossenschaft, Theodor-Heuss-Str. 160, 30853 Langenhagen





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